
Aber die Schwierigkeit liegt nicht darin,
zu verstehn, daß griechische Kunst und Epos an gewisse gesellschaftliche
Entwicklungsformen geknüpft sind. Die Schwierigkeit ist, daß
sie für uns noch Kunstgenuß gewähren und in gewisser Beziehung
als Norm und unerreichbare Muster gelten.
Ein Mann kann nicht wieder zum Kinde werden,
oder er wird kindisch. Aber freut ihn die Naivetät des Kindes
nicht, und muß er nicht selbst wieder auf einer höhren Stufe
streben, seine Wahrheit zu reproduzieren? Lebt in der Kindernatur
nicht in jeder Epoche ihr eigner Charakter in seiner Naturwahrheit
auf? Warum sollte die geschichtliche Kindheit der Menschheit,
wo sie am schönsten entfaltet, als eine nie wiederkehrende Stufe
nicht ewigen Reiz ausüben? Es gibt ungezogene Kinder und altkluge
Kinder. Viele der alten Völker gehören in diese Kategorie. Normale
Kinder waren die Griechen. Der Reiz ihrer Kunst für uns steht
nicht im Widerspruch zu der unentwickelten Gesellschaftsstufe,
worauf sie wuchs.
|
|

Ist vielmehr ihr Resultat und hängt vielmehr
unzertrennlich damit zusammen, daß die unreifen gesellschaftlichen
Bedingungen, unter denen sie entstand und allein entstehn konnte,
nie wiederkehren können."
Bemerkung:
Es mag sein, daß alle Mythen, die uns eine
fiktive Beherrschung von Naturkräften suggeriert haben, mit
deren tatsächlicher Beherrschung verschwinden. Erhalten bleiben
aber diejenigen Mythen, welche (Kräfte-) Verhältnisse erörtern,
die nach wie vor nicht beherrschbar sind wie beispielsweise persönliche
und zwischenmenschliche.
|