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| 2. Die Nacht, das Ei und Eros Eine andere Erzählung vom Anfang der Dinge war lange in heiligen Schriften überliefert, die die Anhänger und Verehrer des Sängers Orpheus bewahrten, blieb aber zuletzt doch nur durch einen Komödiendichter und in Anspielungen von Philosophen erhalten. Man erzählte sie ursprünglich eher unter Jägern und Waldbewohnern als bei den Menschen am Meere. Am Anfang war die Nacht - so begann diese Geschichte (Kern: Orphicorum fragmenta 24). In unserer Sprache hieß die Nacht Nyx, eine der größten Göttinnen auch für Homer, vor der selbst Zeus eine heilige Furcht empfand (Ilias 14, 261). Nach dieser Erzählung war sie ein Vogel mit schwarzen Flügeln (Aristophanes: Aves 695). Befruchtet vom Wind legt die Urnacht ihr silbernes Ei (Kern: Orphicorum fragmenta 70.2) in den Riesenschoß der Dunkelheit. Aus dem Ei trat der Sohn des wehenden Windes, ein Gott mit goldenen Flügeln, hervor. Er wird Eros, der Liebesgott, genannt; das ist aber nur ein Name, der lieblichste unter allen Namen, die dieser Gott trug. Die übrigen Namen, die wir noch kennen, klingen sehr gelehrt, aber auch sie drücken nur einzelne Begebenheiten dieser alten Erzählung aus. Heißt der Gott Protogonos, so will das sagen, dass dieser Gott der "Erstgeborene" unter allen Göttern war. Heißt er Phanes, so drückt dieser Name genau das aus, was der aus dem Ei soeben Geborene alsbald tat: er zeigte und brachte alles ans Licht, was bis dahin im silbernen Ei verborgen lag. Und das war die ganze Welt. Oben ein Hohlraum: der Himmel. Unten: das Andere. In unserer alten Sprache gibt es ein Wort für den hohlen Raum, das eigentlich nur soviel beduetet, dass es "gähnt": es ist das Wort Chaos. Für ein Gemisch, ein Durcheinander, gab es ursprünglich nicht einmal dieses Wort, das erst später, nach der Einführung der Lehre von den vier Elementen, die heute geläufige Bedeutung erhielt. So war auch das "Andere", unten im Ei, kein unnatürliches Gemisch. Man erzählte diese Geschichte auch so, dass unten im Ei die Erde war und Himmel und Erde sich begatteten (Kern: Orphicorum fragmenta 16.112). Das war die Wirkung des Gottes, der beide ans Licht brachte und dann zur Vermischung zwang, des Eros. Sie zeugten das Geschwisterpaar Okeanos und Tethys. Die alte Erzählung in unserem meerumflossenen Lande ging
aber wahrscheinlich so weiter, dass sich ursprünglich Okeanos unten im
Ei befand, doch nicht allein, sondern mit Tethys, und sie empfanden als
erste die Wirkung des Eros. Wie es in einem Gedicht des Orpheus hieß (Kern:
Orphicorum fragmenta 15): "Okeanos war der erste, der schön fließende,
der mit der Begattung begann: er nahm die Schwester von derselben Mutter,
die Tethys, zur Frau." Die gemeinsame Mutter aber war jene, die das silberne
Ei gelegt hatte: die Nacht. |