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                                  Ficus carica

 Moraceae

 

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Aufbau des Blütenstandes und Bestäubungsmechanismus


Die Infloreszenzachse wächst ringförmig empor und bildet einen kleinen Becher (Syconium) dessen Ränder sich bis auf einen kleinen Kanal (Ostiolum) zusammen neigen. Auf der Innenseite des Achsenbechers entstehen die einzelnen Blüten. Die Blüten sind monözisch (getrenntgeschlechtlich), das heißt es gibt männliche und weibliche. Die weiblichen Blüten treten in zwei verschiedenen Formen auf. Neben den langgriffeligen, fertilen Blüten, sind noch kurzgriffelige Gallenblüten zu finden.         

 Bild 1                                         2                                        
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Bild 1: Fruchtstand, längs geschnitten, O: Ostiolum

Bild 2: langgriffelige weibliche Blüte, 

N: Narbe, G: Griffel, P: Perianth

Bild 3: kurzgriffelige Gallenblüte

Bild 4: männliche Blüte

 

Bildquelle: Rauh, W. (1950): Nutzpflanzen der Welt, S.274

 

Die Vorfahren der Feigenwespe (Chalcidoidea) gab es schon im Jura. Die Feigenwespen gehören zur Familie der Agaonidae, die im Moment 76 Gattungen und 757 Arten, die in 6 Unterfamilien eingeteilt sind, umfasst. Sie sind nur wenige Millimeter groß. Der Bestäuber des Feigenbaumes (Ficus carica) Blastophaga psenes zählt zur Unterfamilie der Agaoninae, die 20 Gattungen umfasst.

Die Interaktion zwischen Ficus carica und Blastophaga psenes wird als obligater Mutualismus bezeichnet, d.h. ein Zusammenleben zweier (oder mehrere) Arten mit gegenseitigem Nutzen.

Bestäubungszyklus der Wildfeige (aus dieser sollen sich die Kulturfeigen entwickelt haben):

Der männliche Blütenstand (Profichi) ist aus zwei Dritteln kurzgriffeligen, weiblichen Gallenblüten, die am Grunde des Achsenbechers stehen und einem Drittel männlichen Blüten im Bereich des Ostiolums aufgebaut (siehe Bild 5) . Das geflügelte Feigenwespenweibchen wird chemotaktisch angelockt und dringt in das Synconium durch das Ostiolum ein. Der Rand des Ostiolums ist mit schuppenförmigen Hochblättern versehen, so dass die Weibchen beim „Hineinzwängen“ meist ihre Flügel und Teile ihrer Antennen und Beine verlieren. Sie legt dann mehrere hundert Eier, indem sie ihren Legestachel durch das Gewebe des Griffels bis zur Samenanlage der kurzgriffeligen Blüten bohrt. Danach stirbt sie. Nach einigen Wochen der Larvenentwicklung schlüpfen zuerst die flugunfähigen Männchen. Sie durchbohren dann die Gallenwand der noch nicht geschlüpften Weibchen und begatten diese durch die kleine Öffnung. Anschließend fangen sie an Löcher in die Wand des Synconiums zu bohren. Entscheidend für die zeitliche Abfolge ist, dass im Synconium die CO2- Konzentration bis auf zehn Prozent ansteigt. Dies hemmt sowohl die Entwicklung der weiblichen Feigenwespen als auch die der männlichen Blüten. Die Männchen dagegen werden bei niedrigem CO2- Gehalt inaktiv und begatten die Weibchen nicht. Dadurch dass die Männchen nun einen Tunnel nach draußen bohren, sinkt der CO2- Gehalt langsam, indem ein Ausgleich mit der Außenluft erfolgt. Wenn der CO2- Gehalt weniger als zwei Prozent beträgt, schlüpfen die Weibchen und die Staubblätter der männlichen Blüten werden reif. Wegen des Platzmangels in der Feige werden die Weibchen passiv mit Pollen beladen. Die Weibchen werden nun chemotaktisch durch den weiblichen Blütenstand (Fichi) angelockt, der nur aus fertilen, langgriffeligen Blüten aufgebaut ist . Sie gelangen wieder durch das Ostiolum in den Becher, können aber keine Eier ablegen, weil die Griffel länger sind als die Legestacheln der Wespen. Allerdings bestäuben sie durch den mitgebrachten Pollen die Blüten. Ihre Eier legen sie in der dritten Feigengeneration (Mamme) ab und überwintern hier. Dieser Blütenstand besteht aus fertilen, kurzgriffeligen weiblichen Gallenblüten.  Im nächsten Frühjahr schlüpfen weibliche und männliche Gallwespen. Die Weibchen werden in der Mamme befruchtet, verlassen sie, finden die Profichi und legen dort die nächste Wespengeneration ab, die beim Verlassen der Profichi wieder den Pollen auf die Fichi- Blüten übertragen.

 

und hier das Ganze noch einmal in einer kurzen Übersicht:

1. Feigengeneration (Profichi)

- ein Drittel männliche Blüten,

  zwei Drittel weibliche, kurzgriffelige Gallenblüten

- angelegt im Februar- März, Reife Juni- Juli

- Früchte sind hart und ungenießbar

Weibliche Gallwespe legt ihre Eier in den kurzgriffeligen Gallenblüten ab,

Männchen schlüpfen, befruchten die Weibchen in ihren Gallen (CO2- Gehalt: 10%) und bohren einen Tunnel nach draußen, Weibchen schlüpfen (CO2- Gehalt: 2%), werden passiv mit Pollen beladen, verlassen die Feige

2. Feigengeneration (Fichi)

- langgriffelige, fertile Blüten

- angelegt Ende Mai, Reife ab September

- genießbare Fruchtverbände

Die weibliche Gallwespe bestäubt die Blüten mit dem mitgebrachten Pollen,

kann ihre Eier wegen der langen Griffel nicht ablegen

3. Feigengeneration (Mamme)

- fertile, kurzgriffelige weibliche Gallenblüten

- angelegt im September, Reife in März- April

Die weibliche Gallwespe legt hier ihre Eier ab, die in der Feige überwintern. Im nächsten Frühjahr schlüpfen weibliche und männliche Gallwespen. Die Befruchtung findet noch in der Mamme statt. Die Weibchen verlassen die Feige und suchen die Profichi auf.

 

 

 

 

 

 

 

Bild 5

Bildquelle: Barth, G. (1982): Biologie einer Begegnung

Bild 6

Blastophaga psenes, Männchen 

Bild 7

Blastophaga psenes, Weibchen

                                                                            Bildquelle: http://www.nhm.ac.uk/entomology/chalcidoids/Images/F021.jpg

 

 

 

Bild 1  

Ostiolum das im reifen Zustand der Frucht durch schuppenförmige Hochblätter vollständig verschlossen ist. 

Bild 2  

Reife Frucht: Infloreszenzbecher ist fleischig und saftig geworden (weißer Teil), die Fruchtknoten der Blüten haben sich zu kleinen Steinfrüchten entwickelt, deren Stiele auch fleischig geworden sind (rosa Teil). 

          

  

 

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