"Der vage Terminus 'mythisch' verlangt Konturierung
und Tiefe. Mythisch meint hier nicht einfach nicht-historisch, fiktional.
Längst ist gezeigt, dass Achilles an einen Epheben erinnert,
den griechischen Jungkrieger zwischen Adoleszenz und Erwachsenenleben,
dass Teile seines Mythos - dass ihn der halb tierische, halb göttliche
Kentaur erzog, dass er in Mädchenkleidern unter den Töchtern
des Thestios auf Skyros sich versteckte - auf Praktiken und Mythen
primitiver Initiationsrituale zurückweisen; Einzel-heiten der
homerischen Schilderung Achills gehen zudem zusammen mit solchen
des irischen Jungkriegers Cû Chulainn, finden ihre reale Entsprechung
in der kriegeri-schen Ekstase, der wuot, die man für indoeuropäische
Krieger erschlossen hat. Gleichfalls kann die Jugend-geschichte
Nestors mit ihrem Kampf gegen den unge-heuren Keulenmann, dem Viehraub
und der Erkämpfung eines Streitwagens, die zur Akklamation
in Pylos führt, verbunden werden mit der Jugendgeschichte desselben
Cû Chulainn, der ein ungeheures Gespenst mit seinem Hockeystab
erschlug, sich beim Viehraub bewährte und schließlich seinem
Onkel Conchobor eine Rüstung ablistete, worauf er als vollwertiger
Krieger auftreten konnte. Parallel zu diesen Versuchen, indoeuropäisches
Ritual und Erzählgut im Epos der Griechen aufzuspüren,
ging die vergleichende Sprachwissenschaft den Elementen einer indoeuropäischen
Dichtersprache nach.
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Entscheidend ist, daß die Metaphern für
dichterisches Schaffen bei Griechen, Indern und Iraniern dieselben
sind - das weist auf indoeuropäisches Dichtertum - und daß den
homerischen Ausdrücken kléa androon und kléos aphthiton
indoiranische Ausdrücke eng entsprechen - das führt auf
indoeuropäische Heldendichtung, in der das Thema vom Ruhme der
Männer ebenso zentral war wie bei Homer. Damit ist von zwei unabhängigen
Ansätzen her die Existenz einer indoeuropäischen epischen
Dichtung, deren Formeln in die Kunstsprache Homers einflossen, und
diejenige von indeuropäischen Institutionen, vielleicht auch
auf ihnen basierenden Mythen wahrschein-lich gemacht worden. Die epische
Mythenerzählung der Griechen erhält so eine Tiefendimension,
die weit ins dritte Jahrtausend vor Christus zurückführt,
lange vor die Blüte der mykenischen Zivilisation." (Graf
1985, S. 73-75) |