Husserls Blick... Tischvorlage 6

 

Proseminar
Einführung in die Phänomenologie Edmund Husserls: Die Lebenswelt
Seminarleiter: Christian Lotz christian.lotz@mailer.uni-marburg.de
Homepage: http://staff-www.uni-marburg.de/~lotzc

 

strich.gif (297 Byte)Das cogito und sein Blick - Die Intentionalität (§34-§37, Ideen I)

§34: Das Wesen des Bewußtseins als Thema
Ausgangspunkt der Überlegungen Husserls ist die psychologische Reflexion. Die natürliche Einstellung wird nicht verlassen. Blickt man auf das Schema der Tischvorlage 5, so geht es Husserl in der "Fundamentalbetrachtung" zunächst um eine eidetische bzw. philosophische Psychologie (Ontologie der Psyche). Es geht um "rein eidetische Forschung" (Ideen I, 70; Held I, 147), also um die Erforschung einer Region innerhalb der Welt, verstanden als Universum der Gegenstände. Bewußtsein wird (noch) als ein Gegenstandsgebiet wie jedes andere begriffen. Der Schritt zur transzendentalen Phänomenologie besteht darin, daß man begreift, daß Bewußtsein nicht als ein solches Gegenstandsgebiet - als etwas in der Welt - begriffen werden muß. Dieser Schritt ist aber im zweiten Kapitel der Phänomenologischen Fundamentalbetrachtung noch nicht vollzogen. Wir dürfen also "fröhlich ontologisieren"...

"Wir vollziehen also exemplarisch irgendwelche singulären Bewußtseinserlebnisse, genommen, wie sie sich in der natürlichen Einstellung geben, als reale menschliche Fakta, oder wir vergegenwärtigen uns solche in der Erinnerung oder in der frei fingierenden Phantasie." (Ideen I, 69; Held I, 147)

Diese Vergegenwärtigungen sind Exempel von etwas Allgemeinem. Man muß also auf die Trennung von Tatsache und Wesen zurückgreifen, um das von Husserl Gemeinte zu verstehen. Die eidetische Forschung (Ontologie) kümmert sich nicht um singuläre Erlebnisse. Es soll nicht beschrieben werden, was ich am Montag, 24.5.99 um acht Uhr erlebt habe, sondern es soll der "Eigengehalt der cogitatio in seiner reinen Eigenheit [...], also unter Ausschluß von allem, was nicht in der cogitatio nach dem, was sie in sich selbst ist" (Ideen I, 70; Held I, 148; fett C.L.) gefaßt werden. Spätestens an dieser Stelle ist für die Phänomenologie der Rückgriff auf externe Faktoren und andere Wissenschaften ausgeschlossen.
Die Differenz von psychischem Erlebnis und der Wirklichkeit "draußen" wird nicht verlassen. Thema ist zunächst nur die Beziehung von psychischem Erlebnis und Welt. Diese Beziehung wird angesprochen als "Bewußtsein von etwas". In allen Vorstellungsarten ist etwas bewußt. Diese Beziehung heißt zunächst Intentionalität. Ich halluziniere etwas, ich nehme etwas wahr, ich phantasiere etwas. Im Folgenden versucht Husserl die Beschreibung der Intentionalität zu vertiefen. Zugleich zu Beginn wird darauf hingewiesen, daß die Intentionalität nicht als eine äußerliche Beziehung begriffen werden kann. Zumeist meinen wir, daß es eine Innenwelt und eine Außenwelt gibt. Die Relation "dazwischen" könnte Intentionalität heißen. Aber ist "etwas" zwischen mir und der Welt? Wie groß ist der "Abstand" zwischen mir und den Dingen? Lesen Sie auch §5 der Vorlesung von Martin Heidegger "Prolegomena zur Geschichte des Zeitbegriffs" (Gesamtausgabe, Bd.20). Dort wird dieser Ausgangspunkt sehr anschaulich vorgeführt. Eine äußerliche, naturale Beziehung ist mit dem phänomenologischen Begriff der Intentionalität nicht gemeint. Es wird dagegen die These aufgestellt, daß jedes Bewußtseinserlebnis in sich eine intentionale Beziehung auf seinen Gegenstand hat. Die Intentionalität ist nicht etwas, das von außen an das Erlebnis herangetragen werden kann, sondern ihm selbst angehört.

"Allgemein gehört es zum Wesen jedes aktuellen cogito, Bewußtsein von etwas zu sein" (Ideen I, 73; Held I, 152)

 

§35: Das cogito als 'Akt'. Inaktualitätsmodifikation.
Husserl versucht anhand eines Beispieles (Papierwahrnehmung) erste Analysen eines Bewußtseinserlebnisses, das in "der ganzen Fülle der Konkretion" (Ideen I, 70; Held I, 148) betrachtet wird, vorzuführen.
Die wichtige Unterscheidung, die Husserl einführt, und die wir in der vergangenen Stunde diskutiert haben, ist diejenige zwischen Aktualität und Potentialität. Der Unterscheid, der an dieser Stelle zunächst psychologisch eingeführt wird, ist entscheidend für das Verständnis des Ansatzes der Phänomenologie. Mit ihm zusammen wird die Zeit und der Horizont eingeführt. Husserl macht den Unterschied zunächst über die Funktion der Aufmerksamkeit (auf etwas achten) im Erleben fest. Zur Aufmerksamkeit gehört erstens ein Hintergrund, aus dem die Aufmerksamkeit etwas herausgreift, zweitens das gegenständliche Erfassen und drittens das darin vorzufindende "Richten" meiner selbst (Ich) auf etwas.

"Wir erkennen dann wieder, daß zum Wesen all solcher Erlebnisse - dieselben immer in voller Konkretion genommen - jene merkwürdige Modifikation gehört, die Bewußtsein im Modus aktueller Zuwendung in Bewußtsein im Modus der Inaktualität überführt, und umgekehrt. Einmal ist das Erlebnis sozusagen 'explizites' Bewußtsein von seinem Gegenständlichen, das andere Mal implizites, bloß potentielles. Das Gegenständliche kann uns wie in der Wahrnehmung, so in der Erinnerung oder Phantasie bereits erscheinen, wir sind aber mit dem geistigen Blicke auf dasselbe noch nicht 'gerichtet', auch nicht sekundär, geschweige denn, daß wir damit in besonderem Sinne 'beschäftigt' wären. [...] der Erlebnisstrom kann nie aus lauter Aktualitäten bestehen." (Ideen I, 72f.; Held I, 150f.)

Husserl reserviert den Begriff "cogito" für den aktuellen Anteil des Bewußtseinserlebnisses. Dieser aktuelle Anteil ist immer ein Herausfassen und eine Zuwendung des "Ichblickes". Dieses Theorem ist wichtig, weil gezeigt werden soll, daß Gegenstände - selbst psychologisch - nicht einfach vor unseren Augen und Ohren "da" sind, sondern daß Gegenstände sich erst als solche durch eine Aktivität (Erfassen) identifizieren lassen. Diese Identifizierung ist etwas, das zum Erleben und nicht zum Gegenstand gehört. Gegenstände sind immer nur - so wird Husserl später sagen - in identifikatorischen Synthesen gegeben.
Die Aktualität dessen, was ich jetzt wahrnehme, erinnere oder phantasiere, hat "im Hintergrund" potentielles Wahrnehmen, Erinnern oder Phantasieren. Mit diesem Hintergrund ist also zunächst nicht der Hintergrund eines Gegenstandes gemeint, also z.B. die weiße Wand hinter der grünen Tafel, sondern die Potentialität des Erlebnisstromes selbst. Wenn ich auf die Tischplatte blicke, so finde ich an ihr nicht, daß ich auch unter die Tischplatte schauen kann. Wenn ich die Augen schließe und auf die Tischplatte fasse, so finde ich nicht an ihr, daß ich weiter vor oder zurück tasten kann. Es ist also mehr bewußt (erlebt) als das, was ich aktual taste oder sehe. Ein Bewußtseinserlebnis unterteilt sich nach Husserl immer in einen aktuellen und einen potentiellen (möglichen) Anteil. "Im Fluß" der Erfahrungen ist ein ständiger Wechsel (Modifikation) festzustellen. Wir sind immer aktual auf etwas gerichtet und schon bzw. noch auf etwas, auf das wir gleich gerichtet sein werden oder gerade gerichtet waren. Mit der Einführung der Modifikation von Aktualität und Potentialität ist die Einführung der Zeitlichkeit impliziert.

§36: Intentionales Erlebnis. Erlebnis überhaupt.
Husserl führt im Folgenden die erste Bestimmung der Intentionalität ein, die später immer mehr ausgebaut und schließlich nicht mehr psychologisch als die Beziehung zweier innerweltlicher Seinsbereiche verstanden wird.
In das intentionale Erlebnis fallen, weil die Inaktualität nicht als Hintergrund des Gegenstandes, sondern als Erlebnishintergrund gefaßt wird, Aktualität und Potentialität, modifiziertes und unmodifiziertes Erlebnismoment, hinein. Jedes Erlebnis bezieht sich auf einen Gegenstand, das sogenannte intentionale Objekt. Diese Beziehung ist - wie oben bereits ausgeführt - weder real noch eine zwischen zwei Gegenständen (Psyche und Ding). Daraus darf man aber nicht folgern - wie der Psychologismus -, daß nun Erlebnis und Gegenstand dem Erlebnis immanent bleiben, sich sozusagen alles im Kopf abspielt. 
Wenn die Intentionalität nicht mehr als eine äußerliche Beziehung zweier Seinsregionen begriffen werden kann, eröffnet sich die Möglichkeit, Bewußtsein rein in sich, d.h. wie sich das Erlebnis auf seinen Gegenstand und wie der Gegenstand dabei "erscheint", beschreiben zu können.

"Im Wesen des Erlebnisses selbst liegt nicht nur, daß es, sondern auch wovon es Bewußtsein ist, und in welchem bestimmten oder unbestimmten Sinne es das ist." (Ideen I, 74; Held I, 152f.)

Husserl trennt am Ende des Paragraphen intentionale von nicht-intentionalen Momenten des Erlebnisses. Als nicht-intentionale Momente bestimmt er die "Empfindungsdaten" und die "sinnlichen Gefühle" (später: hylé). Diese liegen dem intentionalen Erlebnis sozusagen als Fundament und Träger zugrunde, ohne direkt gegenstandskonstitutiv zu sein. Zur Kontrastierung läßt sich jetzt der Text von Ernst Mach (Arbeitsblatt 1) heranziehen. Kennt Mach so etwas wie die Intentionalität?

Zusammenfassung:
Die Begriffe und Strukturen, die Husserl im Umkreis der zu bearbeitenden Paragraphen einführt, sind einige wichtige Elemente seiner Phänomenologie und werden immer weiter verfeinert und ausgebaut. Vier Anhaltspunkte sollten behalten und weiter befragt werden: Der Unterschied von Aktualität und Potentialität als Momente des Erlebnisstromes, die Einführung der Intentionalität als immanente Bestimmung, die Bestimmung der Empfindungsdaten als nicht-intentionale Momente des Erlebens und die Unterscheidung von intentionalem und erfaßtem Objekt.

Achtung:
Die Sitzung am 8.6. fällt aus. Die Referate und die entsprechenden Themen verschieben sich um jeweils einen Termin nach hinten.

 

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Letzte Änderung: 24.5.99