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Zwei Kommentare zur Laokoon-Gruppe
Johann
Joachim Winckelmann
über die Laokoon-Gruppe:
"So wie die Tiefe des Meers allezeit ruhig
bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeiget der
Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große
und gesetzte Seele. [...] Diese Seele schildert sich in dem Gesicht
des Laokoons, und nicht in dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden.
Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln und Sehnen des Körpers
entdecket, und den man ganz allein, ohne das Gesicht und andere Teile
zu betrachten, an dem schmerzlich eingezogenen Unterleibe beinahe selbst
zu empfinden glaubet; dieser Schmerz, sage ich, äußert sich
dennoch mit keiner Wut in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er
erhebet kein schreckliches Geschrei, wie Vergil von seinem Laokoon singet:
Die Öffnung des Mundes gestattet es nicht; es ist vielmehr ein
ängstliches und beklemmtes Seufzen ... Der Schmerz des Körpers
und die Größe der Seele sind durch den ganzen Bau der Figur mit
gleicher Stärke ausgeteilet und gleichsam abgewogen. Laokoon leidet,
... sein Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir wünschten,
wie dieser große Mann, das Elend ertragen zu können."
In seinem Führer durch die öffentlichen
Sammlungen klassischer Altertümer in Rom beschreibt Wolfgang
Helbig die Laokoongruppe folgendermaßen:
"Bei einem Altar werden ein kräftiger
reifer Mann und zwei Knaben von zwei riesigen Schlangen tödlich
umwunden. Schon krümmt sich der kleinere der Knaben in höchstem
Schmerz, denn tief haben sich die Zähne der einen Schlange in seine
Seite gebohrt. Vergebens bäumt sich der Mann auf und versucht die
zweite Schlange von seiner Hüfte zu reißen, wo er den Biß
bereits verspürt. Nur für den älteren der Knaben scheint
noch Hoffnung zu entrinnen, aber auch er ist fest vom Schlangenleib
umstrickt, und sein Blick sucht hilflos das Antlitz des furchtbar ringenden
Vaters, dem auch der sterbende Blick des kleineren gilt. Aber die Gottheit
des Altars, auf den der Mann rückwärts gesunken ist, fühlt
kein Erbarmen. Der Mann trug nach den zwei Ansatzresten im Haar einen
Lorbeerkranz und war demnach Priester des Apoll. Altar und Kranz versetzen
uns in einen heiligen Bezirk, in dem sich göttliches, erbarmungsloses
Strafgericht vollzieht (...)."
"(...) Soviel zeigt das Werk selbst. Der antike Betrachter konnte
nicht zweifeln, in der Gruppe Laokoon und seine Söhne zu erkennen,
wie auch die humanistisch gebildeten Kenner der Renaissance es sofort
erkannten. Laokoon wird bestraft, weil er entgegen seines Gottes Geheiß
geheiratet hatte, ja sogar am Altar Kinder gezeugt haben soll. Nach
der einen Überlieferung finden er und ein Kind, nach einer anderen
alle drei den Tod. Anders erzählt Vergil den Mythos: Laokoon als
Priester des Poseidon habe die Trojaner vor dem hölzernen Pferd
der Griechen gewarnt, nach ihm eine Lanze geworfen und so den Zorn Athenas
herausgefordert, die von Tenedos aus dem Meer die beiden Schlangen sandte
um den Mann und seine Kinder beim Opfer zu töten. Denn sie hatte
den Untergang Trojas beschlossen. Des Lorbeerkranzes wegen kommt für
die Gruppe kaum die Auffassung Vergils in Betracht. Ob sich die Künstler
an die uns leider verlorene Tragödie des Sophokles gehalten haben,
ist unbekannt, Aber wie dem auch sei: die antiken Betrachter wußten
um den tragisch gesteigerten Mythos und empfanden weniger Mitleid mit
den sterbenden Menschen als Schauder vor der unerfindlichen Macht des
beleidigten Gottes, der nach Jahren scheinbaren Vergessens jäh
und erbarmungslos sich rächt und den Schuldigen samt den unschuldigen
Kindern in das Verhängnis reißt.
Kein anderes antikes Werk zeigt eine derart gewaltige Anatomie des Schmerzes
und letzter Verzweiflung, aufgebaut aus dem mächtigen nackten Leib
des Mannes, dem das Gewand entglitten, den zarten Körpern der Knaben
und den furchtbaren vielfältigen Schlangenwindungen, die diese
Leiber tödlich verketten."
aus: Wolfgang Helbig, Führer durch
die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom
siehe auch:
Gotthold
Ephraim Lessing: Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei
und Poesie
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