| Diego Velázquez >> Historische Hintergründe >> Lebenswerk |
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Im weitläufigen Jagdgebiet des Pardo-Palastes wurde zwischen 1635 und 1637 ein bereits Karl V. errichteter Wachturm in ein zweigeschossiges Gebäude umgebaut. Zur Ausschmückung der neuen Räume wurden bei Rubens ca. sechzig Werke mit Szenen aus Ovids "Metamorphosen" und bei Carl Snyders ebenso viele Tier- und Jagddarstellungen in Auftrag gegeben. Auch Velázquez war an der Ausschmückung beteiligt. Für die Galería del Rey, ein Pendant zum Salón de Reinos im Buen Retiro-Palast, schuf ein Ganzfigurenporträt des Königs, seines Bruders Kardinal-Infant Ferdinand und des Thronfolgers Baltasar Carlos im Jagdkostüm in freier Landschaft. Jede repräsentative Attitüde, die die anderen Porträts auszeichnet, fehlt hier. Die Kleidung entspricht derjenigen der übrigen Edelleute bei der Jagd. Allerdings wurde die Jagd als Vorbereitung für die Kriegsführung angesehen. Wie der Oberjägermeister des Königs, Juan Mateos , in seinem Tagebuch vermerkte, war "die Würde dieser edlen Übung leicht zu erkennen an der Teilnahme von Königen und Fürsten. Und sie ist der beste Instrukteur, um Theorie und Praxis der militärischen Künste zu lehren." 1
Ebenfalls für die Hängung in der Torre de la Parada malte Velázquez zwei Ganzfigurenporträts antiker Philosophen: Äsop und Menippus ; beide werden in die Jahre 1639 bis 1641 datiert. In beiden Bildern kehrt Velázquez zur Farbpalette seiner frühen Bilder, den bodegones, zurück. Der antike Fabeldichter Äsop , der das menschliche Leben in Tierfabeln umzusetzen verstand, steht mit einem einfachen braunen Mantel bekleidet, die rechte Hand ein Buch haltend, die linke unter den Mantel geschoben, in einem kargen Raum neben einem Matrazenlager. Rechts von ihm ist ein Wasserbottich erkennbar. Sein Gesicht hat die Züge eines gutmütigen Rindes und weist auf eine Illustration von Giovanni Battista Portas Traktat "Physiognomia" von 1586 hin, den Velázquez in seiner Bibliothek führte. In diesem Traktat werden die Gesichter der Menschen nach ihrer Ähnlichkeit mit Tieren klassifiziert. Die in das Gewand geschobene linke Hand ist als Anspielung auf Cesare Ripas Emblem des Phlegmatikers zu verstehen. Menippus, der Zyniker und Satiriker, schaut hingegen verächtlich von der Seite auf den Betrachter. Auch er steht im kargen Raum, umgeben von Büchern und losen Blättern, die auf seine Verachtung gegenüber angelerntem Wissen und Vorschriften verweisen; ein Wasserkrug auf einen niedrigen Bodenregal im Hintergrund symbolisiert seine Bedürfnislosigkeit. Bekleidet ist er mit einem großen braunen Hut, einem um den Körper geschlungenen Mantel sowie braunen Hosen. Der Kontext ihrer ursprünglichen Hängung ist heute unbekannt. Es wird angenommen, dass die beiden Bildnisse als Pendants zu den Philosophenbildern "Demokrit" und "Heraklit" von Rubens gedacht waren. Auch die "Bettler"-Philosophen von Jusepe Ribera, von denen Velázquez wohl Kenntnis hatte, wurden als Bildidee herangezogen. 2 "Im Kontext des Jagdhauses, in das sich der König jeweils von Geschäften, Verpflichtungen und der pompösen Künstlichkeit des Hofes zurückzog, mögen gerade Äsop und Menippus als Patrone des einfachen Lebens verstanden worden sein." 3
Auch das Gemälde Mars gehört in den Zusammenhang mit der Ausschmückung der Torre de la Parada. Auf dem extrem hochformatigen Bild ist Mars nicht in den für seine Darstellung üblichen Bildzusammenhängen zu sehen, sondern als nachdenklicher Kriegsgott dargestellt, der dem Betrachter direkt in die Augen schaut. Er sitzt nackt, die Lenden nur von einem blauen Tuch umschlungen, den Helm auf dem Kopf, auf der Kante einer zerwühlten mit weißen und altrosafarbenen Laken bedeckten Bettstatt. Vor ihm liegen sein Schild und seine Rüstung auf dem Boden. Er stützt seinen Kopf auf die linke Hand, die rechte ruht auf seinem Feldherrnstab. Über seine rechte Schulter fällt ein dunkelrotes Band. Das Gesicht durch den Helm verschattet, fällt das Licht vom linken Bildrand auf seinen Körper. Er trägt einen für das 17. Jahrhundert modischen Schnauzer, der der Bildtradition des Mars widerspricht, in 17. Jahrhundert jedoch öfters in Mars-Darstellungen zu finden ist. Velázquez knüpft hier thematisch an sein Gemälde Schmiede des Vulkan an: Er zeigt Mars, nachdem Vulkan, gemäß der Erzählung in den Metamorphosen von Ovid, ihn und Venus in flagranti erwischt und mit mittels eines feingliedrigen Stahlnetzes gefangen gehalten wurde und von den Göttern verspotten lies. Mars, allein auf dem Liebeslager zurückgelassen, scheint "noch zu bestürzt und verärgert, um seine Kleider anzulegen, während er über das plötzliche katastrophale Ende seiner Affäre mit der Göttin der Liebe nachdenkt." 4 Andere Deutungen wollen das Gemälde im Zusammenhang mit der spanischen Politik sehen, einerseits als Kritik an den erneuten Waffengängen der Spanier in den Niederlanden und als Appell, die Waffen endlich ruhen zu lassen, andererseits als Anspielung auf den allmählichen Niedergang des spanischen Einflusses im gesamteuropäischen Kontext. Eine weitere Interpretation setzt Mars mit dem König gleich, der sich von der Politik in die Torre de la Parada zurückgezogen hat, um auszuruhen. 5
Zu den außergewöhnlichsten
Porträts, die Velázquez in den 30er und 40er Jahren für
den spanischen Hof schuf, gehören diejenigen der Narren und Zwerge,
die innerhalb der höfischen Gesellschaft lebten. Bereits in den
Gemälden Baltasar Carlos mit Zwerg und Baltasar
Carlos in der Reitschule treten Zwerge auf. In seinem Hauptwerk
Las Meninas spielen sie als Kontrast zu der zartgliedrig blonden Infantin
Margarita eine zentrale Rolle innerhalb der Bilderzählung. Die
Porträts waren sowohl für die Torre de la Parada als auch
für den Buen Retiro-Palast und den Alcázar gedacht und wurden
paarweise in Treppenaufgängen und Eingangshallen aufgehängt.
Ein Beispiel: Das Porträt des Don Diego de Acedo,
gen. El Primo, der die Stellung eines leitenden Sekretärs bekleidete
und der in dunkler Alltagstracht umgeben von Büchern, Papieren
und einem Tintenfass in freier Landschaft dargestellt ist, sollte mit
dem Porträt des Zwergen Francisco Lezcano,
der auf einem Felsen vor einem Landschaftsausschnitt sitzend ein Kartenspiel
als Metapher des Müßiggangs in Händen hält, als
Pendants in der Torre de la Parada entweder als Sopraporten oder über
Fenster gehängt werden. Daher erklärt sich die starke Untersicht
der Konterfeis. Besonders beeindruckend ist auch das
Porträt des Zwergen Don Sebastián de
Morra, der vor einem dunklen Hintergrund sitzt, die kurzen Beine
gerade nach vorne ausgestreckt, die Hände zu Fäusten geballt
und mit trotziger, rebellischer Miene blickt. (Weitere Porträts
der Zwerge und Narren finden Sie in der Galerie) Velázquez
stellt die Narren und Zwerge häufig in ungewöhnlichen Posen
und Verkleidungen dar. Dabei gelingt ihm trotz ihrer offensichtlichen
körperlichen und mentalen Versehrtheit eine würdevolle Darstellung.
Er nimmt die körperlichen Gebrechen nicht zum Anlass,
sich über sie lustig zu machen - das Gegenteil ist der Fall, so
dass das Porträt des Hofnarren Pablo de Valladolid
zum Vorbild Eduard Manets Porträt "Rouvière
als Hamlet - Schauspieler "(1865, Washington, National Gallery
of Art) werden konnte. 6
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Félix Castello, Torre de la
Parada, |
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Anmerkungen 1 zitiert
nach Zelger 1994, S. 63. |
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