2. Kronos, Rhea und Zeus

Unter den aufgezählten zwölf Titanen und Titaninnen nahmen drei Brüder die eigene Schwester zur Frau, oder richtiger, drei Schwestern den Bruder zum Gatten. Hesiod nennt in diesen Fällen immer die Göttin an erster Stelle. So gebar (
Hesiodi Theogonia 371) die Titanin Theia dem Hyperion Helios, die Sonne, Selene, den Mond, und Eos, das Frühlicht. So wurde Phoibe durch Koios die Mutter eines hehren Göttergeschlechts (Hesiodi Theogonia 404), zu dem Göttinnen wie Leto, Artemis und Hekate und ein Gott, Apollon, gehören.

Und so vermählte sich Rhea mit Kronos (Hesiodi Theogonia 453), dem sie drei Töchter und drei Söhne gebar: die großen Göttinnen Hestia, Demeter und Hera und die großen Götter Hades, Poseidon und Zeus. Wie der Vater Kronos der jüngste Sohn des Uranos war, so war nach Hesiod, der vor der Herrschaft des Zeus die mütterliche Abstammung betont und hochhält, Zeus der jüngste Sohn der Rhea und des Kronos. Für jene, die die väterliche Abstammung höher schätzten, wie Homer, galt Zeus als der älteste Sohn des Kronos (Ilias 13, 355). In der Erzählung der Titanengeschichten folgt man aber besser dem Hesiod als Homer, der, wie seine ganze Dichterschule, diese Art der Erzählung nicht liebte und nur selten und andeutungsweise auf sie Bezug nahm. Alle seine Kinder verschlang der große Kronos, sobald eines aus dem heiligen Leib der Mutter zu ihren Knien kam (Hesiodi Theogonia 459).

Er war der König unter den Söhnen des Uranos, und er wünschte nicht, dass ein anderer Gott nach ihm in Besitz dieser Würde gelange. Er hatte von der Mutter Gaia und von seinem Vater, dem gestirnten Himmel, erfahren, dass es ihm bestimmt sei, durch einen starken Sohn gestürzt zu werden. Darum war er fortwährend auf der Hut und verschlang seine Kinder: ein unerträglicher Kummer für Rhea. Als sie nun im Begriff war, Zeus zu gebären, den künftigen Vater der Götter und Menschen, wandte sie sich an ihre Eltern, die Erde und den gestirnten Himmel, damit sie mit ihr einen guten Rat fänden, wie sie das Kind unbemerkt auf die Welt bringen und Rache nehmen könnte, des Vaters und der übrigen Kinder wegen, die der große Kronos, von krummen Gedanken, verschlungen hatte.

Rhea gibt Kronos einen Stein

Gaia und Uranos erhörten die Tochter und verrieten ihr, welche Zukunft König Kronos und seinem Sohn beschieden sei. Die Eltern schickten Rhea nach Lyktos, auf der Insel Kreta. Dort fing Gaia den Neugeborenen auf. In dunkler Nacht brachte Rhea das Kind nach Lyktos und verbarg es in einer Höhle des bewaldeten Berges Aigaion.

Dem Sohn des Uranos aber, dem ersten König der Götter, reichte sie einen großen Stein, in Windeln gewickelt. Der Schreckliche griff danach und legte den Stein in seinen Bauch, ohne zu merken, dass der Sohn, unbesiegt und unbekümmert um ihn, nur darauf wartete, den Vater zu stürzen, ihn seiner Würde zu berauben und an seiner Stelle zu herrschen.
Schnell wuchsen die Glieder und der Mut jenes Herrschers - Hesiod nennt ihn nicht basileus, "König", sondern anax, "Herr", wie unsere Götter seit der neuen Herrschaft angeredet werden - bis es nach Erfüllung der Zeit wirklich dazu kam, dass Kronos mit List und Kraft von Zeus besiegt wurde und seine verschlungenen Kinder von sich gab.

Zeus befreite, außer seinen eigenen Brüdern, auch Brüder des Vaters, die noch von Uranos in Fesseln geschlagen worden sind: vor allem die Kyklopen. Diese schenkten ihm aus Dankbarkeit den Donner und den Blitz, die Zeichen und Mittel seiner Macht. Mit Kronos blieb uns die Erinnerung an das Goldene Zeitalter verbunden. Sein Königtum fällt mit einer glücklichen Periode der Welt zusammen, deren Schilderung später folgen soll.
Wie eng diese beiden zusammenhängen, zeigt die weitere Geschichte des Kronos, die uns andere Dichter ausführlicher erzählten als Hesiod. Im Goldenen Zeitalter floss Honig aus den Eichen. Die Anhänger des Orpheus wussten es so (Kern: Orphicorum fragmenta 154), dass Kronos vom Honig berauscht schlief - noch gab es ja den Wein nicht - als Zeus ihm die Fesseln anlegte. Er fesselte den Vater, um den alten Gott dorthin zu entrücken, wo Kronos - und mit ihm das Goldene Zeitalter - auch heute noch weilt: auf den Inseln der Seligen, am äußersten Rand der Erde.
Dorthin nahm Zeus (
Pindarus: Olympia 2.70) den Weg mit seinem Vater. Dort umwehen die Lüfte vom Okeanos her den Turm des Kronos. Dort ist er König, "der Gatte der Rhea, der zuhöchst über allen thronenden Göttin". (Kerényi 1966, S. 24-26)