Aron GurwitschMaurice Merleau-PontyJean-Paul Sartre Tischvorlage 12

 

Proseminar
Einführung in die Phänomenologie Edmund Husserls: Die Lebenswelt
Seminarleiter: Christian Lotz christian.lotz@mailer.uni-marburg.de
Homepage: http://staff-www.uni-marburg.de/~lotzc

strich.gif (297 Byte)Kontrollblatt

Zum Abschluß hier einige Begriffe, die das Seminar u.a. bekannt machen sollte, um so eigenständige Weiterarbeit der SeminarteilnehmerInnen zu ermöglichen. Alles folgende sind Zitate von Husserl selbst. Als einführende Darstellung der Husserlschen Philosophie sei die Einleitung von Klaus Held in die von ihm herausgegebenen Reclam-Bände sehr empfohlen.

 

ecke.gif (143 Byte) Das Prinzip der Prinzipien

"Am Prinzip der Prinzipien, daß jede originäre gebende Anschauung eine Rechtsquelle der Erkenntnis sei, daß alles, was sich uns in der 'Intuition' originär (sozusagen in seiner leibhaften Wirklichkeit) darbietet, einfach hinzunehmen sei, als was es sich gibt, aber auch nur in den Schranken, in denen es sich gibt, kann uns keine erdenkliche Theorie irre machen." (Husserl: Ideen I, Hua III/1,51)

 

ecke.gif (143 Byte) Tatsache und Wesen

"Zunächst bezeichnete 'Wesen' das im selbsteigenen Sein eines Individuum als sein 'Was' Vorfindliche. Jedes solches Was kann aber 'in Idee gesetzt' werden. Erfahrende oder individuelle Anschauung kann in Wesenschauung (Ideation) umgewandelt werden" (Husserl: Ideen I, Hua III/1,13)

"Das Wesen (Eidos) ist ein neuartiger Gegenstand. So wie das Gegebene der individuellen oder erfahrenden Anschauung ein individueller Gegenstand ist, so das Gegebene der Wesenanschauung ein reines Wesen." (Husserl: Ideen I, Hua III/1,14)

"Das Eidos, das reine Wesen, kann sich intuitiv, in Erfahrungsgegebenheiten, in solchen der Wahrnehmung, Erinnerung usw., exemplifizieren, ebensogut aber auch in bloßen Phantasiegegebenheiten." (Husserl: Ideen I, Hua III/1,16)

"Nach dem Vorstehenden ist es klar, daß der Sinn eidetischer Wissenschaft jede Einbeziehung von Erkenntnisergebnissen empirischer Wissenschaften prinzipiell ausschließt. Die Wirklichkeitsthesen, die in den unmittelbaren Feststellungen dieser Wissenschaften auftreten, gehen ja durch alle mittelbaren hindurch. Aus Tatsachen folgen immer nur Tatsachen." (Husserl: Ideen I, Hua III/1,22)

 

ecke.gif (143 Byte) Regionale Ontologien

"Jede konkrete empirische Gegenständlichkeit ordnet sich mit ihrem materialen Wesen einer obersten materialen Gattung, einer 'Region' von empirischen Gegenständen ein. Dem reinen regionalen Wesen entspricht dann eine regionale eidetische Ontologie. [...] Jede Tatsachenwissenschaft (Erfahrungswissenschaft) hat wesentliche theoretische Fundamente in eidetischen Ontologien. [...] In dieser Art entspricht z.B. allen naturwissenschaftlichen Disziplinen die eidetische Wissenschaft von der physischen Natur überhaupt (Ontologie der Natur), sofern der faktischen Natur ein rein faßbares Eidos, das 'Wesen' Natur überhaupt mit einer unendlichen Fülle darin beschlossener Wesensverhalte entspricht." (Husserl: Ideen I, Hua III/1,24)

 

ecke.gif (143 Byte) Eidetische Variation

"Aber nichts hindert uns doch, das Faktum ganz beliebig umzufingieren, die Phantasie dabei frei schalten zu lassen, und in jeder Weise nach Maßgabe des Faktums Ding und Weltfiktion als reine Phantasien zu erzeugen. Ich sage reine Phantasie. Ich kann in der Phantasie die braune Bank als eine grün angestrichene erdenken, dann bleibt sei ein individuelles Seiendes in diesem Hörsaal, eben nur geändert gedacht. [...] Statt die faktische Welt zu bevorzugen, indem ich mich auf den Boden ihrer tatsächlichen Geltung stelle; statt jedes sie-sich-anders-Erdenken in Anknüpfung an ihr Dasein als Nichtigkeit, als ihrem emprischen Zusammenhang widerstreitend zu finden, - kann ich jede fiktive Umwandlung ihr gleich gelten lassen und sie selbst nur gelten lassen als eine Möglichkeit neben diesen anderen Möglichkeiten: wobei ich also den Boden ihrer Geltung verlasse, diese meine Erfahrungsgeltung sozusagen außer Spiel setze. [...] Denn was ich da beschrieb, ist der Weg, auf dem alle intuitiven Wesensnotwendigkeiten und Wesensgesetze, alles echte intuitive Apriori gewonnen wird." (Husserl: Phänomenologische Psychologie, Hua IX,72)

„Ausgehend vom Exempel dieser Tischwahrnehmung variieren wir den Wahrnehmungsgegenstand Tisch in einem völlig freien Belieben, jedoch so, daß wir Wahrnehmung als Wahrnehmung von etwas – von etwas, beliebig was – festhalten, etwa anfangend damit, daß wir seine Gestalt, die Farbe usw. ganz willkürlich umfingieren, nur identisch festhaltend das wahrnehmungsmäßige Erscheinen. Mit anderen Worten, wir verwandeln das Faktum in eine reine Möglichkeit und unter anderen ganz beliebigen reinen Möglichkeiten – aber reinen Möglichkeiten von Wahrnehmungen. Wir versetzen gleichsam die wirkliche Wahrneh-mung in das Reich der Unwirklichkeiten, des Als-ob, das uns die reinen Möglichkeiten liefert, rein von allem, was an das Faktum und jedes Faktum überhaupt bindet. [...] Der so gewonnene allgemeine Typus Wahrnehmung schwebt sozusagen in der Luft – in der Luft absolut reiner Erdenklichkeiten. So aller Faktizität enthoben, ist er zum Eidos Wahrnehmung geworden, dessen idealen Umfang alle idealiter möglichen Wahrnehmungen als reine Erdenklichkeiten ausmachen.“ (Husserl: Cartesianische Meditationen, HuaI,104f.)

 

ecke.gif (143 Byte) Das cogito - intentionales Erlebnis - Intentionalität

"Allgemein gehört es zum Wesen jedes aktuellen cogito, Bewußtsein von etwas zu sein. [...] Alle Erlebnisse, die diese Wesenseigenschaften gemein haben, heißen auch 'intentionale Erlebnisse' [...]; sofern sie Bewußtsein von etwas sind, heißen sie auf dieses Etwas 'intentional bezogen'. Wohl zu beachten ist dabei, daß hier nicht die Rede ist von einer Beziehung zwischen irgendeinem psychologischen Vorkommnis - genannt Erlebnis - und einem anderen realen Dasein - genannt Gegenstand -  oder von einer psychologischen Verknüpfung, die in objektiver Wirklichkeit zwischen dem einen und anderen statthätte. [...] Im Wesen des Erlebnisses selbst liegt nicht nur, daß es, sondern auch wovon es Bewußtsein ist, und in welchem bestimmten oder unbestimmten Sinne es das ist" (Husserl: Ideen I, Hua III/1,74)

"Wir werden nicht daran denken, zu vermengen die in diesen Bewußtseinsarten bewußten Gegenstände (Z.B. die phantasierten Nixen) mit den Bewußtseinserlebnissen selbst, die von ihnen Bewußtsein sind. Wir erkennen dann wieder, daß zum Wesen all solcher Erlebnisse - dieselben immer in voller Konkretion genommen - jene merkwürdige Modifikation gehört, die Bewußtsein im Modus aktueller Zuwendung in Bewußtsein im Modus der Inaktualität überführt, und umgekehrt. Einmal ist das Erlebnis sozusagen 'explizites' Bewußtsein von seinem Gegenständlichen, das andere Mal implizites, bloß potentielles. Das Gegenständliche kann uns wie in der Wahrnehmung, so in der Erinnerung oder Phantasie bereits erscheinen, wir sind aber mit dem geistigen Blicke auf dasselbe noch nicht 'gerichtet'; auch nicht sekundär, geschweige denn, daß wir damit in besonderem Sinne 'beschäftigt' wären." (Husserl: Ideen I, HuaIII/1,72)

 

ecke.gif (143 Byte) Epoché

"Die zum Wesen der natürlichen Einstellung gehörige Generalthesis setzen wir außer Aktion, alles und jedes, was sie in ontischer Hinsicht umspannt, setzen wir in Klammern: [...] Tue ich so, wie es meine volle Freiheit ist, dann negiere ich diese 'Welt' also nicht, als wäre ich Sophist, ich bezweifle ihr Dasein nicht, als wäre ich Skeptiker." (Husserl: Ideen I, Hua III/1,65)

"Die ganze, in der natürlichen Einstellung gesetzte, in der Erfahrung wirklich vorgefundene Welt, vollkommen 'theorienfrei' genommen, wie sie wirklich erfahrene, sich im Zusammenhange der Erfahrung klar ausweisende ist, gilt uns jetzt nicht, sie soll ungeprüft, aber auch unbestritten eingeklammert werden." (Husserl: Ideen I, Hua III/1,65)

 

ecke.gif (143 Byte) Horizont

"Vielmehr impliziert jede Aktualität ihre Potentialitäten, die keine leeren Möglichkeiten sind, sondern inhaltlich, und zwar im jeweiligen aktuellen Erlebnis selbst, intentionale vorgezeichnete, und zudem ausgestattet mit dem Charakter vom Ich zu verwirklichender. Damit ist ein weiterer Grundzug der Intentionalität angezeigt. Jedes Erlebnis hat einen im Wandel seines Bewußtseinszusammenhanges und im Wandel seiner eigenen Stromphasen wechselnden Horizont - einen intentionalen Horizont der Verweisung auf ihm selbst zugehörige Potentialitäten des Bewußtseins." (Husserl: Cartesianische Meditationen, HuaI,62)

 

ecke.gif (143 Byte) Horizontintentionalität

"So gehört zu jedem Bewußtsein als Bewußtsein von etwas die Wesenseigenheit, nicht nur überhaupt in immer neue Bewußtseinsweisen übergehen zu können als Bewußtsein von demselben Gegenstand, der in der Einheit der Synthesis ihnen intentional einwohnt als identischer gegenständlicher Sinn; sondern es zu können, ja es nur zu können in der Weise jener Horizontintentionalität. Der Gegenstand ist sozusagen ein Identitätspol, stets mit einem vorgemeinten und zu verwirklichenden Sinn bewußt, in jedem Bewußtseinsmoment Index einer ihn sinngemäß zugehörigen noetischen Intentionalität, nach der gefragt, die expliziert werden kann. Das alles ist der Forschung konkret zugänglich." (Husserl: Cartesianische Meditationen, HuaI,83)

 

ecke.gif (143 Byte) Intention - Leerintention - Erfüllung

"In eigentümlicher Weise ist jede Wahrnehmungsgegebenheit ein beständiges Gemisch von Bekanntheit und Unbekanntheit, die auf neue mögliche Wahrnehmung verweist, die zur Bekanntheit bringen würde. (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis, HuaXI,11)

"Sehen wir nun zu, wie im Übergang der Erscheinungen, etwa im Nähertreten, Herumgehen, Augenbewegungen, die Deckungseinheit nach dem Sinn aussieht. Das Grundverhältnis in diesem beweglichen Übergang ist das zwischen Intention und Erfüllung. Die leere Vorweisung eignet sich die ihr entsprechende Fülle an. Sie entspricht der mehr oder minder reichen Vorzeichnung, bringt aber, da ihr Wesen bestimmbare Unbestimmtheit ist, in eins mit der Erfüllung auch Näherbestimmung." (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis, HuaXI,12)

 

ecke.gif (143 Byte) Fülle - Leere

"Aber in der äußeren Wahrnehmung haben wir den merkwürdigen Zwiespalt, daß das Originalbewußtsein nur möglich ist in der Form eines wirklich und eigentlich original Bewußhabens von Seiten und eines Mitbewußthabens von anderen Seiten, die eben nicht original da sind. Ich sage mitbewußt, denn auch die unsichtigen Seiten sind doch für das Bewußtsein irgendwie da, 'mitgemeint' als mitgegenwärtig. Aber sie erscheinen eigentlich nicht. Es sind nicht etwa reproduktive Aspekte als darstellende Anschauungen von ihnen da, wir können nur jederzeit solche anschaulichen Vergegenwärtigungen herstellen." (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis, HuaXI,4)

"[...] müssen wir auf die Art achten, wie in jedem Momente Fülle und Leere zueinander stehen und wie im Wahrnehmungsverlauf die Leere sich Fülle zueignet und die Fülle wieder zur Leere wird." (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis, HuaXI,7)

 

ecke.gif (143 Byte) Bestimmbare Unbestimmtheit

"Es sind Zeiger in eine Leere, da ja die nicht aktualisierten Erscheinungen nicht als wirkliche, auch nicht als vergegenwärtigte Erscheinungen bewußt sind. Mit anderen Worten, alles eigentlich Erscheinende ist nur dadurch Dingerscheinendes, daß es umflochten und durchsetzt ist von einem Hof erscheinungsmäßiger Leere. Es ist eine Leere, die nicht ein Nichts ist, sondern eine auszufüllende Leere, es ist eine unbestimmbare Unbestimmtheit. Denn nicht beliebig ist der intentionale Horizont auszufüllen; es ist ein Bewußtseinshorizont, der selbst den Grundcharakter des Bewußtseins als Bewußtsein von etwas hat. Seinen Sinn hat dieser Bewußtseinshof, trotz seiner Leere, in Form einer Vorzeichnung, die dem Übergang in neue aktualisierte Erscheinungen eine Regel vorschreibt." (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis, HuaXI,6)

"Also auch das schon Gesehene ist mit vorgreifender Intention behaftet. Es ist, was schon gesehen ist, immerfort ein vorzeichnender Rahmen für immer Neues, ein x für nähere Bestimmung. Immerfort ist antizipiert, vorgegriffen." (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis, HuaXI,7)

 

ecke.gif (143 Byte) Der Prozeß der Kenntnisnahme

"Genauer besehen müssen wir aber Erfüllung und Näherbestimmung noch (und in der folgenden Weise) unterscheiden und müssen jetzt den Prozeß der Wahrnehmung als einen Prozeß der Kenntnisnahme beschreiben. [...] Nun ist aber zu beachten, daß dieser Prozeß der Erfüllung, die besondere Erfüllung ist, auch ein Prozeß der näheren Kenntnisnahme ist, und nicht nur einer momentanen Kenntnisnahme, sondern zugleich ein Prozeß der Aufnahme in die bleibende habituell werdende Kenntnis. Das werden wir sogleich besser verstehen. Im voraus merken wir schon, daß die Urstätte dieser Leistung die immerfort mitfungierende Retention ist." (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis, HuaXI,8)

 

ecke.gif (143 Byte) Kinästhese - Leib - Können

"Der Leib fungiert beständig mit als Wahrnehmungsorgan und ist dabei in sich selbst wieder ein ganzes System aufeinander abgestimmter Wahrnehmungsorgane. Der Leib ist in sich charakterisiert als Wahrnehmungsleib. Wir betrachten ihn dabei rein als subjektiv beweglichen und sich im wahrnehmenden Tun subjektiv bewegenden Leib. In dieser Hinsicht kommt er nicht in Betracht als wahrgenommenes Raumding, sondern hinsichtlich des Systems von sogenannten 'Bewegungsempfindungen' [...] Blicke ich auf einen Gegenstand, so habe ich ein Bewußtsein meiner Augenstellung und zugleich, in Form eines neuartigen systematischen Leerhorizonts, ein Bewußtsein des ganzen Systems möglicher, mir frei zu Gebot stehender Augenstellungen." (Husserl: Analysen zur passiven Synthesis, HuaXI,14)

"Jedes Ding, das wir sehen, ist ein tastbares, und als solches weist es auf eine unmittelbare Beziehung zum Leib hin, aber nicht vermöge seiner Sichtbarkeit. Ein bloß augenhaftes Subjekt könnte gar keinen erscheinenden Leib haben; [...]" (Husserl: Ideen II, HuaIV,150)

 

ecke.gif (143 Byte) Lebenswelt

"Die universale Form des Menschentums ist genau besehen äquivalent mit dem 'natürlichen Weltbegriff' als dem allgemeinen Begriff jeder Welt, die für alle erdenklichen 'Menschen' als die Welt vorgefunden und vorfindlich ist." (Husserl: Phänomenologische Psychologie, HuaIX,492).

"Das Problem des natürlichen Weltbegriffs, als für alle Menschen geltender Identitätsstruktur ihrer verschiedenen Umwelten." (Husserl: Phänomenologische Psychologie, HuaIX,496)

Der Außerirdische "würde unseren 'Park', unsere Häuser, Kirchen etc. 'sehen', und es wären für ihn Raumdinge da, und Dinge, die vielleicht für ihn ebenfalls den Charakter von Bauwerken, von Gärten hätten. Aber es ist ein Unterschied. Hinischtlich der raumzeitlichen Bestimmungen, der bloßen Natur, muß Gemeinsamkeit bestehen, aber worauf der Baumeister mit diesem Gebäude da hinauswollte, und was korrelativ dieses Gebäude als solches  für einen 'Sinn' hat, einen ästhetischen und praktischen, das kann der" Außerirdische nicht verstehen. (Husserl: Phänomenologische Psychologie, HuaIX,498)

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Letzte Änderung: 12.7.99