|
Der Laokoon-Mythos Quelle Nr. 1
Der Mythos vom trojanischen Priester Laokoon liegt
uns in zwei ver-schiedenen Fassungen vor. Nach der ersten Version, die
vermutlich auch in einem verlorenen Drama des Sophokles überliefert worden
sein dürfte, schickt Apollon die Schlangen zur Strafe dafür, dass Laokoon
trotz des Verbotes des Gottes geheiratet und - möglicherweise sogar am
Altar - Kinder gezeugt hat.
Die zweite Version überliefert Vergil in der Aeneis.
Dort erfahren wir im
2. Buch, das uns den Untergang Trojas schildert, zunächst vom Bau des
trojanischen Pferds und den vermeintlichen Abzug der Griechen. Weiter
heißt es in der Übersetzung von Johannes Götte, München 1990 (2, 25-56):
| 25 |
Wir aber glaubten, sie seien
davon mit dem Wind nach Mykene. Endlich also löst aus langer Trauer
sich Troja.
Tor um Tor fliegt auf: froh gehn sie, das dorische Lager
Und die verödeten Plätze zu sehn, die verlassene Küste.
Hier waren Doloper, dort das Zelt des grausen Achilles, |
| 30 |
Hier die Flotte, und dort entbrannte
gewöhlich die Feldschlacht. Manche bestaunen das Unheilsgeschenk der
Jungfrau Minerva, Wundern sich über des Rosses Wucht; Thymoetes als
erster
Mahnt, in die Stadt es zu ziehn, auf die Burg es zu stellen, vielleicht
aus List, vielleicht auch, weil schon Trojas Schicksal verhängt war.
|
| 35 |
Capys jedoch und die, deren Herz noch
besser beraten,
Wollen der Danaer Falle, die argwohnweckende Gabe,
Stürzen ins Meer, auch Feuer dran legen und sie verbrennen,
Oder durchbohren des Buches Versteck und gründlich durchsuchen. Gegensatz
spaltet so die ungewiß schwankende Menge. |
| 40 |
Dort als erster vor allem, umwogt von
großem Gefolge,
Stürmte Laocoon glühend herab vom Gipfel der Stadtburg.
"Elende!" ruft er von fern, "was, Bürger, soll dieser Wahnwitz?
Glaubt ihr denn, der Feind sei fort, oder wähnet ihr frei von Tücke
die Gaben aus Danaerhand? So kennt ihr Ulixes? |
| 45 |
Entweder sind, umschlossen von Holz,
Achiver verborgen,
Oder ersonnen ward dies Werk gegen unsere Mauern,
Einzusehen die Häuser, der Stadt von oben zu nahen;
Irgendwie lauert Betrug im Roß: mißtrauet, Ihr Teukrer!
Was es auch sei, ich fürchte die Danaer, selbst wenn sie schenken".
|
| 50 |
Und gleich warf er mit Riesenkraft die
mächtige Lanze
In die Flanke hinein, ins Bauchgewölbe des Untiers.
Zitternd ragte die Lanze, erschüttert bebte der Leib und Dumpf ertönten
die Höhlen und ließen Stöhnen verlauten.
Hätten die Götter gewollt, wär blind unser Herz nicht gewesen |
| 55 |
Trieb er uns wirklich, zuschanden zu
schlagen der Griechen Versteck, und Troja stände noch heut, du ragtest
noch, Priamus' Hochburg! |
Nachdem das listige Eingreifen eines feindlichen griechischen
Agenten namens Sinon und des heimischen Sehers Kalchas noch immer keine
Entscheidung über das Schicksal des Pferds herbeigegeführt hat, geschieht
dies durch ein Ereignis, das Vergil wie folgt beschreibt (2,199-234):
200 |
Gleich aber ließ uns Arme
ein anderes, größeres Zeichen
Mehr noch erbeben und stürzte die arglosen Herzen in Wirrsal. Laocoon,
durchs Los für Neptun zum Priester erkoren,
Schlachtete grad einen riesigen Stier am Opferaltare.
Da! Da gleitet von Tenedos her durch ruhige Wogen -
Jetzt noch faßt mich Entsetzen - in riesigen Bogen ein Paar von |
| 205 |
Schlangen im Meere dahin
und strebt gemeinsam zum Strande. Steilauf recken sie zwischen den
Fluten die Brust, ihre Kämme Glühn blutrot aus Wogen empor. Der übrige
Teil streift Hinten das Meer und wirft zu gewalter Windung den Rücken.
Schaurig schäumt das Wasser der See; schon gingen an Land sie, |
| 210 |
Brennend starrten die Augen, von Blut
unterlaufen und Feuer,
Und schon leckten sie zischend ihr Maul mit zuckenden Zungen: Bleich
vom Anblick fliehn wir hinweg; sie streben in sichrem
Zug auf Laocoon zu: sofort um die Leiber, die jungen,
Beider Söhne schlingen nun beide Schlangen die grause |
| 215 |
Windung, weiden den Biß an den armen,
elenden Gliedern.
Dann ergreifen den Vater sie auch, der mit Waffen zu Hilfe
Herstürmt, schnüren ihn ein in Riesenwindungen, und schon
Zweimal die Mitte umschlungen und zweimal die schuppigen Rücken
Um seinen Hals, überragen sie hoch mit dem Haupt ihn und Nacken. |
| 220 |
Jener bemüht mit den Händen sich hart,
zu zerreißen die Knoten, Schwarz übergossen von Geifer und Gift an
den heiligen Binden, Furchtbar zugleich tönt klagend sein Schrei hinauf
zu den Sternen. So brüllt auf der Stier, der wund vom Altare geflüchtet
Und das Beil, das unsicher traf, geschüttelt vom Nacken. |
| 225 |
Aber zum Tempel hoch droben entfliehn
schnell gleitend die beiden Schlangen und streben hinauf zur Burg
der grausen Tritonis,
Bergen zu Füßen der Göttin im Rund sich unten des Schildes.
Da drang allen erst recht durch bebende Herzen ein neuer
Stoß des Entsetzens; sie sagen, Laocoon habe mit Recht jetzt |
| 230 |
Sein Verbrechen gebüßt: er verletzte
das heilige Holz doch
Mit seinem Spieß und stieß in den Rücken die ruchlose Lanze.
Alle schreien, man müsse das Bild zum Wohnsitz der Göttin
Ziehn, zur Waltenden beten.
Wir zerbrechen die Mauern und öffnen den Ring unserer Festung. |
In dieser von Vergil überlieferten Fassung des Mythos
zieht sich Laokoon also in einer gänzlich anderen Rolle, nämlich als Priester
Poseidons und Warner seines Volkes vor einer drohenden Gefahr, den Zorn
einer anderen Gottheit zu, die den Untergang Trojas beschlossen hatte.
Bitte analysieren Sie beide Versionen des Mythos und entwickeln Sie daraus
eine kurze Darstellung des Inhalts griechischer Mythen.
|