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Mythographie
In der Tendenz, alle Aspekte
der Wirklichkeit in einem einzigen Werk zu sammeln und miteinander zu
verbinden, entspricht die Mythographie der enzyklopädischen Mentalität
der Griechen.
Sotera Fornaro, in: Der neue Pauly,
Bd. 8, 2000, s. v. Mythographie
Unter Mythographie versteht man die schriftliche Aufzeichnung
und systematisch oder chronologisch geordnete Überlieferung mytho-logischer
Stoffe. Mythographie umfaßt literarische Werke aus unter-schiedlichen
Gattungen, in denen diese Stoffe nicht in erster Linie dichterisch gestaltet,
sondern gesammelt, dargestellt und auch gedeutet werden.
In diesem Sinne sind bereits in den frühen Epen mythographische Passagen
zu finden, etwa die homerischen Kataloge oder die mytho-logischen Genealogien.
Auch die Theogonie des Hesiod (Geschichte der Götter in drei Generationen)
gehört in diesen Bereich.
Die prosaische Mythographie setzt im 6. Jahrhundert v. Chr. ein und blüht
in klassischer und hellenistischer Zeit. Angestrebt war eine syste-matische
Darstellung der mythologischen Überlieferung, meist in chro-nologischer
(oder vermeintlich chronologischer) Ordnung. Vor allem Heroenmythen wurden
gesammelt, verschiedene lokale Überlieferungen aufeinander bezogen.
Die Genealogien dienten auch zur Begründung einer festen Zeitrechnung.
So soll der 480 v. Chr. gegen die Perser gefallene spartanische König
Leonidas 31 Generationen nach Herakles gelebt haben, und Eratosthenes
(etwa 284 - 202 v. Chr.), Universalgelehrter und Bibliothekar in Alexandria,
errechnete als Zeitpunkt für den Fall Troias das Jahr 1184 v. Chr.
Eine Zusammenstellung der in den Tragödien behandelten Mythen erfolgte
im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr., als die Werke der drei großen Tragiker
gesammelt und kommentiert wurden. Dabei ergab sich die Möglichkeit, verschiedene
Mythenversionen miteinander zu vergleichen, beispielsweise die unterschiedliche
Bearbeitung eines mythologischen Stoffes durch Sophokles und Euripides.
In diesem Zusammenhang ist der Philosoph Dikaiarchos zu nennen, ein Schüler
des Aristoteles.
Die Mythographen faßten verschiedene Mythen zu Zyklen (kękloi)
zu-sammen. Dabei entstanden Darstellungen des Mythenkreises um Troia,
der Herakles-Mythen usw. Seit hellenistischer Zeit wurden Mythen auch
unter thematischen Gesichtspunkten zusammengestellt, z. B. Mythen mit
astronomischem Bezug, Verwandlungsmythen (Metamorphosen) oder Mythen erotischen
Inhalts.
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