Proseminar
Einführung in die Phänomenologie Edmund Husserls: Die Lebenswelt
Seminarleiter: Christian Lotz christian.lotz@mailer.uni-marburg.de
Homepage: http://staff-www.uni-marburg.de/~lotzc

Kontrollblatt
Zum Abschluß hier einige Begriffe, die das
Seminar u.a. bekannt machen sollte, um so eigenständige Weiterarbeit der
SeminarteilnehmerInnen zu ermöglichen. Alles folgende sind Zitate von Husserl selbst. Als
einführende Darstellung der Husserlschen Philosophie sei die Einleitung von Klaus Held in die von
ihm herausgegebenen Reclam-Bände sehr empfohlen.
Das Prinzip der Prinzipien
"Am Prinzip der Prinzipien, daß jede originäre gebende
Anschauung eine Rechtsquelle der Erkenntnis sei, daß alles, was sich uns in der
'Intuition' originär (sozusagen in seiner leibhaften Wirklichkeit) darbietet,
einfach hinzunehmen sei, als was es sich gibt, aber auch nur in den Schranken, in
denen es sich gibt, kann uns keine erdenkliche Theorie irre machen." (Husserl: Ideen
I, Hua III/1,51)
Tatsache und Wesen
"Zunächst bezeichnete 'Wesen' das im selbsteigenen Sein eines Individuum als sein
'Was' Vorfindliche. Jedes solches Was kann aber 'in Idee gesetzt' werden. Erfahrende
oder individuelle Anschauung kann in Wesenschauung (Ideation) umgewandelt
werden" (Husserl: Ideen I, Hua III/1,13)
"Das Wesen (Eidos) ist ein neuartiger Gegenstand. So wie das Gegebene der
individuellen oder erfahrenden Anschauung ein individueller Gegenstand ist, so das
Gegebene der Wesenanschauung ein reines Wesen." (Husserl: Ideen I, Hua
III/1,14)
"Das Eidos, das reine Wesen, kann sich intuitiv, in Erfahrungsgegebenheiten,
in solchen der Wahrnehmung, Erinnerung usw., exemplifizieren, ebensogut aber auch in bloßen
Phantasiegegebenheiten." (Husserl: Ideen I, Hua III/1,16)
"Nach dem Vorstehenden ist es klar, daß der Sinn eidetischer Wissenschaft jede Einbeziehung
von Erkenntnisergebnissen empirischer Wissenschaften prinzipiell ausschließt. Die
Wirklichkeitsthesen, die in den unmittelbaren Feststellungen dieser Wissenschaften
auftreten, gehen ja durch alle mittelbaren hindurch. Aus Tatsachen folgen immer nur
Tatsachen." (Husserl: Ideen I, Hua III/1,22)
Regionale Ontologien
"Jede konkrete empirische Gegenständlichkeit ordnet sich mit ihrem
materialen Wesen einer obersten materialen Gattung, einer 'Region' von
empirischen Gegenständen ein. Dem reinen regionalen Wesen entspricht dann eine regionale
eidetische Ontologie. [...] Jede Tatsachenwissenschaft (Erfahrungswissenschaft)
hat wesentliche theoretische Fundamente in eidetischen Ontologien. [...] In dieser
Art entspricht z.B. allen naturwissenschaftlichen Disziplinen die eidetische Wissenschaft
von der physischen Natur überhaupt (Ontologie der Natur), sofern der faktischen
Natur ein rein faßbares Eidos, das 'Wesen' Natur überhaupt mit einer
unendlichen Fülle darin beschlossener Wesensverhalte entspricht." (Husserl: Ideen
I, Hua III/1,24)
Eidetische Variation
"Aber nichts hindert uns doch, das Faktum ganz beliebig umzufingieren, die
Phantasie dabei frei schalten zu lassen, und in jeder Weise nach Maßgabe des Faktums Ding
und Weltfiktion als reine Phantasien zu erzeugen. Ich sage reine Phantasie. Ich
kann in der Phantasie die braune Bank als eine grün angestrichene erdenken, dann bleibt
sei ein individuelles Seiendes in diesem Hörsaal, eben nur geändert gedacht. [...] Statt
die faktische Welt zu bevorzugen, indem ich mich auf den Boden ihrer tatsächlichen
Geltung stelle; statt jedes sie-sich-anders-Erdenken in Anknüpfung an ihr Dasein als
Nichtigkeit, als ihrem emprischen Zusammenhang widerstreitend zu finden, - kann ich jede
fiktive Umwandlung ihr gleich gelten lassen und sie selbst nur gelten lassen als eine
Möglichkeit neben diesen anderen Möglichkeiten: wobei ich also den Boden ihrer Geltung
verlasse, diese meine Erfahrungsgeltung sozusagen außer Spiel setze. [...] Denn was ich
da beschrieb, ist der Weg, auf dem alle intuitiven Wesensnotwendigkeiten und
Wesensgesetze, alles echte intuitive Apriori gewonnen wird." (Husserl: Phänomenologische
Psychologie, Hua IX,72)
Ausgehend vom Exempel dieser Tischwahrnehmung variieren wir den
Wahrnehmungsgegenstand Tisch in einem völlig freien Belieben, jedoch so, daß wir
Wahrnehmung als Wahrnehmung von etwas von etwas, beliebig was festhalten,
etwa anfangend damit, daß wir seine Gestalt, die Farbe usw. ganz willkürlich
umfingieren, nur identisch festhaltend das wahrnehmungsmäßige Erscheinen. Mit anderen
Worten, wir verwandeln das Faktum in eine reine Möglichkeit und unter anderen ganz
beliebigen reinen Möglichkeiten aber reinen Möglichkeiten von Wahrnehmungen. Wir
versetzen gleichsam die wirkliche Wahrneh-mung in das Reich der Unwirklichkeiten, des
Als-ob, das uns die reinen Möglichkeiten liefert, rein von allem, was an das Faktum und
jedes Faktum überhaupt bindet. [...] Der so gewonnene allgemeine Typus Wahrnehmung
schwebt sozusagen in der Luft in der Luft absolut reiner Erdenklichkeiten. So aller
Faktizität enthoben, ist er zum Eidos Wahrnehmung geworden, dessen idealen Umfang alle
idealiter möglichen Wahrnehmungen als reine Erdenklichkeiten ausmachen. (Husserl: Cartesianische
Meditationen, HuaI,104f.)
Das cogito - intentionales Erlebnis - Intentionalität
"Allgemein gehört es zum Wesen jedes aktuellen cogito, Bewußtsein von etwas
zu sein. [...] Alle Erlebnisse, die diese Wesenseigenschaften gemein haben, heißen auch 'intentionale
Erlebnisse' [...]; sofern sie Bewußtsein von etwas sind, heißen sie auf dieses
Etwas 'intentional bezogen'. Wohl zu beachten ist dabei, daß hier nicht die
Rede ist von einer Beziehung zwischen irgendeinem psychologischen Vorkommnis - genannt
Erlebnis - und einem anderen realen Dasein - genannt Gegenstand - oder von
einer psychologischen Verknüpfung, die in objektiver Wirklichkeit zwischen
dem einen und anderen statthätte. [...] Im Wesen des Erlebnisses selbst liegt nicht nur,
daß es, sondern auch wovon es Bewußtsein ist, und in welchem bestimmten oder
unbestimmten Sinne es das ist" (Husserl: Ideen I, Hua III/1,74)
"Wir werden nicht daran denken, zu vermengen die in diesen Bewußtseinsarten
bewußten Gegenstände (Z.B. die phantasierten Nixen) mit den
Bewußtseinserlebnissen selbst, die von ihnen Bewußtsein sind. Wir erkennen dann wieder,
daß zum Wesen all solcher Erlebnisse - dieselben immer in voller Konkretion genommen -
jene merkwürdige Modifikation gehört, die Bewußtsein im Modus aktueller Zuwendung in
Bewußtsein im Modus der Inaktualität überführt, und umgekehrt. Einmal ist das
Erlebnis sozusagen 'explizites' Bewußtsein von seinem Gegenständlichen, das
andere Mal implizites, bloß potentielles. Das Gegenständliche kann uns wie in
der Wahrnehmung, so in der Erinnerung oder Phantasie bereits erscheinen, wir sind aber mit
dem geistigen Blicke auf dasselbe noch nicht 'gerichtet'; auch nicht sekundär, geschweige
denn, daß wir damit in besonderem Sinne 'beschäftigt' wären." (Husserl: Ideen
I, HuaIII/1,72)
Epoché
"Die zum Wesen der natürlichen Einstellung gehörige Generalthesis
setzen wir außer Aktion, alles und jedes, was sie in ontischer Hinsicht umspannt,
setzen wir in Klammern: [...] Tue ich so, wie es meine volle Freiheit ist, dann negiere
ich diese 'Welt' also nicht, als wäre ich Sophist, ich bezweifle ihr
Dasein nicht, als wäre ich Skeptiker." (Husserl: Ideen I, Hua III/1,65)
"Die ganze, in der natürlichen Einstellung gesetzte, in der Erfahrung wirklich
vorgefundene Welt, vollkommen 'theorienfrei' genommen, wie sie wirklich erfahrene, sich im
Zusammenhange der Erfahrung klar ausweisende ist, gilt uns jetzt nicht, sie soll
ungeprüft, aber auch unbestritten eingeklammert werden." (Husserl: Ideen I,
Hua III/1,65)
Horizont
"Vielmehr impliziert jede Aktualität ihre Potentialitäten, die
keine leeren Möglichkeiten sind, sondern inhaltlich, und zwar im jeweiligen aktuellen
Erlebnis selbst, intentionale vorgezeichnete, und zudem ausgestattet mit dem Charakter vom
Ich zu verwirklichender. Damit ist ein weiterer Grundzug der Intentionalität angezeigt.
Jedes Erlebnis hat einen im Wandel seines Bewußtseinszusammenhanges und im Wandel seiner
eigenen Stromphasen wechselnden Horizont - einen intentionalen Horizont der
Verweisung auf ihm selbst zugehörige Potentialitäten des Bewußtseins." (Husserl: Cartesianische
Meditationen, HuaI,62)
Horizontintentionalität
"So gehört zu jedem Bewußtsein als Bewußtsein von etwas die Wesenseigenheit, nicht
nur überhaupt in immer neue Bewußtseinsweisen übergehen zu können als Bewußtsein von
demselben Gegenstand, der in der Einheit der Synthesis ihnen intentional einwohnt als
identischer gegenständlicher Sinn; sondern es zu können, ja es nur zu können in der
Weise jener Horizontintentionalität. Der Gegenstand ist sozusagen ein
Identitätspol, stets mit einem vorgemeinten und zu verwirklichenden Sinn bewußt, in
jedem Bewußtseinsmoment Index einer ihn sinngemäß zugehörigen noetischen
Intentionalität, nach der gefragt, die expliziert werden kann. Das alles ist der
Forschung konkret zugänglich." (Husserl: Cartesianische Meditationen,
HuaI,83)
Intention - Leerintention - Erfüllung
"In eigentümlicher Weise ist jede Wahrnehmungsgegebenheit ein beständiges
Gemisch von Bekanntheit und Unbekanntheit, die auf neue mögliche Wahrnehmung verweist,
die zur Bekanntheit bringen würde. (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis,
HuaXI,11)
"Sehen wir nun zu, wie im Übergang der Erscheinungen, etwa im Nähertreten,
Herumgehen, Augenbewegungen, die Deckungseinheit nach dem Sinn aussieht. Das
Grundverhältnis in diesem beweglichen Übergang ist das zwischen Intention und
Erfüllung. Die leere Vorweisung eignet sich die ihr entsprechende Fülle an. Sie
entspricht der mehr oder minder reichen Vorzeichnung, bringt aber, da ihr Wesen
bestimmbare Unbestimmtheit ist, in eins mit der Erfüllung auch Näherbestimmung."
(Husserl: Analysen zur passiven Synthesis, HuaXI,12)
Fülle - Leere
"Aber in der äußeren Wahrnehmung haben wir den merkwürdigen Zwiespalt,
daß das Originalbewußtsein nur möglich ist in der Form eines wirklich und eigentlich
original Bewußhabens von Seiten und eines Mitbewußthabens von anderen Seiten, die eben
nicht original da sind. Ich sage mitbewußt, denn auch die unsichtigen Seiten sind doch
für das Bewußtsein irgendwie da, 'mitgemeint' als mitgegenwärtig. Aber sie erscheinen
eigentlich nicht. Es sind nicht etwa reproduktive Aspekte als darstellende Anschauungen
von ihnen da, wir können nur jederzeit solche anschaulichen Vergegenwärtigungen
herstellen." (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis, HuaXI,4)
"[...] müssen wir auf die Art achten, wie in jedem Momente Fülle und Leere
zueinander stehen und wie im Wahrnehmungsverlauf die Leere sich Fülle zueignet und die
Fülle wieder zur Leere wird." (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis,
HuaXI,7)
Bestimmbare Unbestimmtheit
"Es sind Zeiger in eine Leere, da ja die nicht aktualisierten Erscheinungen nicht als
wirkliche, auch nicht als vergegenwärtigte Erscheinungen bewußt sind. Mit anderen
Worten, alles eigentlich Erscheinende ist nur dadurch Dingerscheinendes, daß es
umflochten und durchsetzt ist von einem Hof erscheinungsmäßiger Leere. Es ist eine
Leere, die nicht ein Nichts ist, sondern eine auszufüllende Leere, es ist eine
unbestimmbare Unbestimmtheit. Denn nicht beliebig ist der intentionale Horizont
auszufüllen; es ist ein Bewußtseinshorizont, der selbst den Grundcharakter des
Bewußtseins als Bewußtsein von etwas hat. Seinen Sinn hat dieser Bewußtseinshof, trotz
seiner Leere, in Form einer Vorzeichnung, die dem Übergang in neue aktualisierte
Erscheinungen eine Regel vorschreibt." (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis,
HuaXI,6)
"Also auch das schon Gesehene ist mit vorgreifender Intention behaftet. Es ist, was
schon gesehen ist, immerfort ein vorzeichnender Rahmen für immer Neues, ein x für
nähere Bestimmung. Immerfort ist antizipiert, vorgegriffen." (Husserl: Analysen
zur passiven Synthesis, HuaXI,7)
Der Prozeß der Kenntnisnahme
"Genauer besehen müssen wir aber Erfüllung und Näherbestimmung noch (und
in der folgenden Weise) unterscheiden und müssen jetzt den Prozeß der Wahrnehmung als
einen Prozeß der Kenntnisnahme beschreiben. [...] Nun ist aber zu beachten, daß dieser
Prozeß der Erfüllung, die besondere Erfüllung ist, auch ein Prozeß der näheren
Kenntnisnahme ist, und nicht nur einer momentanen Kenntnisnahme, sondern zugleich ein
Prozeß der Aufnahme in die bleibende habituell werdende Kenntnis. Das werden wir sogleich
besser verstehen. Im voraus merken wir schon, daß die Urstätte dieser Leistung die
immerfort mitfungierende Retention ist." (Husserl: Analysen zur passiven
Synthesis, HuaXI,8)
Kinästhese - Leib - Können
"Der Leib fungiert beständig mit als Wahrnehmungsorgan und ist dabei in
sich selbst wieder ein ganzes System aufeinander abgestimmter Wahrnehmungsorgane. Der Leib
ist in sich charakterisiert als Wahrnehmungsleib. Wir betrachten ihn dabei rein als
subjektiv beweglichen und sich im wahrnehmenden Tun subjektiv bewegenden Leib. In dieser
Hinsicht kommt er nicht in Betracht als wahrgenommenes Raumding, sondern hinsichtlich des
Systems von sogenannten 'Bewegungsempfindungen' [...] Blicke ich auf einen Gegenstand, so
habe ich ein Bewußtsein meiner Augenstellung und zugleich, in Form eines neuartigen
systematischen Leerhorizonts, ein Bewußtsein des ganzen Systems möglicher, mir frei zu
Gebot stehender Augenstellungen." (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis,
HuaXI,14)
"Jedes Ding, das wir sehen, ist ein tastbares, und als solches weist es auf eine
unmittelbare Beziehung zum Leib hin, aber nicht vermöge seiner Sichtbarkeit. Ein
bloß augenhaftes Subjekt könnte gar keinen erscheinenden Leib haben; [...]"
(Husserl: Ideen II, HuaIV,150)
Lebenswelt
"Die universale Form des Menschentums
ist genau besehen äquivalent mit dem 'natürlichen Weltbegriff' als dem allgemeinen
Begriff jeder Welt, die für alle erdenklichen 'Menschen' als die Welt vorgefunden und
vorfindlich ist." (Husserl: Phänomenologische Psychologie, HuaIX,492).
"Das Problem des natürlichen Weltbegriffs, als für alle Menschen geltender
Identitätsstruktur ihrer verschiedenen Umwelten." (Husserl: Phänomenologische
Psychologie, HuaIX,496)
Der Außerirdische "würde unseren 'Park', unsere Häuser, Kirchen etc. 'sehen', und
es wären für ihn Raumdinge da, und Dinge, die vielleicht für ihn ebenfalls den
Charakter von Bauwerken, von Gärten hätten. Aber es ist ein Unterschied. Hinischtlich
der raumzeitlichen Bestimmungen, der bloßen Natur, muß Gemeinsamkeit bestehen, aber
worauf der Baumeister mit diesem Gebäude da hinauswollte, und was korrelativ dieses
Gebäude als solches für einen 'Sinn' hat, einen ästhetischen und praktischen, das
kann der" Außerirdische nicht verstehen. (Husserl: Phänomenologische
Psychologie, HuaIX,498)