Die Husserl-Schüler Fink, Levinas und Bollnow in Davos 1929 (Heidegger-Cassirer) Tischvorlage 8

 

Proseminar
Einführung in die Phänomenologie Edmund Husserls: Die Lebenswelt
Seminarleiter: Christian Lotz christian.lotz@mailer.uni-marburg.de
Homepage: http://staff-www.uni-marburg.de/~lotzc

 

strich.gif (297 Byte)Die Epoché

Im ersten Abschnitt der phänomenologischen Fundamentalbetrachtung führt Husserl die Einklammerung bzw. Ausschaltung der Generalthesis der natürlichen Einstellung und das Verfahren der Epoché vor. Dieser Beginn ist verwirrend, weil das Verfahren sehr kurz dargestellt, nicht eindeutig von Descartes Vorgehen abgegrenzt und danach nicht weiter fortgeführt wird. Husserl ist in späteren Werken immer wieder auf das Verfahren der Reduktion eingegangen, weil ihr Vollzug nach Husserl die unabdingbare Voraussetzung der transzendentalen Phänomenologie ausmacht. In der Vorlesung über Erste Philosophie (1923) wird besonders ausführlich darauf eingegangen. Man unterscheidet inzwischen drei "Wege" in die transzendentale Phänomenologie. Den ersten - über Descartes - führt Husserl In den Ideen I und ansatzweise in Cartesianische Meditationen (1931) vor, den zweiten - über die intentionale Psychologie - in der Krisis (1936) und in den Vorlesungen Phänomenologische Psychologie (1925) und den dritten - über die Lebenswelt - in der Krisis. Obwohl Husserl sich auf Descartes stützt, übernimmt er nicht dessen Vorgehensweise. Auch dessen Orientierung an der Gewißheit übernimmt Husserl nicht. Der „psychologisch verfälschte Transzendentalismus des Descartes“ (Krisis, 86) wird zwar als historisches Vorbild vorgestellt, aber nur, um letztlich die Phänomenologie als erneuten Beginn neuzeitlicher Philosophie anzukündigen. Descartes Zweifelsversuch diene "ganz anderem Zwecke" (Ideen I, 62) als die Epoché, nämlich demjenigen, eine absolut gewisse "Seinssphäre" aufzudecken. Die Epoché dient diesem Zwecke demnach nicht. Der Zweifelsversuch soll "nur als methodischer Behelf dienen" (Ideen I, 62).
Das Verfahren der Epoché wird eingeführt, um die natürliche Einstellung verlassen zu können. "Anstatt nun in dieser Einstellung zu verbleiben, wollen wir sie radikal ändern." (Ideen I, 61).  Die natürliche Einstellung charakterisiert Husserl über die "Generalthesis". Diese sorgt dafür, daß wir im Erfahrungsprozeß die ganze Zeit über implizit von einer Welt ausgehen, die auch vorhanden ist und existiert, wenn wir sie nicht erfahren. Die Tische, Stühle und Personen vor mir im Seminarraum sind einfachin da. Wenn ich mich mit meinem Stuhl umdrehe und zur Tafel blicke, sind die Tische, Stühle und Personen weiterhin "da" hinter mir. Das soll nach Husserl mit der Epoché nicht bezweifelt werden. Es geht in der Epoché also nicht um die Frage, ob die Welt existiert oder nicht existiert. Wir sollen die Welt nicht negieren oder bezweifeln, ob sie "wirklich" da ist (irgendwie unbemerkt hinter der erfahrenen Welt). Nach Husserl sollen die PhänomenologInnen eine "Umwertung" (Ideen I, 63) vollziehen: die Generalthesis soll "außer Aktion gesetzt" werden (vgl. Ideen I, 64). Das bedeutet: die anfangenden PhänomenologInnen sollen sich nicht um die Existenzfrage kümmern, es hat sie nicht zu interessieren, ob der Tisch, den sie vor sich wahrnehmen, wirklich da ist oder nicht. Es geht auch nicht mehr um die Frage, ob das Sein das Bewußtsein oder das Bewußtsein das Sein bestimmt. Solche Fragen kann ich nach Husserl nur in der natürlichen Einstellung stellen. In der Epoché lasse ich solche Urteile in ihrer Geltung beiseite und versuche nur das zu beschreiben, was sich zeigt. Mit der Epoché mache ich die Welterfahrung und die Subjektivität erst transparent. Vorher war sie verborgen. Geschieht solches, dann merken wir, daß es für die Beschreibung, was und wie wir wahrnehmen, unwichtig ist, ob das Ding wirklich exisiert oder nicht. Mit der Epoché verschließt sich auch alles andere Wissen, das wir von den Gegenständen haben können. Wir sollen, schreibt Husserl, "von ihren Geltungen absolut keinen Gebrauch" (Ideen I, 65) machen. Die Methode der Einklammerung soll also nicht die Inhalte unseres Wissens negieren, sondern nur ihre Geltung entkräften. Das Wissen etwa, daß der Tisch vor mir aus Atomen besteht oder wir unser Gehirn zum Denken brauchen, wird nicht negiert, sondern außer Geltung gesetzt. Es interessiert uns nicht. "Die ganze [...] wirklich vorgefundene Welt [...] gilt uns jetzt nichts, sie soll ungeprüft, aber auch unbestritten eingeklammert werden." (Ideen I, 66). Die transzendentale Phänomenologie interessiert sich nur für das Anschauliche, das allen anderen Geltungen vorausliegt. Wie Raum und Zeit sich zeigen, wie sich ein Ding als erfahrenes konstituiert oder wie der Andere in der Welt auftaucht, muß erst phänomenologisch erfaßt werden. Wir wissen es überhaupt noch nicht. In der natürlichen Einstellung ist der Andere einfach vorhanden. Vor der Epoché weiß ich nichts von diesen Fragen. So verfehlt man auch den gegen Husserl immer wieder in kaum zu übertreffender Plattitüde erhobenen Vorwurf des (simpel verstandenen) Solipsismus. Mit der Epoché wird nicht mehr gefragt, ob die anderen Personen und Menschen wirklich da sind oder nicht. Es wird nur gefragt, wie sie als Erfahrene / Bewußte bewußt sind und sich als Andere zeigen.
Aber nicht nur das: erst mit dem Akt der Epoché, dem Akt der Interesselosigkeit, merke ich, daß die Gegenstände bei meinem Blick auf die Tafel nicht einfachhin nur hinter mir da sind, sondern daß sie immer nur als bewußte da sind. Sie können leer bewußt sein oder teilweise anschaulich, etwa in einer Erinnerung oder einer Erwartung. Mit der Epoché wird die Welt zum Phänomen, aber sie verschwindet nicht. Und genau um dieses geht es der Phänomenologie. Die Welt soll so, wie sie konkret erfahren wird, beschrieben werden. Dieses "wie" bezieht sich auf zwei Seiten: Einmal auf die Bewußtseinsweise, in der ein Gegenstand leer oder anschaulich bewußt ist, und ein anderes mal auf die Gegebenheitsweise, in der ein Gegenstand bewußt sein kann.

 

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Letzte Änderung: 14.6.99