3. Chaos, Gaia und Eros

Die dritte Erzählung vom Anfang der Dinge stammt von Hesiod, einem Bauer und Dichter, der in seiner Jugend die Schafe am Götterberg Helikon weidete (Hesiodi Theogonia 23). Es lagen da die heiligen Stätten auch solcher Gottheiten, die von den Anhängern des Sängers Orpheus besonders verehrt wurden und deren Kult vielleicht erst sie dort, in Böotien, aus nördlicheren Gegenden eingeführt haben: des Eros und der Musen. Die Erzählung des Hesiod lautet jedenfalls so, als hätte er nur die Eierschale aus der Geschichte von Nacht, Ei und Eros weglassen und als Bauer dem festen Boden, der Erde, der Göttin Gaia, den Rang der ältesten Göttin geben wollen. Denn Chaos, das er zuerst nennt, war für ihn keine Gottheit, sondern nur ein leeres "Gähnen": eben das, was von einem leeren Ei bleibt, wenn man die Schale wegnimmt.

So erzählt er (Hesiodi Theogonia 116): Zuerst entstand das Chaos. Danach entstand Gaia, mit breiten Brüsten, der feste und ewige Sitz von allen Gottheiten, die hoch oben, auf dem Berg Olymp wohnen, oder in ihr selbst, in der Erde, und Eros, der schönste unter den unsterblichen Göttern, der die Glieder löst und den Geist aller Götter und Menschen beherrscht. Vom Chaos stammt das Erebos her, die lichtlose Dunkelheit der Tiefen, und Nyx, die Nacht. Nyx gebar den Aither, das Himmelslicht, und Hemera, den Tag, sich mit dem Erebos in Liebe vermischend. Gaia aber gebar vor allem, als ihr gleich, den gestirnten Himmel, Uranos, damit er sie völlig umfange und fester und ewiger Sitz sei den seligen Göttern. Sie gebar die großen Gebirge, in deren Tälern so gerne Göttinnen wohnen: die Nymphen. Sie gebar auch das öde, schäumende Meer, den Pontos. Und dies gebar sie ohne Eros, ohne Begattung.

Dem Uranos gebar sie außer den Titanen und Titaninnen (bei Hesiod sind auch Okeanos und Tethys dazu geworden) drei Kyklopen: Steropes, Brontes , Arges - Gestalten mit einem runden Auge auf der Stirn und mit Namen, die Donner und Blitz bedeuten. Ferner gebar ihm Gaia drei Hekatoncheiren: Riesen mit hundert Armen und fünfzig Köpfen, Kottos, den "Stoßenden", Briareos, den "Starken", und Gyes, den "Begliederten". Doch die ganze Geschichte von der Verbindung von Uranos und Gaia - obwohl sie ursprünglich sicher zu den Erzählungen vom Anfang der Dinge gehörte - führt schon zu den Titanengeschichten hinüber und ist die erste aus dieser besonderen Art von Erzählungen in unserer Mythologie. Sie sollen nun der Reihe nach folgen.
(Kerényi 1966, S. 21-22)