1. Uranos, Gaia und Kronos

Uranos, der Himmelsgott, kam in der Nacht zu seiner Gattin, der Erde, der Göttin Gaia (Hesiodi Theogonia 76). Die beiden lichten Kinder der Nacht und der Dunkelheit, Aither und Hemera, die bei Tag da waren, wurden schon genannt. Uranos kam allnächtlich zur Begattung. Aber die Kinder, die er mit Gaia zeugte, waren ihm von Anfang an verhasst (Hesiodi Theogonia 155). Sobald sie geboren wurden, pflegte er sie zu verbergen und ließ sie nicht zum Licht herauf. Er verbarg sie in der inneren Höhlung der Erde. An diesem bösen Werk - so wird bei Hesiod ausdrücklich gesagt - fand er seine Freude. Die riesige Göttin Gaia stöhnte und fühlte sich eng durch die innere Last. Auch sie erfand nun eine böse List. Schnell brachte sie den grauen Stahl hervor; daraus machte sie eine Sichel mit scharfen Zähnen und wandte sich an ihre Söhne. Deren Zahl war damals schon groß. Hesiod nennt außer Okeanos: Koios, Krios, Hyperion, Iapetos und als jüngsten Kronos. Außer diesen sechs Brüdern waren sechs Schwestern da: Theia, Rhea, Themis, Mnemosyne, Phoibe mit dem goldenen Kranz und die liebliche Tethys. Zu ihren Kindern, aber hauptsächlich zu den Söhnen, sprach Gaia in ihrer Betrübnis: "Ach, meine Kinder, und Kinder auch eines verruchten Vaters, wollt ihr nicht auf mich hören und euren Vater für diese böse Misshandlung bestrafen? Er war es, der eine schändliche Tat zuerst ersann!" Alle erschraken, und niemand tat den Mund auf. Nur der große Kronos, von krummen Gedanken, fasste Mut: "Mutter" - sagte er - "ich verspreche es und tue das Werk. Ich kümmere mich nicht um unseren Vater, verhassten Namens. Er war es, der eine schändliche Tat zuerst ersann!" Da freute sich Gaia, versteckte ihre Sohn am Ort, der zum Hinterhalt geeignet war, gab ihm die Sichel in die Hand und weihte ihn ein in die ganze List. Als Uranos mit der Nacht kam und, zur Liebe entbrannt, die Erde umfasste und sich ganz über sie legte, griff der Sohn aus dem Hinterhalt mit der Linken zu. Mit der Rechten nahm er die riesige Sichel, schnitt die Männlichkeit des Vaters schnell ab und warf sie hinter seinen Rücken. Die Blutstropfen des Gatten fing Gaia auf. Sie gebar davon die Erinyen - die "Starken", wie sie Hesiod bezeichnet -, die Giganten, und die Eschennymphen, die Nymphai Meliai, aus denen ein hartes Menschengeschlecht entstand. Die Männlichkeit des Vaters fiel in das Meer, und so wurde Aphrodite geboren: lauter Geschichten, die später erzählt werden sollen. Was Hesiod uns nicht erzählte, was aber wohl alle Hörer dieser Titanengeschichte sofort begreifen, sei noch ausgesprochen: seit der blutigen Tat des Kronos nähert sich der Himmel nicht mehr der Erde zu allnächtlicher Begattung. Die Urzeugung nahm ihr Ende, und es folgte die Herrschaft des Kronos. Das ist indessen eine andere Titanengeschichte. (Kerényi 1966, S. 23-24)