Diego Velázquez >> Historische Hintergründe >> Lebenswerk

 

 

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Der Salón de Reinos im Buen Retiro-Palast

In den Jahren 1633 bis 1635 war Velázquez als künstlerischer Leiter an einem der ehrgeizigsten Projekte der spanischen Hofkunst beteiligt: Der Ausstattung des neuen Palastes Buen Retiro in Madrid, an dem seit 1630 auf Anordnung des Conde-Duque de Olivares gebaut wurde, und insbesondere derjenigen des Salón de Reinos (dt.: Saal der Königreiche).1 Dieser Saal im Zentrum der weitläufigen Palastanlage, der heute als Rudiment der ursprünglichen Anlage das Militärmuseum beherbergt, sollte mit einem Bildprogramm ausgestattet werden, das "dem König sein reales Reich visuell verfügbar" machte.2
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Grundriss des Buen Retiro Palastes im Bauzustand bis 1640
(nach Brown / Elliott 1980),
aus: Pfisterer, Malerei als Herrschafts-Metapher -
Velázquez und das Bildprogramm des Salón de Reinos, in: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft, Bd. 29, 2002, S. 199 - 252.

 

 

Den Saal zieren die Wappen der 24 zum spanischen Imperium zählenden Königreiche, die dem Saal den Namen gaben, sowie über der Galerie des Saales ein 42-teiliger genealogischer Zyklus der Könige von Aragón. Zwölf Gemälde mit Schlachtendarstellungen sollten der Lobpreisung der militärischen Erfolge Philipps IV. dienen. Eines davon ist das Gemälde "Übergabe von Breda" von Velázquez. (s.u.) Ferner gehörte auch ein zehnteiliger Herkuleszyklus von Francisco de Zurbarán zum Bildprogramm. Dieser Zyklus sollte die Schlachtendarstellungen mythologisch kommentieren. Als Sinnbild der virtus, der Stärke und der Kraft avancierte die mythologische Figur des Herkules manchem Herrscher als Identifikationsfigur, dem spanischen Königshaus galt er gar als Ahnherr. Das Bildprogramm des Salón de Reinos sollte in den innen- wie außenpolitisch schwierigen Zeiten von der Omnipräsenz des spanischen Reiches und vom Ruhm und der Macht des Königs sowie seines ersten Ministers, des Conde-Duque de Olivares, künden. Es war in seiner Konzeption ein Rückgriff auf die Prunksäle der Renaissance, ein beabsichtigter Rückgriff, denn "Philipp IV. und Olivares wollten an einer von Karl V. begründeten spanisch-habsburgischen Überlieferung festhalten." 3


Francisco de Zurbarán, Herkules trennt die Berge von Gibraltar und Afrika, um 1634,
Öl auf Leinwand, 136 x 153 cm,
Madrid, Museo del Prado, aus: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.),
Velázquez-Rubens-Lorrain - Museo del Prado - Malerei am Hof Philipps IV. (Ausstell.kat.), Bonn, 1999, S. 203.

Francisco de Zurbarán, Herkules kämpft mit dem nemeischen Löwen, um 1634,
Öl auf Leinwand, 132 x 153 cm,
Madrid, Museo del Prado, aus: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.),
Velázquez-Rubens-Lorrain - Museo del Prado - Malerei am Hof Philipps IV. (Ausstell.kat.), Bonn, 1999, S. 204

Francisco de Zurbarán, Herkules kämpft mit dem erymanthischen Eber, um 1634,
Öl auf Leinwand, 132 x 153 cm,
Madrid, Museo del Prado, aus: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.),
Velázquez-Rubens-Lorrain - Museo del Prado - Malerei am Hof Philipps IV. (Ausstell.kat.), Bonn, 1999, S. 205

Francisco de Zurbarán, Herkules und Antaios, um 1634,
Öl auf Leinwand, 136 x 153 cm,
Madrid, Museo del Prado, aus: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.),
Velázquez-Rubens-Lorrain - Museo del Prado - Malerei am Hof Philipps IV. (Ausstell.kat.), Bonn, 1999, S. 207.

 

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Neben dem Gemälde Die Übergabe von Breda (s.u.) trug Velázquez mit fünf königlichen Reiterporträts zur Ausstattung des Saales bei. Diese Reiterporträts hingen der Rekonstruktion von Jonathan Brown zufolge, die er auf der Grundlage eines die ursprüngliche Hängung beschreibenden Gedichtes von Manuel de Gallegos "Silva topográfica" erstellte, an den beiden Schmalseiten des Saales - als strahlender Mittelpunkt des Gesamtprogramms. Auf der dem Saaleingang gegenüberliegenden Schmalseite waren Philipp III. (reg. 1598 - 1621) und seine Frau, Königin Margarete (1584-1611) zu Pferde zu sehen. An dieser Stelle stand auch der Thron Philipps IV.

Madrid, Palacio del Buen Retiro, Salón de Reinos,
Rekonstruktion der ursprünglichen Hängung einer der Stirnseiten,
gemäß Jonathan Brown. TUD Diathek

 

Diego Velázquez, Philipp III. zu Pferde,
um 1636, Öl auf Leinwand, 300 x 314 cm,
Madrid, Museo del Prado, TUD Diathek.

 

Diego Velázquez (Werkstatt),
Königin Margarita von Österreich zu Pferde,
um 1635 (?), Öl auf Leinwand, 297 x 309 cm,
Madrid, Museo del Prado, (TUD Diathek)

 

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Auf der gegenüberliegenden Seite, der Eingangsseite, hingen die Porträts von König Philipp IV. (1605-1665; reg. 1621-1665), seiner ersten Frau Isabella von Frankreich (...-1644) sowie dasjenige des Thronfolgers Baltasar Carlos (1629-1646) zwischen ihnen. Philipp IV hatte demzufolge das eigene Porträt im Blickfeld, wenn er auf seinem Thron saß. Die Autorschaft für die Reiterporträts wird Velázquez und seiner Werkstatt zugesprochen. Gesichert ist, dass er die Reiterbilder Philipps IV. und des Thronfolgers Baltasar Carlos gemalt hat, die anderen drei Gemälde wurden von ihm wohl überarbeitet, wie sich vor allem im Bereich der Pferdeköpfe und der Hinterläufe feststellen lässt. Velázquez lässt Korrekturen als solche sichtbar, er vertuscht sie nicht - ein Novum und Charakteristikum in seinen Bildern, zumal auf derart bedeutungsvollen wie diesen Reiterporträts.

Reiterbildnis im Palacio del Buen Retiro; Salón de Reinos;
Rekonstruktion, TUD Diathek

Diego Velázquez,
Philipp IV. zu Pferde,
um 1636, Öl auf Leinwand, 301 x 314 cm,
Madrid, Museo del Prado, TUD Diathek.

Diego Velázquez (Werkstatt),
Königin Isabella von Frankreich zu Pferde,
um 1635 (?), Öl auf Leinwand, 301 x 314,
Madrid, Museo del Prado, TUD Diathek.

Prinz Balthasar Carlos zu Pferde;
1635 Öl auf Leinwand, 209 x 173 cm,
Madrid, Museo del Prado, TUD Diathek

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Das Porträt Philipp IV. zu Pferd zeigt den Monarchen im Profil hoch zu Ross, nach rechts gerichtet vor einem Landschaftsprospekt. Zwangsläufig drängt sich der Vergleich mit dem 1548 von Tizian geschaffenen Gemälde Karl V. nach der Schlacht bei Mühlberg auf. Von Tizian übernommen ist die Profilstellung von Reiter und Ross. Doch steigerte Velázquez die Pose durch das sich aufbäumende Pferd - eine Levade oder gar eine Kurbette wird diese Figur im Dressurreiten genannt. Philipp IV. hält die Zügel lässig in der linken Hand, während er rechts den Feldherrenstab fest umfasst. Im 17. Jahrhundert wurde das Reiten mit der Befähigung zur Staatsführung gleichgesetzt. In einem zeitgenössischen Traktat heißt es: "Fallen wird derjenige Fürst, der nicht zu regieren versteht, so wie ein ungeschickter Reiter, der die Zügel nicht zu führen und die Sporen nicht anzubringen weiß, leicht rücklings zu Boden stürzt, sobald er ein unzahmes Pferd besteigt." 4  Unter diesem Aspekt betrachtet fungiert das Bild, das die überlegene Beherrschung eines Pferdes zeigt, als Propaganda für den souveränen König. Im gleichen Sinn ist das Reiterporträt des Infanten Baltasar Carlos zu interpretieren, der als zukünftiger Herrscher den Umgang mit dem Zügel bereits beherrscht. 5  Angesichts dieser Metaphorik ist nicht verwunderlich, dass der Reitkunst in der Erziehung des Prinzen oberste Priorität beigemessen wurde, gemäß eines Ausspruchs von Plutarch "Die Söhne der Fürsten und hohen Herren sollten nichts vollkommener lernen als das Reiten." 6 Vor diesem Hintergrund ist auch das Gemälde Baltasar Carlos in der Reitschule zu betrachten: Vor den Augen seiner Eltern vollführt der Kronprinz soeben ein Kunststück zu Pferde, übt sich schon in der Pose des Machthabers. Als der eigentliche Lenker, sowohl der Staatsgeschäfte als auch der Erziehung des Prinzen, steht zwischen dem Infanten und den zuschauenden Eltern auf dem Balkon der Conde-Duque de Olivares, der seine Anweisungen gibt. Justi sah in diesem Gemälde schon die Meninas von 1656 angelegt.

 

Diego Velázquez, Philipp IV. zu Pferde,
um 1636, Öl auf Leinwand, 301 x 314 cm,
Madrid, Museo del Prado, TUD Diathek.

 

Diego Velázquez,
Prinz Baltasar Carlos mit dem Conde
Duque de Olivares in der Reitschule,
um 1636, Öl auf Leinwand, 144 x 96,5 cm,
London, His Grace the Duke of Westminster, TUD Diathek

 

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Übergabe von Breda 1633/1635
Velázquez malte für den Salón de Reinos ein weiteres Gemälde. Es gehört nominell dem Zyklus der Schlachtenbilder an, zeigt tatsächlich jedoch den Ausgang einer kriegerischen Handlung: Die Übergabe der strategisch wichtigsten Festung in den Niederlanden, der Stadt Breda, die am 5. Juni 1625 die viermonatige Belagerung der Stadt durch die Spanier beendete. Im Bild ist eine Schlacht vage im Hintergrund angedeutet; das Geschehen konzentriert sich auf die historisch nicht überlieferte Übergabe des Stadtschlüssels, den Justinus von Nassau an den Sieger, den Marchese Ambrogio Spinola aus Genua, im Bildzentrum übergibt. Zu beiden Seiten der Feldherren steht jeweils eine Gruppe von Kriegern. Die Spanier auf der rechten Seite stehen diszipliniert in geordneter Stellung, wie an den senkrecht aufgerichteten Lanzen erkennbar ist, während die Niederländer auf der linken Bildseite als ein Gruppe von Individuen dargestellt sind, die viel derber und weniger gepflegt sind als ihre Gegner. Auch in diesem Gemälde wird der Betrachter, wie schon im "Bacchus"- Bild durch direkten Blickkontakt einiger Soldaten und Offiziere in das Bildgeschehen einbezogen, z.B. durch Don Pedro de Barbarena y Aparregui, einem Ritter des Calatrava-Ordens, oder des Soldaten am linken Bildrand. Die Landschaft, auf die der Blick zwischen Vorder- und Mittelgrund hindurch gelenkt wird, ist in topographischer Genauigkeit und scharf beobachteter Vogelperspektive dargestellt, so dass "es Velázquez gelingt, ein Bild zu schaffen, in dem sich historische Glaubwürdigkeit und dichterische Atmosphäre vereinen."
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Für die Motivwahl soll sich Velázquez von einem im November 1625 aufgeführten Stück von Calderón de la Barca inspiriert haben lassen, in dem Spinola bei der Entgegennahme des Schlüssels folgende Worte spricht: "Justin, ich empfange sie mit vollem Bewusstsein eures Wertes, denn der Wert des Besiegten verleiht dem Sieger Ruhm". Die Demut des Siegers vor dem Besiegten drückt sich in der Geste des Handauflegens aus, mit der Spinola seinen Gegner von dem Kniefall, der Geste der Unterwerfung, abhält. Es ist eines der menschlich anrührendsten Kriegsbilder der Kunstgeschichte.


 

Übergabe von Breda, 1634/35,
Öl auf Leinwand, 307 x 367 cm,
Madrid, Museo del Prado, TUD Diathek

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Pedro de Barberana y Aparregui,
1631 - 1635,
Öl auf Leinwand, 198 x 111 cm,
Forth Worth (Texas), Kimbell Art Museum,
TUD Diathek

 

 

Übergabe von Breda, Detail
1634/35,
Öl auf Leinwand, 307 x 367 cm,
Madrid, Museo del Prado, TUD Diathek

 

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Jusepe Leonardo, Der Palast Buen Retiro,
Öl auf Leinwand, 130 x 305 cm,
Patrimonio Nacional,
Real Monasterio de San Lorenzo el Escorial,
aus: Kunst- und Ausstellungshalle
der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.),
Velázquez-Rubens-Lorrain - Museo del Prado
- Malerei am Hof Philipps IV. (Ausstell.kat.),
Bonn, 1999, S. 118..

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Anmerkungen

1 Vgl. hierzu Brown 1988, S. 90; Warnke 1968, S. 217 ff.; Zelger 1994, S. 46 ff. Pfisterer 2002.
2 Zelger 1994, S. 48.
3 Zelger 1994, S. 50. Da an dieser Stelle nicht eingehender auf den Salón de Reinos eingegangen werden kann, sei auf Zelger 1994, S. 46ff und Pfisterer 2002 verwiesen.
4 Caesare Capaccio: Il Prencipe, Tratto da gli Emblemi dell´Alciato, Venedig 1620, Avvertimento, XXXV, S. 61, zitiert nach Zelger 1994, S. 57f.
5 zum Reiterporträt Baltasar Carlos´ s. Warnke 1968.
6 Justi 1888/1982, S. 384.
7 Stoichita 1991, S. 135. Velázquez - dies ist bei diesem Gemälde zu beachten - kannte die Niederlande aus eigener Anschauung nicht. S. hierzu einführend: Zelger 1994, S. 51ff; Pfisterer 2002; Hagen 2000, S 236ff.)

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