Diego Velázquez >> Historische Hintergründe >> Lebenswerk

 

 

 

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Las Hilanderas


Um 1657 entstand das Gemälde "Las Hilanderas" (Die Spinnerinnen), auch "Die Fabel der Arachne" bezeichnet. Es handelt sich hierbei nicht um ein Auftragswerk für den Königs, sondern für den königlichen Oberjägermeisters, don Pedro de Arce, in dessen Sammlung es 1664 verzeichnet ist. Zu sehen ist im Vordergrund eine Alltagsszene: In einer Spinnstube wird Wolle verarbeitet kardiert, gesponnen, gewickelt. Am linken Bildrand schiebt eine junge Frau wie im Theater einen roten Vorhang zur Seite, im Gespräch mit der links von ihr sitzenden Minerva, die die Gestalt einer alten Frau angenommen hat und die einen Spinnrocken, als dessen Erfinderin sie gilt, in der linken Hand hält. Vor ihr steht ein sich drehendes Spinnrad. Ihr hochgezogener Rock entblößt ihr linkes Bein, das eine Katze leicht verdeckt. Die Katze beobachtet aufmerksam ein Wollknäuel am unteren Bildrand. Auf der rechten Bildhälfte ist die Rückenfigur einer jungen Frau, Arachne, zu sehen, das Wolle von einer Haspel zieht und zu einem Knäuel aufwickelt. Von rechts tritt ein junges Mädchen heran, das einen Korb unbearbeiteter Wolle abstellt. Während hinter Minerva gegen die Wand ein Stapel fertig gewebter Teppiche sowie eine Leiter erkennbar ist, hängt auf der rechten Seite über dem Kopf Arachnes ein Ballen noch unbearbeiteter Wolle. Etwas weiter hinten im Raum kauert zwischen beiden Hauptprotagonistinnen ein weiteres junges Mädchen, das mit dem Kardieren von Wolle beschäftigt ist. Hinter ihm öffnet sich um zwei Stufen erhöht ein hell erleuchteter, mit Tapisserien behangener Raum mit vornehm gekleideten Damen, von die am rechten Rand Stehende dem Betrachter entgegensieht, und einer Gestalt in einer Rüstung, die mit erhobener rechter Hand zu deklamieren scheint. Neben der linken, dem Betrachter mit dem Rücken zugewandten Frau steht ein Sessel, an dem eine Viola da Gamba lehnt.

Velázquez setzte in diesem Gemälde wiederum eine Episode aus den Metamorphosen von Ovid in Szene: Die Geschichte von Minerva und Arachne (6. Buch). Arachne, die Sterbliche, hatte Minerva zum Wettkampf im Weben herausgefordert. Dabei gelang es ihr, einen der Göttin ebenbürtigen Teppich herzustellen. Doch nicht nur darüber erzürnte Minerva, sondern auch über die auf Arachnes Teppich dargestellten Bilder. Arachne hatte die Liebesabenteuer von Jupiter mit sterblichen Frauen zum Bildthema genommen. Zur Strafe wurde sie in eine Spinne verwandelt.

Konzeptionell greift Velázquez hier auf die bodegones zurück, was die gegenseitige Durchdringung der dargestellten Handlungen in den verschiedenen Raumebenen betrifft. Während im Vordergrund ein Augenblick des Wettstreites zwischen Minerva und Arachne in einer Alltagsszene dargestellt ist, wird im Hintergrund der Moment nach dem Wettkampf illustriert: Die Gestalt im Harnisch ist keine andere als Minerva, die die Hand zum Urteilsspruch erhoben hat, den Arachne rechts von ihr unmittelbar vor dem Teppich stehend mit ausgestrecktem rechtem Arm entgegennimmt. Für die Darstellung des Bildmotivs des Teppichs zog Velázquez ein Werk heran, dass er bestens kannte: Tizians Europa und der Stier.

In der Forschung wurde auf Michelangelos Figurkonstellation "Ignudi" in der Sixtinischen Kapelle, Rom Vatikan, als eventuelles Vorbild für die Körperhaltung der beiden im Vordergrund agierenden Frauengestalten verwiesen. Bewegung anzudeuten gelingt Velázquez zum einen durch die ausgreifende Armbewegung der Arachne, zum anderen durch die Darstellung des Spinnrades: Erst wenn das Spinnrad sich mit hoher Geschwindigkeit dreht, sind die einzelnen Speichen nicht mehr erkennbar.

Das Gemälde ist darüber hinaus gespickt mit subtil zu deutenden emblematischen Anspielungen, die der damals populären Literatur entnommen sind. Zum Teil fanden sich diese Werke in der Bibliothek von Velázquez, wie das Bibliotheksinventar bezeugt. Für die Gebärdensprache der Minerva, der Arachne und der Mädchenfigur wischen den beiden, finden sich Erläuterungen in dem 1644 in London erschienen Werk "Chirologia: or the Natural Language of the Hand Whereunto is added Chironmia: Or, the Art of Manual Rhetoricke" von John Bulwers: Die Gestik Minveras stimmt mit jener überein, die in dem Buch unter der Überschrift "Subtiliora explicat" steht und deren dazugehöriger Kommentar mahnenden Charakter hat. Arachne Handbewegung erinnert an die Handstellung mit der Überschrift "Negabit". Der dazugehörige Text von radikaler Ablehnung spricht. Die Handstellung des jungen Mädchen folgt der unter der Überschrift "Urgebit" dargestellten und soll auf die unterschwellig vorhandene Spannung hinweisen, die über der Szenerie liegt. Die Katze steht, gemäß Cesare Ripa, für den Fleiß der Spinnerinnen und ist demnach positiv zu deuten.

Die Leiter im Hintergrund kann in drei Richtungen gedeutet werden: a) Honorius d´Autun zufolge als Symbol der Tugend, b) bei Boethius als Verbindung zwischen niederen und höheren Elementen, c) als Verbildlichung des stufenweisen Aufstiegs (Julius Zingreff). Der moralischer Appell: Fleiß und Tugend führen zum Erfolg 1 . Für die Interpretation der Viola da Gamba im Hintergrund bietet sich unter Umständen eine Lösung in den "Emblemas Morales" (erschienen in Madrid 1610) des Sebastiano de Covarrubias an. Im Kommentar zu einem Emblem mit Zepter und Viola da Gamba heißt es: "Glückselig das Königreich, dessen kluger König weise ist, aber auch wieder nicht so sehr, dass er bei den niederen und armen Leuten keine einzige Tugend, die ihm Achtung einflößt, erkennen könnte. Staatskunst ist verschieden von der, die zum Lautespielen und zum Singen erforderlich ist. Und wenn ereinen großen Musiker tadelt, gibt er damit deutlich zu verstehen, dass er ihn nicht begreift." 2 Diese Interpretation gelingt unter der Voraussetzung, dass der Lehnstuhl mit dem Zepter gleichgesetzt wird, wie von Zelger vorgeschlagen 3 : Im strengen Hofzeremoniell war lediglich ranghohen Adeligen ein Stuhl mit Rückenlehne vorbehalten. Der Lehnstuhl geriert zum Statussymbol des Adels, der in dem Gemälde durch die drei vornehm gekleideten Damen vertreten ist.

Das Gemälde, das zu den komplexesten und intellektuell reifsten Werken des Velázquez gehört, wurde wie die Meninas, unterschiedlich interpretiert: Zum einen als gemalte Kunsttheorie, um die Legitimität der Malerei innerhalb der "artes liberales" zu behaupten. Als theoretischer Hintergrund hierfür gilt der Traktat "L´idea de´pittori, scultori ed architetti" von Zuccari aus dem Jahr 1607, in dem es um die Ideenfindung geht; zum anderen als Ausdruck seiner Verbitterung darüber, dass ein erster Antrag auf Aufnahme in den Santiago-Orden abgelehnt wurde. Das Gemälde wurde beim Brand im Alcázar zu Madrid 1734 beschädigt und anschließend restauriert und angestückt worden, wie radiographische Untersuchungen ergaben. 1772 wird es in den heutigen Maßen im Inventar des königlichen Palastes genannt, in seinen ursprünglichen Format entspricht es ziemlich genau demjenigen, das im Inventar von Arce aufgeführt ist. >>

Diego Velázquez,
Fabel der Arachne
- die Spinnerinnen (Detail, Arachne),
Madrid, Prado, TUD Diathek


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Diego Velázquez
Fabel der Arachne
- die Spinnerinnen (Detail, Minerva),
Madrid, Prado, TUD Diathek


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Diego Velázquez,
Fabel der Arachne (Die Spinnerinnen) (Detail),
um1644 - 1648, Öl auf Leinwand,
(167 x 252 cm) 222,5 x 293 cm (mit Vergrößerung),
Madrid, Museo del Prado, TUD Diathek

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Tizian (eigt. Tiziano Vercellio),
Der Raub der Europa,
1559 - 1562, Öl auf Leinwand, 185 x 205 cm
Boston, Isabella Steward Gardner Museum, TUD Diathek

 

 

Diego Velázquez, Fabel der Arachne
(Die Spinnerinnen) (Detail),
um1644 - 1648, Öl auf Leinwand,
(167 x 252 cm) 222,5 x 293 cm (mit Vergrößerung),
Madrid, Museo del Prado, TUD Diathek

 

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Michelangelo,
Ignudi, 1508 - 1512, Fresko,
Vatikan, Sixtinische Kapelle, TUD Diathek

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Fabel der Arachne (Die Spinnerinnen) ,
um1644- 1648, Öl auf Leinwand,
(mit Vergrößerung) 222,5 x 293 cm ,
Madrid, Museo del Prado, TUD Diathek

 

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Diego Velázquez: Fabel der Arachne (Die Spinnerinnen),
um1644- 1648, Öl auf Leinwand, (167 x 252 cm)
Madrid, Museo del Prado, TUD Diathek

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Anmerkungen

1 paraphrasiert nach Zelger 1994, S. 115ff. s. hierzu auch Hagen 2000, S. 254ff.
2 zitiert nach Zelger 1994,S. 117.
3 Zelger 1994, S. 117.

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