Proseminar
Einführung in die Phänomenologie Edmund Husserls: Die Lebenswelt
Seminarleiter: Christian Lotz christian.lotz@mailer.uni-marburg.de
Homepage: http://staff-www.uni-marburg.de/~lotzc

Die Epoché
Im ersten Abschnitt der phänomenologischen
Fundamentalbetrachtung führt Husserl die Einklammerung bzw. Ausschaltung der
Generalthesis der natürlichen Einstellung und das Verfahren der Epoché vor. Dieser
Beginn ist verwirrend, weil das Verfahren sehr kurz dargestellt, nicht eindeutig von
Descartes Vorgehen abgegrenzt und danach nicht weiter fortgeführt wird. Husserl ist in
späteren Werken immer wieder auf das Verfahren der Reduktion eingegangen, weil ihr
Vollzug nach Husserl die unabdingbare Voraussetzung der transzendentalen Phänomenologie
ausmacht. In der Vorlesung über Erste Philosophie (1923) wird besonders
ausführlich darauf eingegangen. Man unterscheidet inzwischen drei "Wege" in die
transzendentale Phänomenologie. Den ersten - über Descartes - führt Husserl In
den Ideen I und ansatzweise in Cartesianische Meditationen (1931) vor,
den zweiten - über die intentionale Psychologie - in der Krisis (1936)
und in den Vorlesungen Phänomenologische Psychologie (1925) und den dritten -
über die Lebenswelt - in der Krisis. Obwohl Husserl sich auf Descartes
stützt, übernimmt er nicht dessen Vorgehensweise. Auch dessen Orientierung an der
Gewißheit übernimmt Husserl nicht. Der psychologisch verfälschte
Transzendentalismus des Descartes (Krisis, 86) wird zwar als
historisches Vorbild vorgestellt, aber nur, um letztlich die Phänomenologie als erneuten
Beginn neuzeitlicher Philosophie anzukündigen. Descartes Zweifelsversuch diene "ganz
anderem Zwecke" (Ideen I, 62) als die Epoché, nämlich demjenigen, eine
absolut gewisse "Seinssphäre" aufzudecken. Die Epoché dient diesem Zwecke
demnach nicht. Der Zweifelsversuch soll "nur als methodischer Behelf
dienen" (Ideen I, 62).
Das Verfahren der Epoché wird eingeführt, um die natürliche Einstellung verlassen zu
können. "Anstatt nun in dieser Einstellung zu verbleiben, wollen wir sie radikal
ändern." (Ideen I, 61). Die natürliche Einstellung
charakterisiert Husserl über die "Generalthesis". Diese sorgt dafür, daß wir
im Erfahrungsprozeß die ganze Zeit über implizit von einer Welt ausgehen, die auch
vorhanden ist und existiert, wenn wir sie nicht erfahren. Die Tische, Stühle und
Personen vor mir im Seminarraum sind einfachin da. Wenn ich mich mit meinem Stuhl umdrehe
und zur Tafel blicke, sind die Tische, Stühle und Personen weiterhin "da"
hinter mir. Das soll nach Husserl mit der Epoché nicht bezweifelt werden. Es geht in der
Epoché also nicht um die Frage, ob die Welt existiert oder nicht existiert. Wir sollen
die Welt nicht negieren oder bezweifeln, ob sie "wirklich" da ist (irgendwie
unbemerkt hinter der erfahrenen Welt). Nach Husserl sollen die PhänomenologInnen eine
"Umwertung" (Ideen I, 63) vollziehen: die Generalthesis soll
"außer Aktion gesetzt" werden (vgl. Ideen I, 64). Das bedeutet: die
anfangenden PhänomenologInnen sollen sich nicht um die Existenzfrage kümmern, es hat sie
nicht zu interessieren, ob der Tisch, den sie vor sich wahrnehmen, wirklich da ist oder
nicht. Es geht auch nicht mehr um die Frage, ob das Sein das Bewußtsein oder das
Bewußtsein das Sein bestimmt. Solche Fragen kann ich nach Husserl nur in der natürlichen
Einstellung stellen. In der Epoché lasse ich solche Urteile in ihrer Geltung beiseite und
versuche nur das zu beschreiben, was sich zeigt. Mit der Epoché mache ich die
Welterfahrung und die Subjektivität erst transparent. Vorher war sie verborgen.
Geschieht solches, dann merken wir, daß es für die Beschreibung, was und wie wir
wahrnehmen, unwichtig ist, ob das Ding wirklich exisiert oder nicht. Mit der Epoché
verschließt sich auch alles andere Wissen, das wir von den Gegenständen haben können.
Wir sollen, schreibt Husserl, "von ihren Geltungen absolut keinen Gebrauch"
(Ideen I, 65) machen. Die Methode der Einklammerung soll also nicht die Inhalte
unseres Wissens negieren, sondern nur ihre Geltung entkräften. Das Wissen etwa,
daß der Tisch vor mir aus Atomen besteht oder wir unser Gehirn zum Denken brauchen, wird
nicht negiert, sondern außer Geltung gesetzt. Es interessiert uns nicht. "Die ganze
[...] wirklich vorgefundene Welt [...] gilt uns jetzt nichts, sie soll ungeprüft, aber
auch unbestritten eingeklammert werden." (Ideen I, 66). Die transzendentale
Phänomenologie interessiert sich nur für das Anschauliche, das allen anderen
Geltungen vorausliegt. Wie Raum und Zeit sich zeigen, wie sich ein Ding als erfahrenes
konstituiert oder wie der Andere in der Welt auftaucht, muß erst phänomenologisch
erfaßt werden. Wir wissen es überhaupt noch nicht. In der natürlichen Einstellung ist
der Andere einfach vorhanden. Vor der Epoché weiß ich nichts von diesen Fragen. So
verfehlt man auch den gegen Husserl immer wieder in kaum zu übertreffender Plattitüde
erhobenen Vorwurf des (simpel verstandenen) Solipsismus. Mit der Epoché wird nicht mehr
gefragt, ob die anderen Personen und Menschen wirklich da sind oder nicht. Es
wird nur gefragt, wie sie als Erfahrene / Bewußte bewußt sind und sich als
Andere zeigen.
Aber nicht nur das: erst mit dem Akt der Epoché, dem Akt der Interesselosigkeit, merke
ich, daß die Gegenstände bei meinem Blick auf die Tafel nicht einfachhin nur hinter mir
da sind, sondern daß sie immer nur als bewußte da sind. Sie
können leer bewußt sein oder teilweise anschaulich, etwa in einer
Erinnerung oder einer Erwartung. Mit der Epoché wird die Welt zum Phänomen, aber sie
verschwindet nicht. Und genau um dieses geht es der Phänomenologie. Die Welt soll so, wie
sie konkret erfahren wird, beschrieben werden. Dieses "wie" bezieht sich auf
zwei Seiten: Einmal auf die Bewußtseinsweise, in der ein Gegenstand leer oder
anschaulich bewußt ist, und ein anderes mal auf die Gegebenheitsweise, in der
ein Gegenstand bewußt sein kann.