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Quellen zur Lehrveranstaltung 3: "Mythos und Ekstase"

 

Vincenzo Cartari: Über die Götter der Alten


"Bei Diodor kann man lesen, daß die Bacchusstatuen auf zweierlei Weise gemacht wurden. Eine war ziemlich ernst mit langem Bart, die andere schön von Angesicht, fröhlich, zart und jung, womit gemeint war, daß der Wein, wenn er über die Maßen getrunken wird, die Menschen furchtbar und zornig macht, wenn er maßvoll getrunken wird, aber heiter und angenehm."

Im Original:

"Leggesi appresso di Diodor che in due modi furono fatte le statoe di Bacco, et era l´una assai seria con barba lunga e l´altra bella di faccia, allegra, delicata e giovane, intendendo per quella che ´l vino bevuto fuori di misura fa gli uomini terribili et iracondi e per questa che gli fa lieti e giocondi bevuto temperatamente.
"

Vincenzo Cartari: Über die Götter der Alten. 1556, Nachdruck 1996, S. 370,
bezieht sich hier auf Diodor, Bibl. hist., 4, 5, 2-3.


Natalis Comes: Zehn Bücher über die Mythologie, 1551

"Die Priester dieses Gottes sind meistens Frauen, die bald vom Wahnsinn her Maenaden, bald wegen ihres Stürmens und Furors Thyaden, oder weil Thya die ersten Mysterien des Bacchus einrichtete, bald wegen der Unmäßigkeit und der Wildheit ihrer Sitten Bacchen genannt werden. Sie werden auch Mimallonen genannt, weil sie Dionysos nachahmen. Denn die meisten führen im Gebirge zahme Löwen mit sich, andere auch wilde. Sodann ernähren sie sich von rohem Fleisch, durchstoßen die Erde oder die Felsen mit ihren Stöcken; wenn es sie dürstet, lassen sie Wein, Milch oder Honig hervorsprudeln; und sie tragen Schlangen anstelle von Bändern in den Haaren.
Strabo sagt in Buch 10, daß die Satyrn, Silene, die Lenäer, die Nymphen, die Naiaden und Tityrer die Priester des Dionysos gewesen seien." (S. 262f)

Im Original:

" Huius Dei sacerdotes foeminae plerunque fuerunt, quae nunc ab insania Menades. nunc ab impetu & furore Thyades, vel à Thya quae prima sacra Bacchi instituit, nunc ab intemperantia, morumque pravitate, Bacche vocabantur. Dictae sunt & Mimallones, quia Dionysum imitarentur: nam in montibus plerunque versantes leones manibus secum adducebant, aliasque feras: deinde iis crudis vescebantur: terramque ferulis percutientes, aut saxa, cum sitirent, vinum, vel lac, vel mel scatere faciebant, anguesque habebant pro zonis comis implicitos. Huius Dei Satyros, & Silenos, & Lenas, & Nymphas, & Naiades, & Tityros facerdotes fuisse inquiunt Strabo lib. 10."


„Man stellt diesen Gott bekleidet mit Reh- und Ziegenfell dar, wovon das eine Tier die verweiblichte Natur betrunkener Lebewesen bedeutet, das andere vor zuviel Wein schützt. Deshalb auch wurde der Gott meist von weiblichen Priestern verehrt, weil die Natur der Trunksüchtigen den Frauen näher steht als Männern. Jene benutzten Thyrsoi und Kränze aus Efeu, Eibe, Tanne und Eiche bei den Opferzeremonien, weil diese Bäume die Weinstöcke nachahmen und ihnen von Natur aus nicht ungünstig sind.“ (S. 273)

Im Original:

" Fingebatur hic Deus hinnulorum & caprarum pellibus indutus, quorum animalium alterum effoeminatam ebriorum naturam significat, alterum infensum est vitibus. Idcirco etiam a mulieribus sacerdotibus plerunque colebatur, quod ebriosorum natura magis foeminis quam viris est similis. Illae thyrsis & coronis ex hedera in sacrificiis utebantur & smilacis, & abietis, & quercus, quia illa arbores vites imitentur, ac non infestae natura sint vitibus."


"Die Kulte des Gottes wurden von Frauen ausgeführt, wie wir gesagt haben, denn er hatte sie bei seiner Fahrt nach Indien als Gefährtinnen dabei. Sie werden wegen ihres wahnsinnigen Geschreis Bacchen genannt. Sie liefen nämlich mit brennenden Kienspanen und Fackeln durch die Nacht, die sie bei den Opfern benutzten. Und mit offenem Haar rannten sie und schrien: Euhoe, was als Ausruf guter und glücklich Weihender gilt.“ (S. 268)

Im Original:

"Agebantur huius Dei sacra à mulieribus, ut diximus, quod illas habuisset socias in Indica expeditione: quae dictae sunt Bacchae ab insanis clamoribus: currebant enim cum taedis & funalibus accensis per noctem, quibus utebantur in illis sacrificiis, atque crinibus passis ita clamabant currentes: euhoe, quae voces sunt bene ac foeliciter precantium."


"Der Thyrsos war das Attribut des Gottes, der Mänaden und aller anderen Anhänger des Bacchus: "Er führte als Zepter den Thyrsos, dessen Schaft mit Weinblättern und mit Efeu lieblich geschmückt war, außerdem die Haut eines Hirschs, die man "nebrida" nannte, wie Euripides in den Bacchen schreibt: "Theben war die erste griechische Stadt in die ich kam,/ und ich habe dort herumgetost, als ich die "nebride" Haut angenommen hatte./Und seither führe ich den Efeu und den Thyrsos." (S. 261)

Im Original:

" Consuevit & pro sceptro thyrsum gestare, quae hasta erat frondibus vitium aut haederae aliquando suaviter ornata, & cervi pellem, quam nebrida vocabant, ut scripsit Euripides in Bacchis: Thebasque primas urbem adivi Graecia, Ibi fremuique, pelle sumpta nebride. Hederaque thyrsum tradidi illo tempore."



Zum Bacchuskult bei den Römern berichtet Comes, indem er sich auf die Georgica Vergils (Buch 2) bezieht:
„Es wurden aber denen Belohnungen versprochen, die besser als andere über die Weinschläuche sprangen. Darauf wurde die Statue des Bacchus unter Liedern, die unharmonisch nach Art der Trunkenen verfaßt waren zu seinem Lob und in der Muttersprache der einzelnen Stämme, herumgetragen um die Weinstöcke/Weinberge, was, wie man glaubte, sehr zur Fruchtbarkeit beitrage. Und die, die das taten, formten aus der Rinde von Bäumen Masken, und wurden mit der Weinhefe eingesalbt, damit sie nicht erkannt werden konnten, weil sie ja viel Lächerliches, Unziemliches, viel Schimpfliches und Schändliches sagten, was ohne Maske auszusprechen sie sich geschämt hätten. Wenn sie so die Weingärten rituell gereinigt hatten, kehrten sie zum Altar des Bacchus, von dem sie weggegangen waren, zurück, brachten auf Schalen ihre heiligen Opfertiere dar und verbrannten sie. Darauf hängten sie in den Spitzen der Bäume bald irdene, bald hölzerne Bilder auf, die dem Bacchus heilig waren und ihm glichen, die sie wegen der Kleinheit ihrer Münder kleine Masken nannten, damit sie möglichst weit in die Ferne schauten, denn man glaubte, dies werde den Weingärten nützen. Danach schritt man zum Gastmahl und von da ging man wieder nach Hause.“ (S. 270)

Im Original:

"Proponebantur autem pre amia illis qui sapientiùs super utres saltarent: deinde Bacchi statua cum carminibus inconcinnè ebriorum more compositis in eius laudes patrio idiomate singularum nationum circumferebatur circa vineas quae res plurimum ad fertilitatem conferre putabatur atque ii qui ista faciebant, personas fumebant è corticibus arborum, & vini faece aliquando perungebantur, ne cognosci possent quia multa ridicula, multa parum decora, multa turpia & pudore plena dicebant, quae sine personis dicere omnino puduissent. deinde vineis lustratis ad altare Bacchi, unde discesserant, redeuntes, sacras victimas in lancibus offerebant, & comburebant. deinde altissimis arboribus imagines quasdam modò fictiles, modò ligneas, Baccho sacras & illi similes appendebant, quas à parvitate oris dicebant oscilla, ut longissime possent prospicere, quia vineis conferre putabantur. His ita actis in convinium, & è convinio domum discedebant."


"Als aber viele unreine orgiastische Schandtaten in irreführender Nachahmung der heiligen Bacchanalien begangen wurden, versuchte Pentheus, der König von Theben, der Sohn von Agaue und Echion, zu gleicher Zeit mit Gewalt soviel Schande abzuwenden. Aber für Könige ist es gefährlich, festverwurzelte Ausschweifung und ererbte Maßlosigkeit an einem einzigen Tag auszulöschen. Nichts Plötzliches nämlich erträgt die Natur in ihrer Gleichmut, und allmählich muß zerstört werden, was am wenigsten zuträglich ist. Es wird in den Mythen überliefert, daß die Bacchen von Bacchus in Panther verwandelt wurden und Pentheus (hier Bild möglich, nur zur Illustration) in einen Stier, der von ihnen mit den Krallen zerfleischt wurde.“ (S. 271)

Im Original:

"Cum verò multa impura facinora Orgiorum, sacrorumque Bacchanaliorum simulatione committerentur, Pentheus Agaues & Echionis filius Rex Thebanorum eo tempore conatus est pro viribus tantum turpidinis evertere: sed cum periculosum sit regibus inveteratam lasciviam & avitam aliquam intemperantiam uno die velle obliterate; cum nihil repentinum aequo animo natura patiatur, paulatimque delenda sint, quae minimè conveniunt proditum est in fabulis Bacchas in Pardales fuisse à Baccho mutatas & Pentheum in taurum, qui fuit ab illis unguibus discerptus."


"Zwar gab es viele Silene ..., aber einen von ihnen erinnert man als älter als die übrigen. Wessen Sohn er war, steht nicht fest: außer daß er in der Stadt Malea in Lakonien geboren ist, wie Pausanias und Pindar sagen. Und Catull erwähnt in den Argonautica , daß der Silen in Nysa, einer Stadt in Indien geboren wurde. ... Es wird außerdem überliefert, daß der Silen Bacchus erzogen habe, wie Orpheus im Hymnus auf den Silen bezeugt. ... Lukian schreibt im Götterrat, daß er ein Greis war und kahlköpfig und oben platt und daß er meistens einen Esel benutzte, daß er von kleiner Statur war, mit feistem und dickbäuchigem Körper, mit großen aufgerichteten Ohren, und zittrig, sich auf einen Stock stützend. Daß es mehrere Silene gegeben habe und Bacchus von ihnen erzogen worden sei, schreibt Nicander in den Alexipharmaca. ... Daß er fast immer betrunken war, bestätigt Vergil in der sechsten Ekloge. ... Daß ihn immer Satyrn begleiteten, steht bei Ovid im zweiten Buch der Ars amatoria ... Immer folgte er mit den Satyrn dem Bacchus, wie im vierten Buch der Metamorphosen steht. Es geht das Gerücht, daß dieser Silen einst von Midas gefangen wurde durch Wein, der in irgendeine Quelle gegossen worden war, denn er genoß den Wein ganz besonders, wie Pausanias in den Attici sagt, und so schreibt es auch Ovid im elften Buch der Metamorphosen ... [Es folgt die Angabe, daß der Esel des Silen, weil er sich im Gigantenkampf bewährte, zum Lohn von Jupiter als Sternennebel im Sternbild des Krebses an den Himmel versetzt worden sei.]
Diesen nennen sie den Begleiter des Bacchus, einen Greis, dickbäuchig und schwankend, weil der Wein und die Trunkenheit bald feist und dickbäuchig, bald den Kopf schwer und schwankend machen und schneller zum Alter führen. Diese ganzen Unbequemlichkeiten nämlich und Schändlichkeiten des Körpers hat man zu Begleitern des Bacchus gemacht: Manche meinen, daß der Silen im Alter Schüler des Bacchus war, weil das Alter der Weine alle vorhergesagten Schändlichkeiten vermehrt. Deswegen sagt man, daß er sich von einem Esel tragen ließ, weil diejenigen meistens träge sind und zu Geschäften unbrauchbar, die mehr zu trinken pflegen, als angemessen ist. Denn alle Gelüste tragen wenig zum menschlichen Leben bei: Ja, weil sie nicht allein den Geist, sondern auch den Körper für alle Dinge nutzlos machen, wenn mehr Mühe auf jene gewendet wird, als die Natur selbst es gefordert hat, ist - so überlieferten es die Alten - zur ewigen Erinnerung an diese Sache und zur Ermahnung sein Esel unter die Sterne versetzt worden." (S. 250f)

Im Original:

"Atqui multi fuerunt etiam Sileni, quando Pausanias in rebus Atticis natu maximos Satyrorum Silenos nuncupatos fuisse memorat. sed unus praecipue inter illos ceteris antiquior memoratur. qui cuius filius fuerit, non constat: nisi quod in civitate Malea Laconum natus est ut ait Paus. & Pindarus. at Catullus in Nysa Indiae civitate natum esse Silenum memorat ita in Argonauticis: ... Ferunt praeterea Silenum Bacchum educasse, ut testatur Orpheus in hymno in Silenum hoc pacto: ... Hunc scripsit Lucianus in concilio Deorum senem fuisse, & calvum: & simum & asino plerunque utentem, brevis staturae, corpore obeso ac ventricoso, auribus magnis & arrectis tremulum, baculo innitentem. at plures fuisse Silenos, & Dionysum ab ijs educatum, scripsit Nicander in Alexipharmacis: ... Hunc semper fere ebrium fuisse innuit Virgil. ita Eclog. sexta: ... Hunc Satyri semper comitabantur, ut innuit in his Ovid. in 2. de arte aman. ... Hic una cum ipsis Satyris semper fere Bacchum sequebatur, ut est in libro quarto Metamorph.: ... Fama est hunc Silenum a Mida vino fontem quendam infuso captum fuisse, quod vino maxime delectaretur, ut ait Pausanias in Atticis, atque id ita scripsit Ovidio libro undecimo Metamorph.: ... HUNC Bacchi comitem, senem, ventricosum, titubantemque dixerunt, quia vinum & ebrietas cum obesos faciat & ventricosos, tum caput plerunque gravat, & titubantes facit & ad senectutem citius perducit: haec enim omnia incommoda, & corporis turpitudines idcirco Bacchi comites finxerunt: quidam putarunt Silenum senem fuisse Bacchi alumnum, quia vinorum vetustas, omnes etiam pradictas turpitudines augeat. Idcirco dicebatur ab asino vehi solitus, quia tardi sunt plerunque & inutiles negocijs, qui plus potare solent, quam conveniat: nam voluptates omnes parum conferunt humanae vitae: quippe cum non animum solum, sed corpus etiam rebus omnibus inutile reddant, si plus operae illis detur, quam natura ipsa postulaverit, ad huius rei sempiternam memoriam & cohortationem antiqui eius asinum inter sidera collocatum fuisse tradiderunt. ac de Silenis, satis, nunc de Faunis dicamus."

Natalis Comes: Zehn Bücher über die Mythologie, 1551