Göttinger "Philosophische Gesellschaft" - vorne: Reinach, Koyre, Conrad-Martius, Scheler, Th.Conrad - hinten: Hering, Rickert jr., Rothschild, Hamburger, Frankfurter, Clemens, H.Lipps, Hübener, Leyendecker, Neumann Tischvorlage 10

 

Proseminar
Einführung in die Phänomenologie Edmund Husserls: Die Lebenswelt
Seminarleiter: Christian Lotz christian.lotz@mailer.uni-marburg.de
Homepage: http://staff-www.uni-marburg.de/~lotzc

strich.gif (297 Byte)Die Horizontintentionalität

Im §19 der Cartesianischen Meditationen führt Husserl die in den Ideen eingeführte Differenz von Aktualität und Potentialität des Erlebnisstromes weiter fort. In diesem Paragraphen präsentiert Husserl in Kurzform und äußerst prägnant seine Lehre von der Horizontintentionalität. Er schreibt: "Vielmehr impliziert jede Aktualität ihre Potentialitäten, die keine leeren Möglichkeiten sind, sondern inhaltlich, und zwar im jeweiligen Erlebnis selbst, intentional vorgezeichnete, und zudem ausgestattet mit dem Charakter vom Ich zu verwirklichender. Damit ist ein weiterer Grundzug der Intentionalität angezeigt. Jedes Erlebnis hat einen im Wandel seines Bewußtseinszusammenhanges und im Wandel seiner eigenene Stromphasen wechselnden Horizont - einen intentionalen Horizont der Verweisung auf ihm selbst zugehörige Potentialitäten des Bewußtseins." (Cartesianische Meditationen, 81f.; fett C.L.). Diese Satz enthält bereits die Gesamtstruktur, die Husserl in Erfahrung und Urteil und in den Analysen zur passiven Synthesis ausbaut. Wenn wir das Wesen der äußeren Wahrnehmung betrachten, bemerken wir zunächst eine Differenz zwischen dem, was aktual wahrgenommen wird (Aktualität) und dem, was gerade noch und gleich schon wahrgenommen sein wird (Potentialität). Der Zusammenhang beider Momente ist nicht willkürlich. Wenn ich etwa auf die Tischoberfläche schaue, so kann ich meine Hand in Richtung der Unterseite bewegen, um die Unterseite zu betasten. Die Unterseite der Tischfläche ist mir nicht aktual gegeben. Sie ist nicht anschaulich im Wahrnehmungsfeld. Als Anschauliche ist sie bloß eine Möglichkeit meines Erlebens. Diese Möglichkeit muß ich mir nicht über einen kognitiven Schluß oder einen expliziten Denkakt vergegenwärtigen, sondern sie ist meiner Wahrnehmung bewußt mitgegeben. Sie ist aber, so muß einschränkend gesagt werden, nicht anschaulich mitgegeben. Diese Form des Bewußtseins nennt Husserl "leer". Es ist etwas bewußt (vermeint). Dieses etwas unterteilt sich in erfüllt und leer. Das Leerbewußtsein geht über den anschaulichen - erfüllten - Teil meiner Wahrnehmung hinaus. In gewissem Sinne ist mehr bewußt, als aktual anschaulich bewußt ist. Die Trennung zwischen Aktualität (erfüllt) und Potentialität (leer) ist demnach keine Trennung, die durch die Gegenstände hervorgerufen oder sonstwie erst per Schluß gefunden werden müßte. Sie ist eine Differenz meines bewußten Erlebens selbst.
Der Wahrnehmungsprozeß bewegt sich immer in dieser Differenz. Etwas wird anschaulich, ein anderes leer. Eine Mehrmeinung erfüllt sich, das gerade noch Anschauliche entleert sich. Die Wahrnehmung ist ein Prozeß von Fülle und Leere. Ihr Zusammenhang ist nicht willkürlich. Husserl nennt den Zusammenhang Vorzeichnung oder auch Vorweisung.
Bewege ich nun meine Hand über den Tisch, so sind - betrachtet in reiner Ideation - nur bestimmte Möglichkeiten dessen, was anschaulich werden kann oder gewesen sein wird, im Horizont meiner Handbewegung vorgezeichnet. Ich weiß nicht, welche Struktur die Tischunterfläche haben wird, aber ich werde in meinem Weitervortasten überhaupt eine Struktur vorgezeichnet haben. Es ist also intentional und in der Wahrnehmung etwas Bestimmtes vorgezeichnet. Dieses Bestimmte ist in sich betrachtet jedoch unbestimmt. "Die Vorzeichnung selbst ist zwar allzeit unvollkommen, aber in ihrer Unbestimmtheit doch von einer Struktur der Bestimmtheit. Z.B. der Würfel läßt nach den unsichtigen Seiten noch vielerleit offen, und doch ist er schon als Würfel, und dann in Sonderheit als farbig, rauh und dgl., im voraus aufgefaßt, wobei aber jede dieser Bestimmungen stets noch Besonderheiten offen läßt." (Cartesianische Meditationen, 83). Drehe ich einen Würfel in der Hand, von dem ich nur jeweils eine Seite aktual anschaulich bewußt habe, so bin ich auf etwas (Würfel) gerichtet. Das intentionale Objekt ist der Würfel, den ich durch meine Handbewegungen näher kennenlernen möchte. Meine Handwendungen dienen also einer Näherbestimmung. Während des Drehens entleeren sich die anschaulichen Seiten und erfüllen sich die vormals nur leer vorgezeichneten Rückseiten. Wichtig ist Husserls Gedanke, daß ich "in diesen überaus komplizierten und wundersamen Systemen der Intention und Erfüllung" (Held II, 66) die Möglichkeit der Rückseiten des Würfels nicht durch den existierenden Würfel "erhalte". Ich weiß schon von ihr, wenn ich den Würfel als intentionales Objekt bewußt habe, um ihn dann in der Hand zu drehen. Der Würfel ist letztlich nichts anderes als ein System aufeinander bezogener Wahrnehmungserscheinungen.
Die Handdrehung dient nicht der Unterstützung der Wahrnehmung. Sie ist kein sekundärer Prozeß meines Körpers, sondern die Handdrehung ist ein Moment des Wahrnehmungsprozesses selbst. Um die leer-vorgezeichnete Bestimmtheit (Würfel mit für ihn typischen Eigenschaften) anschaulich erfüllen zu können, muß ich ihn drehen. Das Drehen der Hand wird aber zunächst nicht als ein körperlicher Prozeß erfahren. Wenn ich den Würfel drehe, achte ich nicht auf das Objekt "Hand", das ihn dreht, sondern bin weiterhin auf den Erfüllungsprozeß gerichtet: "Wir betrachten ihn [den Leib; C.L.] dabei rein als subjektiv beweglichen und sich im wahrnehmenden Tun subjektiv bewegenden Leib. In dieser Hinsicht kommt er nie in Betracht als wahrgenommenes Raumding" (Held II, 67). Meine leibliche Bewegung gehört zu der Möglichkeit, leer-vorgezeichnetes Bewußtsein in erfülltes zu verwandeln. Husserl spricht von verwirklichen. Alle Potentialitäten gehören nach Husserl in einen Bereich, den ich prinzipiell erfüllen kann. Das nennt Husserl einfach das "Ich kann" (Cartesianische Meditationen, 82). Es kann also niemals eine Möglichkeit in einer Erfahrung vorgezeichnet sein, die völlig außerhalb des Systems aller Wahrnehmungsmöglichkeiten läge. Ein Außerhalb der Erfahrung bzw. des Bewußtsein ist denkunmöglich.
Wenn wir einen fernen Stern durch ein Fernglas betrachten und dabei annehmen, daß dieser Stern, den wir betrachten, nicht ein abstraktes Sehding ist (etwa eine Illusionserscheinung), sondern etwas Materielles, so fassen wir es als möglicherweise betastbar auf. Die Möglichkeit des Betastens gehört zu den erfahrenen Umweltdingen konstitutiv dazu. Mit dieser Möglichkeit ist impliziert, daß ich ein Ding erreichen kann, das ich sehe. Wenn ich Dinge nur sehen würde, könnte ich mich überhaupt leiblich bewegen, d.h. von Ort A zu Ort B gelangen? Sicherlich kann es sein, daß es faktisch nicht möglich ist (wir haben noch keine Raumschiffe, die so weit fliegen können, oder ein Hindernis, das ich nicht überwinden kann, steht im Weg), aber als Möglichkeit - die wir durch Ideation finden - gehört das leibliche Erreichen konstitutiv zum wahrgenommenen Ding hinzu. Diese Überlegungen würden uns zu weiteren Fragen führen: z.B.: kann es ein reines, nur gesehenes Ding geben? Wie sieht es mit Geistern und Gespenstern aus? Moderner gefragt: Ist ein Hologramm nur ein Sehding - oder könnte es sein, daß es erst dann zu einem Sehding wird, wenn ich es anfassen wollte, aber dann überrascht feststelle, daß ich es nicht betasten, d.h. also nicht erreichen kann (Modalisierung)?

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Letzte Änderung: 29.6.99