Bildunterschrift: Hier spricht Prof. Husserl von seiner eigenen wissenschaftlichen Leistung Arbeitsblatt 1

 

Proseminar
Einführung in die Phänomenologie Edmund Husserls: Die Lebenswelt
Seminarleiter: Christian Lotz christian.lotz@mailer.uni-marburg.de
Homepage: http://staff-www.uni-marburg.de/~lotzc

 

strich.gif (297 Byte)1. Textbeispiel 1: Ernst Mach

[Mach: Erkenntnis und Irrtum, S. 40. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 51114 (vgl. Ernst Mach: Erkenntnis und Irrtum. Leipzig 1917, 20-22)]

Eine psycho-physiologische Betrachtung.

1. Die Erfahrung wächst durch fortschreitende Anpassung der Gedanken an die Tatsachen. Durch Anpassung der Gedanken aneinander entsteht das übersichtlich geordnete, vereinfachte, widerspruchlose Gedankensystem, welches uns als Ideal der Wissenschaft vorschwebt. Meine Gedanken sind unmittelbar nur mir zugänglich, wie die meines Nachbars nur ihm direkt bekannt sind. Dieselben gehören dem psychischen Gebiet an. Erst durch deren Zusammenhang mit Physischem: Gebärden, Mienen, Worten, Taten, kann ich auf Grund meiner Physisches und Psychisches umfassenden Erfahrung einen mehr oder weniger sicheren Analogieschluß auf die Gedanken des Nachbars wagen. Anderseits lehrt mich dieselbe Erfahrung auch meine Gedanken, mein Psychisches, als abhängig von der physischen Umgebung mit Einschluß meines Leibes und des Verhaltens meiner Nachbarn erkennen. Die Betrachtung des Psychischen durch »Introspektion« ist nicht erschöpfend; sie muß mit der Untersuchung des Physischen Hand in Hand gehen.

2. Viel Mannigfaltiges finde ich »in mir« vor, z.B. auf einem Gang zur Vorlesung! Meine Beine bewegen sich, ein Schritt löst den andern aus, ohne daß ich etwas Besonderes dazu tue, außer wenn es etwa ein Hindernis zu umgehen gilt. Ich komme an den Anlagen des Stadtparks vorbei, erblicke und erkenne das Rathaus, das mich an gotische und maurische Bauten erinnert, ebenso wie an den mittelalterlichen Geist, der in dessen Räumen herrscht. In der Hoffnung auf kulturwürdigere Zustände will ich mir eben die Zukunft ausphantasieren, als beim Überschreiten der Straße ein dahersausender Radfahrer mich streift und meinen unwillkürlichen Seitensprung auslöst. Ein leiser Groll gegen diese rücksichtslosen Geschwindigkeitsidealisten tritt an die Stelle meiner Zukunftsphantasien. Der Anblick der Rampe des Universitätsgebäudes bringt mir nun mein Ziel, die Aufgabe der nächsten Stunde, nochmals in Erinnerung und beschleunigt meine Schritte.

3. Lösen wir dieses psychische Erlebnis in seine Bestandteile auf. Da finden wir zunächst diejenigen, welche in ihrer Abhängigkeit von unserm Leib: Offensein der Augen, Richtung der Augenachsen, normaler Beschaffenheit und Erregung der Netzhaut u.s.w. »Empfindungen« heißen, in ihrer Abhängigkeit von anderem Physischem: Anwesenheit der Sonne, greifbarer Körpern u.s.w. Merkmale, »Eigenschaften« des Physischen sind. Ich meine das Grün des Stadtparks, das Grau und die Formen des Rathauses, den Widerstand des Bodens, auf welchen ich trete, die streifende Berührung des Radfahrers u.s.w. Bleiben wir für die psychologische Analyse bei dem Ausdruck Empfindung. Gegenüber den Empfindungen, wie Heiß, Kalt, Hell, Dunkel, einer lebhaften Farbe, Ammoniakgeruch, Rosenduft u.s.w. verhalten wir uns in der Regel nicht indifferent. Sie sind uns angenehm oder unangenehm, d.h. unser Leib reagiert gegen dieselben mit mehr oder weniger intensiven Annäherungs oder Entfernungsbewegungen, welche selbst wieder der Introspektion als Komplexe von Empfindungen sich darstellen. Im Beginn des psychischen Lebens lassen nur die Empfindungen deutliche, starke Erinnerungen zurück, an welche eine starke Reaktion geknüpft war. Mittelbar können aber auch andere Empfindungen im »Gedächtnis« bleiben. Der an sich recht gleichgültige Anblick der Flasche, welche Ammoniak enthielt, ruft die Erinnerung des Geruches hervor und hört dadurch auf, indifferent zu sein. Das ganze vorausgehende Empfindungsleben, soweit es in der Erinnerung aufbewahrt ist, wirkt nun bei jedem neuen Empfindungserlebnis mit. Das Rathaus, an dem ich vorbei gehe, wäre für mich nur eine räumliche Anordnung von farbigen Flecken, wenn ich nicht schon viele Gebäude gesehen, deren Gänge durchschritten, deren Treppen erstiegen hätte. Erinnerungen an mannigfaltige Empfindungen verweben sich hier mit der optischen Empfindung zu einem viel reicher ausgestatteten Komplex, der Wahrnehmung, von welcher wir die bloße augenblickliche Empfindung nur mit Mühe trennen. Wenn mehreren Personen dasselbe optische Gesichtsfeld geboten wird, so wird die »Aufmerksamkeit« einer jeden in einer besonderen Richtung erregt, d.h. das psychische Leben derselben durch individuelle starke Erinnerungen in besondere Bewegung gesetzt. Ein älterer Herr, Ingenieur, macht in Begleitung eines 18jährigen Sohnes und eines 5jährigen Knaben einen Spaziergang durch eine Wiener Straße. Ihre Augen haben dieselben Bilder aufgenommen. Der Ingenieur hat aber fast nur die Straßenbahn, der Jüngling besonders die hübschen Mädchen und der Knabe vielleicht nur die Spielzeuge in den Auslagen der Mechaniker beachtet. Angeborene und erworbene organische Umstände spielen hier mit. Die Erinnerungsspuren älterer Empfindungserlebnisse, welche das psychische Schicksal neu eintretender Empfindungskomplexe wesentlich mitbestimmen, sich mit letzteren unvermerkt verweben und, an das Empfindungserlebnis anknüpfend, dieses weiterspinnend sich anschließen, wollen wir Vorstellungen nennen. Dieselben unterscheiden sich von den Empfindungen nur durch ihre geringere Kraft und durch ihre größere Flüchtigkeit und Veränderlichkeit, sowie durch die Art der Verknüpfung miteinander (Association). Eine neue Art von Elementen stellen sie den Empfindungen gegenüber nicht vor; sie scheinen vielmehr von derselben Natur zu sein wie diese.

Fragen:

  1. Was ist für Mach eine Empfindung?
  2. Machen Sie sich kund über die Geschichte des Empfindungsbegriffes. Konzentrieren Sie sich dabei auf den Zusammenhang von Empfindung und Gegenstand.
  3. Wie erklärt bzw. beschreibt Mach die Erfahrung/Wahrnehmung bzw. das psychische Erleben des "Rathauses" als Gegenstand im Zusammenhang mit dem Empfinden? Geben Sie die Antwort "in eigenen Worten".


strich.gif (297 Byte)2. Textbeispiel 2: Proust

[Kopie: Marcel Proust: In Swanns Welt. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 1. (Übersetzt von Eva Rechel-Mertens.) Frankfurt/M. 1981, 115-120

Fragen:

  1. Machen Sie sich anhand der vom Erzähler dargestellten "Lektüre, die so magisch wirkte wie ein Schlaf" (Proust, 120), Gedanken darüber, was sie machen, wenn Sie lesen. Beschreiben Sie ein Lese-Erlebnis und formulieren Sie eine Antwort. Was könnten dabei philosophische Fragen sein?
  2. Wie wird im Text das Verhältnis von Halluzination und Wirklichkeit gefaßt?
  3. Wie würden Sie die Rolle der Phantasie in unserer Welterkenntnis und in der alltäglichen Wahrnehmung einschätzen?

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Letzte Änderung: 18.4.99