Diese Seite entstand im Rahmen des Fachmoduls "Spezielle Botanik" im WS 08/09 an der Universität Marburg unter der Leitung von Dr. Stephan Imhof.
Systematik nach Schmeil-Fitschen, 2009
Klasse: Monocotyledonae
Unterklasse: Commelinidae
Ordnung: Poales
Familie: Poaceae „Süßgräser“
Gattung: Avena
Art: A. sativa „Saathafer”
Morphologie
Abb. 1 - Schematischer Aufbau Avena sativa
Der Saathafer ist ein einjähriges, in lockeren Büscheln wachsendes Getreide. Er erreicht eine Wuchshöhe von 0,6 – 1,5 m. Die Wurzeln sind, wie charakteristisch für Monokotyledonen, sekundär homorrhiz. Der Halm ist hohl und wird durch Nodien („Knoten“) in mehrere ungleichgroße Zylinder, die Internodien, unterteilt. Das Wachstum der Internodien erfolgt im meristematischen Gewebe im basalen Bereich und führt so zur Streckung der Getreidepflanze. Der basale Abschnitt der Internodien ist somit physiologisch jeweils der jüngste Teil der Sprossachse. Die Blätter sind in zwei Reihen angeordnet und wechseln sich auf den gegenüberliegenden Seiten ab. Jedes Blatt wird in zwei Abschnitte unterteilt, in die Blattscheide und in die Blattspreite. Die Blattscheide beginnt am Nodium und stellt den basalen Teil des Blattes dar, der den Halm fest umschließt. Der obere, ausgebreitete Teil des Blattes wird Blattspreite bezeichnet. Am Übergang der Blattscheide zur Blattspreite ist eine Verlängerung der inneren Epidermis ausgebildet, die Ligula („Blatthäutchen“, vgl. Abb 2).
Abb. 2 - Detailaufnahme der Ligula
Die Ligula dient als Schutz vor Verletzungen des sich beim Wind hin und her wiegenden Halmgliedes, sowie vorm Eindringen von Schmutz und Parasiten in den Raum zwischen Halm und Blattscheide. Das wohl offensichtlichste Unterscheidungsmerkmal des Hafers von anderen Getreidearten ist die Form seines Blütenstandes, die Rispe. Anders als bei der Ähre wechseln sich von der Hauptachse ausgehend Seitenachsen ab, an denen die Ährchen sitzen. Auffallend an den Ährchen sind die Hüllspelzen, Glumae inferior und superior (vgl. Abb. 3, G1, G2), die so lang wie das ganze Ährchen sind. Sie öffnen sich zur Zeit der Blüte und Reife.
Abb. 3 - Haferblüte
Die Deckspelze, Palea inferior (vgl. Abb. 3, L), die häufig eine Granne auf ihrem gerundeten Rücken trägt, und die Vorspelze, Palea superior (vgl. Abb. 3, FS) umschließen die Blüte. An deren Boden befinden sich zwei kleine Schwellkörper, die Lodiculae (vgl. Abb. 3, FL), die das Perianth ersetzen. Aus der Blüte gehen drei Staubblätter hervor, die aus einem Filament und zweiteiligen Antheren bestehen. Der Fruchtknoten ist behaart und trägt zwei federartige Organe, die Narbenäste.
Der Saathafer ist ein Selbstbestäuber, da der Pollen der Antheren auf die Narbe der selben Pflanze fällt, allerdings ist Windbestäubung während der Blütezeit nicht völlig auszuschließen. Wie bei allen Poaceaen handelt es sich bei der Frucht des Hafers um eine Karyopse (vgl. Abb.4).
Abb. 4 - Frucht der Poaceae
Charakteristisch für die Karyopse ist die Verwachsung von Frucht– und Samenschale. Die Farbvariationen verschiedener Getreidekörner geht auf die Färbung dieser Schicht zurück. Den größten Teil des Korns stellt das Endosperm, der Mehlkörper, dar. Dringt Wasser in die Karyopse ein, führt dies zur Quellung und mittels neu synthetisierter Amylasen beginnt die Spaltung der Stärke. Somit stellt der Mehlkörper eine Nahrungsreserve für den Embryo dar. Der Stofftransport wird durch das Scutellum, das den Embryo vom Mehlkörper trennt, vermittelt.
Inhaltsstoffe
Der Hafer ist ernährungsphysiologisch sehr wertvoll, da er u.a. besonders reich an essentiellen Aminosäuren wie Leucin, Isoleucin und Lysin ist. Außerdem enthält er einen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren, was ihn leicht verdaulich macht. Des Weiteren wirkt Hafer senkend auf den Cholesterinspiegel, was auf seinen hohen Balaststoffgehalt zurückzuführen ist.
Anbau
Als frostempfindliches Sommergetreide wird der Hafer im Frühjahr gesät und blüht zwischen Juni und August. Ursprünglich stammt der Saathafer aus Südosteuropa, wo er als Unkraut auf den Feldern wuchs. Als Beimischung anderer Getreide gelangte er nach Mitteleuropa und breitete sich dort aus. Erste Nutzungsbelege für Mitteleuropa stammen aus der Zeit um 2400 vor Christus.
Abb. 5 - Anbaugebiete von Avena Sativa
In Europa wird der Saathafer vorwiegend in mittleren und nördlichen Ländern wie Wales und Schottland angebaut. In Schweden stellt er die Hauptgetreideart dar, in der BRD steht er an dritter, und in der Weltproduktion an fünfter Stelle der Getreidearten. Allerdings wird in die Weltproduktion auch eine andere Form des Hafers, der Byzantinische Hafer einbezogen, der vorwiegend in Südeuropa, der Türkei, Australien, Neuseeland und Nordamerika als Grünfutter angebaut wird. Der Anbau des Saathafers ist seit dem 20. Jahrhundert drastisch gesunken. Eine Erklärung dafür ist, dass Hafer zum größten Teil als Tiernahrung, besonders Pferdefutter, verwendet wurde. Abbildung 6 verdeutlicht die Korrelation zwischen Haferanbau und Pferdeanzahl am Beispiel Österreich im Zeitraum von 1930 – 2005.
Abb. 6 - Korrelation Haferanbau-Pferde
In der Zeit zwischen dem 2.Weltkrieg und 1980 wurden Zugpferde mit zunehmender Motorisierung überflüssig, was eine Verminderung der Pferdeanzahl und somit der Hauptkonsumenten des Hafers zur Folge hatte. Allerdings ist die Haferproduktion in den letzten 20 Jahren wieder angestiegen, da der Reitsport an Popularität gewann.
Nutzung
Welch große Bedeutung der Hafer schon bei den germanischen Völkern hatte, geht aus den zahlreichen mit Hafer im Zusammenhang stehenden Sprichwörtern aus der damaligen Zeit hervor. Einige Beispiele hierfür wären: (Haber=Hafer) „jemandem den Haber schwingen“ = jemanden verprügeln; „ins Haberfeld hineinleben“ = Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit; „mit Haberstroh lohnen“ = schlechte Bezahlung; „hier ist gut Haber säen“ = große Stille in einer Gesellschaft; „ihn sticht der Haber“= Übermütigkeit. Der Hafer wird heutzutage überwiegend zur Produktion von Haferflocken verwendet. Zum Brotbacken ist er auf Grund der geringen Menge an Kleberproteinen, den Gluten im Mehlkörper der Karyopse, eher schlecht geeignet. Aus biologisch standardisiertem Extrakt von Hafer werden mittlerweile Potenzmittel und Aphrodisiaka hergestellt, die eine Erhöhung des Gonadotropin-releasing Hormons bewirken. Als Tiernahrung werden Haferkörner an Hühner und Pferde verfüttert, allerdings ist beim Einsatz von Hafer als Pferdefutter zu beachten, dass dieser eine aktivitätssteigernde Wirkung zur Folge hat. Haferstroh wird auf Gund der exzellenten Saugfähigkeit als Tierstreu eingesetzt.
Abstammung
Avena sativa ist eine hexaploide, sekundäre Kulturpflanze, deren Abstammung nicht bekannt ist. Es kommen jedoch zwei hexaploide Avena Arten als Vorfahren in Frage, der Flughafer (Avena fatua) und der taube Hafer (Avena sterilis). Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Avena sativa vom tauben Hafer abstammt, da dieser ein weit verbreitetes Wildgras der Mittelmeerküste ist. Der Flughafer hingegen kommt häufig als Ungras in Getreidefeldern vor, weshalb dieser selbst vom tauben Hafer abstammen könnte.
Literatur
Körber-Grohne, Udelgard (1995): Nutzpflanzen in Deutschland
Conert, Hans Joachim (2000): Pareys Gräserbuch
Hubbard, C.E. (1985): Gräser
Klapp, Ernst (1990): Taschenbuch der Gräser
Grau, Kliehn, Kremer, Rambold, Schlehufer (1990): Gräser
Zade, Dr. Adolf (1918): Der Hafer, eine Monographie auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage
Bildquellen
Abb. 1: Hubbard, C.E. (1985): Gräser
Abb. 2: Höggemeister, A.: Botanischer Garten Ruhr-Universität Bochum; http://www.ruhr-uni-bochum.de/boga/html/Avena_sativa_Foto3.html
Abb. 3: Hubbard, C.E. (1985): Gräser
Abb. 4: Lieberei, Reisdorff (2007): Nutzpflanzenkunde
Abb. 5: www.wikipedia.org
Abb. 6: Buchgraber, Karl (2008):Plant Production and Cultural Landscape; www.raumberg-gumpenstein.at/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=479&Itemid=354&lang=en