1. Okeanos und Tethys

Es gab in unserer Mythologie mehrere Erzählungen vom Anfang der Dinge. Die älteste war vielleicht jene, auf die unser ältester Dichter, Homer, anspielt, wenn er Okeanos den "Ursprung der Götter" (Ilias 14, 201) und den "Ursprung von allem" nennt (Ilias 14, 246). Okeanos war ein Flussgott; Fluss oder Strom und Gott in einer Person, wie die übrigen Flussgötter auch. Unerschöpfliche Zeugungskraft besaß er gleichfalls wie unsere Flüsse, in deren Wasser die Griechenmädchen vor ihrer Hochzeit badeten, und die daher auch als die Stammväter alter Geschlechter galten. Doch war Okeanos kein gewöhnlicher Flussgott, da sein Strom kein gewöhnlicher Strom war. Nachdem alles aus ihm seinen Ursprung genommen hat, fließt er immer noch, am äußeren Rand der Erde, in sich zurückströmend, im Kreise. Die Flüsse, Quellen und Brunnen, ja das ganze Meer, alle entspringen fortwährend seinem breiten, starken Strom. Er allein durfte, als die Welt schon unter der Herrschaft des Zeus stand, an seinem alten Ort bleiben, der eigentlich kein Ort, sondern nur Strömung, Umgrenzung und Abtrennung ist vom Jenseits.

Es ist indessen nicht richtig zu sagen: "er allein". Mit Okeanos war die Göttin Thetys verbunden, die mit Recht als "Mutter" bezeichnet wird (Ilias 14, 201). Mit wem hätte Okeanos der "Ursprung von allem" sein können, wenn in seiner Person nur ein männlicher Urstrom dagewesen wäre und keine empfangende Ur-Wassergöttin mit ihm? Wir verstehen auch, warum bei Homer berichtet wird, das Ur-Paar halte sich seit langer Zeit schon von der Zeugung zurück (Ilias 14, 206). Sie tun dies aus Zorn gegeneinander: eine Begründung, die in solchen uralten Erzählungen wohl natürlich ist. Hätte aber die Urzeugung nicht aufgehört, so würde auch unsere Welt keinen Bestand haben, keine runde Grenze und kein Kreislauf würde in sich zurückkehren. Alles wäre ins Grenzenlose weiter gezeugt worden. Dem Okeanos bleibt also nur die Strömung im Kreise, das Nähren der Quellen, der Flüsse und des Meeres und die Unterordnung unter die Macht des Zeus.

Von Thetys hören wir wenig in unserer Mythologie, es sei denn, dass sie die Mutter der Okeanos-Töchter und der Okeanossöhne war (Hesiodi Theogonia 337). Die Söhne sind die Flüsse, an der Zahl dreitausend (Hesiodi Theogonia 367). Die Zahl der Töchter, der Okeaninai, war ebenso groß (Hesiodi Theogonia 364). Nur die ältesten sollen später noch erwähnt werden. Unter den Enkelinnen war eine, deren Name Thetis an Tethys anklingt. Unsere Sprache unterscheidet streng zwischen diesen zwei Namen. Es ist aber möglich, dass sie für Menschen, die vor uns in Griechenland wohnten, in Laut und Bedeutung einander noch höherstanden und ein und dieselbe große Herrin des Meeres waren. Von Thetis wird bald wieder die Rede sein. Diese Erzählung und diese Gottheiten herrschten wahrscheinlich früher an unserem Meer, als griechische Stämme dort lebten.
(Kerényi 1966, S. 19-20)