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Quellenverzeichnis zur Studieneinheit 9: "Mythologie und Musik"

 

 

Quelle 1
 


„Als die Menschen noch in Wäldern hausten, hat Orpheus als priesterlicher Künder des göttlichen Willens sie erzogen, daß sie sich abwandten von Bluttaten und gräßlicher Speise: weshalb auch die Sage meldet, er habe Tiger und tollwütige Löwen zur Sanftmut bekehrt. Sie meldet auch von Thebens Erbauer Amphion, Steine habe er durch Lautenklang bewegt und durch des Liedes einschmeichelnde Gewalt geführt, wohin er wollte. Dies war die uranfängliche Sprache der Weisheit: sie lehrte Volksbesitz vom Sondergut, Heiliges vom Weltlichen scheiden; sie wehrte schweifender Lust und schuf des Ehebunds Satzungen; sie gründete Städte und grub Gesetzes Schrift auf Tafeln. So ward Ruhm und Ehre den göttlichen Sängern und der Dichtung.“

Original:

'Silvestris homines sacer interpresque deorum
Caedibus et victu foedo deterruit Orpheus,
dictus ob hoc lenire tigres rabidosque leones;
dictus et Amphion, Thebanae conditor urbis,
saxa movere sono testudinis et prece blanda
ducere quo vellet. Fuit haec sapientia quondam,
publica privatis secernere, sacra profanis,
concubitu prohibere vago, dare iura maritis,
oppida moliri, leges incidere ligno.
Sic honor et nomen divinis vatibus atque
carminibus venit.
'

aus: Horaz: De arte poetica, V. 391-401
in: Horaz. Sämtliche Werke, lateinisch und deutsch, Darmstadt 1982, S. 252-255
   
Quelle 2
 


„Wahrlich, es schlägt dich [Aristaeus] der Zorn einer Gottheit, die nicht zu verachten ist; du büßest schweres Vergehen. So straft dich der jammervolle Orpheus; und noch wäre dein Maß nicht erreicht, wenn das Schicksal es nicht anders wollte. Denn vor dir auf der Flucht kopfüberhinjagend, sah sie, die Arme, dem Tode verfallene, sah vor den Füßen nicht am Ufer die Schlange, die grausige, lauern im Grase.
Aber der Chor ihrer Gefährtinnen, die Dryaden, erfüllten rings mit Jammer die Gipfel, es weinten Rhodopes Berge, weinte Pangeas Gebirge, des Rhesus streitbare Heimat, Geten und Hebrus; es weinte Orithyia, das attische Mädchen. Er aber schlug, sein krankes Herz zu trösten, die Leier, dich, sein holdes Gemahl, dich sang er, einsam am Strande, dich wenn der Tag sich erhob, sang dich, wenn er scheidend sich neigte. Selbst zum höllischen Schlund, durch Plutos ragende Pforte und zum Haine, den Angst und Grausen düster umschauert, drang er, tief zu den Manen hinab, zum furchtbaren Herrscher, zu Herzen, die nie verstehen, sich menschlichen Bitten zu beugen.
Aber, vom Lied verführt, hervor aus höllischen Tiefen schwebten wie Hauch die Schatten, die Schemen, entrissen dem Licht, wie in Blättern sich Schar bei Schar die Vögel verbergen, wenn von den Bergen der Abend sie scheucht und eisiger Sturmwind. Mütter und Gatten und gewaltige Leiber adliger Helden, nun dem Leben entrückt, und Knaben und bräutliche Mädchen, Jünglinge auch, auf den Holzstoß gebahrt vor den Augen der Eltern: all diese bannt rings schwarz der Schlamm und des grausigen Kokytos garstiges Ried und der Sumpf, der scheußliche, trägen Gewoges, und die Styx, neunmal sie umwindend hält sie gefangen.
Staunend horchte sogar das Reich des Todes, der tiefste Tartarus, lauschte auch der Chor der Erinnyen, bläuliche Schlangen blähend im Haar, auch Kerberus hielt vor Staunen sein dreifaches Maul weit auf, still ruht der Wind und das Rad des Ixion.
Schon ging Orpheus zurück, entronnen jeglicher Fährnis, auch Eurydike stieg erlöst empor zu des Tages Lüften, hinter ihm drein, - so wollte Proserpinas Vorschrift -, da überfiel urplötzlich den Liebenden, bar aller Vorsicht, Wahnsinn, verzeihlicher, - wenn es bei den Manen Verzeihung gäbe. Blieb er doch stehen, fast schon am Licht angekommen, sah er sich nach seiner Eurydike um, vergaß das Gebot, überwältigt vom Herzen. Da zerrannen alle Mühen in nichts; der Pakt mit dem unholden Herrscher war gebrochen, und grell kracht dreimal donnernd der Orkus.
Klagend rief sie: „Wer verdarb mich Arme und dich, mein Orpheus, was für ein Wahn? Schon ruft mich grausam das Schicksal wieder zurück, schon bricht Todesschlaf meine verschwimmenden Augen. Leb nun wohl, die gewaltige Nacht verschlingt mich, ich versinke, kraftlos nach dir – weh! Nicht mehr dein! – ausbreitend die Arme.“
Sprach es, und jäh seinen Augen entrückt, wie Rauch in die Lüfte zart verweht, so schwand sie hinab, sah den Armen nicht mehr, wie er vergeblich die Schatten umarmete und viel, ach noch so viel sagen wollte. Es ließ ihn der Fährmann des Orkus nicht noch einmal den Sumpf, die trennende Grenze überqueren.
Was nun, wohin gehen, da zweimal die Gattin entrissen? Wie soll er weinend die Manen, wie rufend die Götter noch rühren? Sie aber glitt, schon starr und kalt, im stygischen Nachen dahin. Sieben ganze Monate hindurch, so heißt es, hat Orpheus unter ragendem Fels am einsam wogenden Strymon weinend und klagend durchwühlt sein Weh in eisiger Grotte. Hold bezwang er mit seinem Gesang die Tiger und brachte die Eichen zum Reigen.
Klagt doch genauso die Nachtigall im Schatten der Pappel, trauernd über den Verlust der noch ungefiederten Jungen, die der Ackersmann, der rohe, fand und aus dem Nest riß. Sie weint nun die ganze Nacht, sitzt auf einem Zweig, verströmt voller Jammer Lied auf Lied und füllt weithin mit Klagen die Lande.
Venus beugte sein Herz nicht mehr, nicht mehr Hymenaeus. Einsam im hohen Norden durchs Eis und am schneeigen Don zog er hin, durch das Land der Skythen, das sich nie vom Rauhreif entschleiert. Er klagt, Eurydike, über deinen Verlust und die fruchtlose Gabe Plutos. Also verschmäht, wurden die thrakischen Frauen zornig, und am Festtag, nachts, durchglüht von bacchantischem Taumel, warfen die Frauen den Mann zerfleischt weithin durch die Gegend. Aber noch jetzt, da der befreundete Flußgott das Haupt, vom marmornen Nacken gerissen, mitten in strudelnder Flut fortwälzt, klagt die Stimme noch: „Eurydike!“, lallt stockend die Zunge: „Weh, meine arme Eurydike!“ noch ersterbenden Hauches, hallten „Eurydike!“ bang entlang am Strome die Ufer.“

Original:

'Non te nullius exercent numinis irae;
magna luis commissa: tibi has miserabilis Orpheus
haudquaquam ob meritum poenas, nisi fata resistant,
suscitat, et rapta graviter pro coniuge saevit.
illa quidem, dum te fugeret per flumina praeceps,
immanem ante pedes hydrum moritura puella
servantem ripas alta non vidit in herba.
at chorus aequalis Dryadum clamore supremos
inplerunt montis; flerunt Rhodopeiae arces
altaque Pangaea et Rhesi Mavortia tellus
atque Getae atque Hebrus et Actias Orithyia.
ipse cava solans aegrum testudine amorem
te, dulcis coniunx, te solo in litore secum,
te veniente die, te decedente canebat.
Taenarias etiam fauces, alta ostia Ditis,
et caligantem nigra formidine lucum
ingressus manisque adiit regemque tremendum
nesciaque humanis precibus mansuescere corda.
at cantu commotae Erebi de sedibus imis
umbrae ibant tenues simulacraque luce carentum,
quam multa in foliis avium se milia condunt,
vesper ubi aut hibernus agit de montibus imber,
matres atque viri defunctaque corpora vita
magnanimum heroum, pueri innuptaeque puellae
inpositique rogis iuvenes ante ora parentum;
quos circum limus niger et deformis harundo
Cocyti tardaque palus inamabilis unda
adligat, et novies Styx interfusa coercet.
quin ipsae stupuere domus atque intima Leti
Tartara caeruleosque inplexae crinibus angues
Eumenides, tenuitque inhians tria Cerberus ora,
atque Ixionii vento rota constitit orbis.
iamque pedem referens casus evaserat omnis,
redditaque Eurydice superas veniebat ad auras
pone sequens - namque hanc dederat Proserpina legem -
cum subita incautum dementia cepit amantem
ignoscenda quidem, scirent si ignoscere manes:
restitit Erydicenque suam iam luce sub ipsa
inmemor heu victusque animi respexit. ibi omnis
effusus labor atque inmitis rupta tyranni
foedera terque fragor stagnis auditus Averni.
illa ‘quis et me’ inquit ‘miseram et te perdidit, Orpheu,
quis tantus furor? en iterum crudelia retro
fata vocant, conditque natantia lumina somnus.
iamque vale: feror ingenti circumdata nocte
invalidasque tibi tendens, heu non tua, palmas.’
dixit et ex oculis subito ceu fumus in auras
commixtus tenuis fugit diversa, neque illum
prensantem nequiquam umbras et multa volentem
dicers praeterea vidit; nec portitor Orci
amplius obiectam passus transire paludem.
quid faceret? quo se rapta bis coniuge ferret?
quo fletu manis, quae numina voce moveret?
illa quidem Stygia nabat iam frigida cumba.
septem illum totos perhibent ex ordine menses
rupe sub aëria deserti ad Strymonis undam
flevisse, et gelidis haec evolvisse sub antris
mulcentem tigris et agentem carmine quercus;
qualis populea maerens philomela sub umbra
amissos queritur fetus, quos durus arator
observans nido inplumis detraxit; at illa
flet noctem ramoque sedens miserabile carmen
integrat, et maestis late loca questibus inplet.
nulla Venus, non ulli animum flexere hymenaei.
solus Hyperboreas glacies Tanaimque nivalem
arvaque Riphaeis numquam viduata pruinis
lustrabat raptam Eurydicen atque inrita Ditis
dona querens; spretae Ciconum quo munere matres
inter sacra deum nocturnique orgia Bacchi
discerptum latos iuvenem sparsere per agros.
tum quoque marmorea caput a cervice revolsum
gurgite cum medio portans Oeagrius Hebrus
volveret, Eurydicen vox ipsa et frigida lingua
a! miseram Eurydicen anima fugiente vocabat,
Eurydicen toto referebant flumine ripae.'


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aus: Vergil, Georgica, IV, 453-528
in: Vergil, Sämtliche Werke, hg. und übersetzt von Johannes und Maria Götte, München 1972, S. 95ff.
   
Quelle 3
 


X, 1-85
Von dort schreitet Hymenaeus in seinem krokusgelben Gewand durch den unermeßlichen Äther; er eilt zu den Gestaden der Ciconen; dorthin ruft ihn Orpheus’ Stimme, doch vergebens. Anwesend war er zwar, doch brachte er nicht die gewohnten Segensworte, [5] keine fröhlichen Gesichter, kein glückliches Omen; auch die Fackel in seiner Hand zischte immerfort; nur tränenerregender Rauch, keine Flamme entstieg ihr, mochte man sie noch so sehr schwingen. Der Ausgang war schlimmer als das Vorzeichen; denn während die Neuvermählte, von der Schar der Naiaden begleitet, durch die Wiesen streifte, [10] starb sie, weil eine Schlange sie in die Ferse gebissen hatte.
Nachdem sie der Seher vom Rhodopengebirge an den Lüften des Himmels zur Genüge beweint hatte, wollte er es auch noch mit dem Schattenreich versuchen. So wagte er durch die taenarische Pforte zur Styx hinabzusteigen. Mitten durch die schwerelosen Völker und die Schattenbilder der Bestatteten [15] kam er bittend zu Persephone und zu dem König im unwirtlichen Reich, dem Herrn der Schatten. Dann schlug er zum Liede die Saiten und sang: „O ihr Gottheiten der unterirdischen Welt, in die wir zurückfallen, wir, alles Sterbliche, was entsteht! Ist es erlaubt und gestattet ihr mir, ohne Trug und Umschweife [20] die Wahrheit zu sagen, so wißt: Ich bin nicht hier herabgestiegen, um den finsteren Tartarus zu sehen, nicht, um die drei Hälse des medusischen Höllenhundes zu fesseln, an denen Schlangen als Zotteln hängen. Der Grund meiner Fahrt ist meine Gattin; eine Viper, auf die sie trat, hat Gift in ihr Blut gespritzt und ihr die jungen Jahre geraubt. [25] Ich wollte es ertragen und bekenne: Ich hab’s versucht; doch Amor hat gesiegt. In der oberen Welt ist dieser Gott wohlbekannt; ob er es auch hier ist, weiß ich nicht. Doch ich vermute, daß er es auch hier ist; denn, sofern die alte Sage von dem Raub nicht erloschen ist, hat auch euch Amor vereint. Bei diesen Gefilden voller Angst, [30] bei diesem unermeßlichen Chaos und dem Schweigen des öden Reiches bitte ich euch: Macht Eurydices übereilten Tod rückgängig! Alles ist euch verfallen, und nach kurzem Aufenthalt eilen wir früher oder später zu ein und demselben Wohnsitz. Wir alle streben hierher; dies ist unser letztes Heim, und ihr [35] herrscht am längsten über das Menschengeschlecht. Auch Eurydice wird euch gehören, wenn sie die Jahre, die ihr zustehen, vollendet hat und reif ist. Ich bitte euch nicht, sie mir zu schenken, nur zu leihen. Verweigert aber das Geschick meiner Gattin die Gnade, bin ich fest entschlossen, nicht zurückzukehren: Freut euch dann über den Tod zweier Menschen!“
[40] Während er so sang und zu seinen Worten die Saiten schlug, weinten die blutlosen Seelen, Tantalus griff nicht nach der fliehenden Welle, staunend stand Ixions Rad still, die Vögel zerfleischten nicht die Leber des Tityos, die Beliden ließen ihre Krüge stehen, und du, Sisyphus, saßest auf deinem Stein. [45] Damals sollen zum ersten Mal die Wangen der Eumeniden von Tränen feucht geworden sein, weil der Gesang sie überwältigte. Weder die Königin noch der Herrscher der Unterwelt bringen es über sich, die Bitte abzuschlagen, und sie lassen Eurydice rufen. Sie befand sich unter den neuangekommenen Schatten, kam heran, und die Wunde erlaubte ihr nur langsam zu schreiten. [50] Orpheus vom Rhodopengebirge erhält sie unter der Bedingung, nicht zurückzublicken, bevor er die Täler des Avernus verlassen habe - sonst werde das Geschenk zunichte.
Der Pfad führt sie durch Totenstille bergan; steil ist er, dunkel und in dichten Nebel gehüllt. [55] Schon waren sie nicht weit vom Rand der Erdoberfläche entfernt - besorgt, sie könne ermatten, und begierig, sie zu sehen, wandte Orpheus voll Liebe den Blick, und alsbald glitt sie zurück. Sie streckt die Arme aus, will sich ergreifen lassen, will ergreifen und erhascht doch nichts, die Unselige, als flüchtige Lüfte. [60] Schon starb sie zum zweiten Mal, doch mit keinem Wort klagte sie über ihren Gatten - denn worüber hätte sie klagen sollen als darüber, daß sie geliebt wurde? -, sprach ein letztes Lebewohl, das er kaum noch hören konnte, und sank wieder an denselben Ort zurück. Über den zweifachen Tod seiner Gattin war Orpheus so entsetzt [65] wie der Mann, der voll Grauen die drei Hälse des Höllenhundes - den mittleren in Ketten - erblickte und den die Angst nicht eher verließ als seine bisherige Natur, da sein Leib zu Stein wurde, oder wie Olenus, der den Vorwurf auf sich selbst lenkte und als der Schuldige gelten wollte, [70] und du, unglückliche Lethaea - allzu viel hast du dir auf deine Schönheit eingebildet -; einst wart ihr zwei engverbundene Herzen, jetzt seid ihr Steine auf dem quellenreichen Ida.
Den Bittenden, der vergeblich noch einmal ans andere Ufer wollte, hatte der Fährmann abgewiesen; dennoch saß Orpheus von Trauer entstellt sieben Tage lang am Ufer, ohne Ceres’ Gaben zu genießen. [75] Sorge, Seelenschmerz und Tränen waren seine Speise. Er klagt über die Grausamkeit der Götter des Erebus und zieht sich auf die hohe Rhodope und den sturmgepeitschten Haemus zurück.
Schon hatte Titan zum dritten Mal den Jahreskreis durchlaufen, den das Sternbild der Fische beschließt. Orpheus hatte alle [80] Frauenliebe gemieden, sei es, weil er kein Glück gehabt oder weil er sein Wort gegeben hatte; viele Frauen aber brannten darauf, sich dem Sänger zu verbinden, und ebenso viele erlitten eine Zurückweisung. Er lehrte auch die Thracervölker, die Liebe auf zarte Knaben zu übertragen, [85] vor der Reifezeit den kurzen Frühling zu genießen und die ersten Blüten zu pflücken.

XI, 1-66
Während der thracische Sänger mit solchem Gesang die Wälder, die Herzen der wilden Tiere und die Steine, die ihm folgen, in seinen Bann zieht - siehe, da erspähen junge ciconische Frauen, deren besessene Brust Tierfelle bedecken, von der Höhe eines Hügels [5] Orpheus, wie er die Saiten schlägt und dazu singt. Da spricht eine von ihnen und schüttelt im leichten Lufthauch ihr Haar: „Seht, seht, da ist unser Verächter!“ Und schon hat sie den Thyrsusstab gegen den stimmbegabten Mund des apollinischen Sängers geschleudert; aber die Spitze, die im Flug Blätter aufspießte, schlug nur ein unblutiges Mal. [10] Der zweiten dient ein Stein als Waffe. Er wird geworfen; mitten in der Luft hat ihn der Einklang von Stimme und Leier bezwungen, und als bitte er demütig um Vergebung für sein rasendes Unterfangen, blieb er zu Orpheus’ Füßen liegen. Doch der unbedachte Krieg nimmt zu, das Maß ist verloren, und es herrscht die Erinys in all ihrem Wahnsinn. [15] Dennoch hätte der Gesang alle Geschosse besänftigt, aber das ungeheure Geschrei, die berecyntische Pfeife mit ihrem gebogenen Horn, die Pauken, das Klatschen und das bacchantische Heulen übertönen den Klang der Cithara. Jetzt erst wurden die Stein rot vom Blut des Sängers, den sie nicht hörten. [20] Und zuerst zerrissen die Maenaden die unzähligen Vögel, die auch jetzt noch von der Stimme des Sängers bezaubert waren, die Schlangen und die Schar der Tiere. So raubten sie ihm seinen Ruhm: seine Zuhörerschaft. Dann wenden sie sich mit blutüberströmten Händen gegen Orpheus und scharen sich zusammen wie Vögel, wenn sie einmal bei Tage [25] eine Nachteule umherflattern sehen. Und wie im Amphitheater ein Hirsch, der im morgenkühlen Sande sterben muß, den Hunden zur Beute wird, so gehen sie auf den Sänger los und werfen alle zumal auf ihn ihre grün belaubten Thyrsusstäbe, die nicht zu diesem Zweck gemacht sind. Die einen schleudern Erdschollen, die andern vom Baum gerissene Äste, [30] andere werfen Steine. Und damit es dem Wahnsinn nicht an Waffen fehle, pflügten gerade Rinder mit tiefgehender Pflugschar die Erde, und nicht weit davon gruben Bauern, um mit saurem Schweiß einen Ertrag zu erzielen, mit starken Armen das harte Feld um. Kaum haben sie den Schwarm erblickt, ergreifen sie die Flucht und lassen ihr Arbeitsgerät zurück. [35] Weit auf den verlassenen Feldern verstreut liegen Harken, schwere Hacken und lange Karste. Dies alles packen die Rasenden, zerfleischen die Rinder, die ihnen mit den Hörnern drohen, und rennen zurück, dem Sänger zum Verhängnis. Und ihn, der bittend die Hände ausstreckt, dessen Worte jetzt zum ersten Mal [40] keinen Erfolg haben und dessen Stimme alles ungerührt läßt, töten die Frevlerinnen. Der Mund - o Juppiter! -, den Steine erhört, den wilde Tiere verstanden hatten, hauchte die Seele aus, und sie entwich in die Winde. Dich beklagten voll Trauer die Vögel, dich, Orpheus, der Schwarm der Tiere, [45] dich die harten Steine, dich die Wälder, die oft deinen Liedern gefolgt waren. Entlaubt, als hätte er sein Haar geschoren, trauerte um dich der Baum. Ja, von ihren eigenen Tränen sollen die Flüsse angeschwollen sein; Naiaden und Dryaden trugen das Gewand schwarz verbrämt und das Haar offen. [50] Die Glieder liegen allerorten verstreut. Das Haupt und die Leier nimmst du, Hebrus, auf, und - o Wunder! - während sie mitten im Fluß dahingleitet, läßt die Leier Klagetöne erklingen; Klagelaute murmelt die entseelte Zunge, und klagend antworten die Ufer. Schon verlassen Haupt und Saitenspiel den vertrauten Strom, treiben aufs Meer hinaus [55] und erreichen den Strand der Insel Lesbos, auf der Methymna liegt. Hier bedroht eine wilde Schlange das Antlitz, das verlassen am fremden Strande ruht, und das Haar, auf dem die Wassertropfen wie Tau schimmern. Endlich greift Phoebus ein und wehrt die Schlange ab, als sie zum Biß ansetzt. Er versteinert ihren offenen Rachen [60] und läßt das Maul weit aufgesperrt, wie es ist, erstarren. Orpheus’ Schatten aber steigt zur Unterwelt hinab und erkennt all die Orte wieder, die er schon einmal gesehen hat. In den Gefilden der Seligen sucht und findet er Eurydice; voll Sehnsucht schließt er sie in die Arme. Hier wandeln beide bald mit vereinten Schritten nebeneinander, [65] bald geht sie voraus, und er folgt ihr, bald schreitet Orpheus voran und blickt sich - jetzt ohne Gefahr - nach seiner Eurydice um.

Original:

X. 1-84
Inde per inmensum croceo velatus amictu
aethera digreditur Ciconumque Hymenaeus ad oras
tendit et Orphea nequiquam voce vocatur.
adfuit ille quidem, sed nec sollemnia verba
nec laetos vultus nec felix attulit omen;
fax quoque, quam tenuit, lacrimoso stridula fumo
usque fuit nullosque invenit motibus ignes.
exitus auspicio gravior. nam nupta per herbas
dum nova naiadum turba comitata vagatur,
occidit in talum serpentis dente recepto.
Quam satis ad superas postquam Rhodopeius auras
deflevit vates, ne non temptaret et umbras,
ad Styga Taenaria est ausus descendere porta
perque leves populos simulacraque functa sepulcro
Persephonem adiit inamoenaque regna tenentem
umbrarum dominum pulsisque ad carmina nervis
sic ait: ‘o positi sub terra numina mundi,
in quem reccidimus, quidquid mortale creamur,
si licet et falsi positis ambagibus oris
vera loqui sinitis, non huc, ut opaca viderem
Tartara, descendi, nec uti villosa colubris
terna Medusaei vincirem guttura monstri;
causa viae est coniunx, in quam calcata venenum
vipera diffudit crescentesque abstulit annos.
posse pati volui nec me temptasse negabo:
vicit Amor. supera deus hic bene notus in ora est;
an sit et hic, dubito. sed et hic tamen auguror esse,
famaque si veteris non est mentita rapinae,
vos quoque iunxit Amor. per ego haec loca plena timoris,
per Chaos hoc ingens vastique silentia regni,
Eurydices, oro, properata retexite fata!
omnia debemur vobis paulumque morati
serius aut citius sedem properamus ad unam.
tendimus huc omnes, haec est domus ultima, vosque
humani generis longissima regna tenetis.
haec quoque, cum iustos matura peregerit annos,
iuris erit vestri: pro munere poscimus usum.
quod si fata negant veniam pro coniuge, certum est
nolle redire mihi: leto gaudete duorum.’
talia dicentem nervosque ad verba moventem
exsangues flebant animae: nec Tantalus undam
captavit refugam stupuitque Ixionis orbis,
nec carpsere iecur volucres, urnisque vacarunt
Belides, inque tuo sedisti, Sisyphe, saxo.
tunc primum lacrimis victarum carmine fama est
Eumenidum maduisse genas, ne regia coniunx
sustinet oranti nec, qui regit ima, negare
Eurydicenque vocant. umbras erat illa recentes
inter et incessit passu de vulnere tardo.
hanc simul et legem Rhodopeius accipit Orpheus,
ne flectat retro sua lumina, donec Avernas
exierit valles; aut irrita dona futura.
Carpitur adclivis per muta silentia trames,
arduus, obscurus, caligine densus opaca.
nec procul abfuerant telluris margine summae:
hic, ne deficeret, metuens avidusque videndi
flexit amans oculos: et protinus illa relapsa est
bracchiaque intendens prendique et prendere certans
nil nisi cedentes infelix adripit auras.
iamque iterum moriens non est de coniuge quicquam
questa suo (quid enim nisi se quereretur amatam?)
supremumque ‘vale’, quod iam vix auribus ille
acciperet, dixit revolutaque rursus eodem est.
non aliter stupuit gemina nece coniugis Orpheus,
quam tria qui timidus, medio portante catenas,
colla canis vidit; quem non pavor ante reliquit,
quam natura prior, saxo per corpus oborto;
quique in se crimen traxit voluitque videri
Olenos esse nocens, tuque, o confisa figurae,
infelix Lethaea, tuae, iunctissima quondam
pectora, nunc lapides, quos umida sustinet Ide.
Orantem frustraque iterum transire volentem
portitor arcuerat; septem tamen ille diebus
squalidus in ripa Cereris sine munere sedit:
cura dolorque animi lacrimaeque alimenta fuere.
esse deos Erebi crudeles questus in altam
se recipit Rhodopen pulsumque aquilonibus Haemum.
Tertius aequoreis inclusum Piscibus annum
finierat Titan, omnemque refugerat Orpheus
femineam Venerem, seu quod male cesserat illi,
sive fidem dederat; multae doluere repulsae.
ille etiam Thracum populis fuit auctor amorem
in teneros transferre mares citraque iuventam
aetatis breve ver et primos carpere flores.





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XI, 1-66
Carmine dum tali silvas animosque ferarum
Threicius vates et saxa sequentia ducit,
ecce nurus Ciconum tectae lymphata ferinis
pectora velleribus tumuli de vertice cernunt
Orphea percussis sociantem carmina nervis.
e quibus una leves iactato crine per auras
‘en’ ait ‘en, hic est nostri contemptor!’ et hastam
vatis Apollinei vocalia misit in ora,
quae foliis praesuta notam sine vulnere fecit;
alterius telum lapis est, qui missus in ipso
aëre concentu victus vocisque lyraeque est,
ac veluti supplex pro tam furialibus ausis
ante pedes iacuit. sed enim temeraria crescunt
bella, modusque abiit, insanaque regnat Erinys.
cunctaque tela forent cantu mollita, sed ingens
clamor et infracto Berecyntia tibia cornu
tympanaque et plausus et Bacchei ululatus
obstrepuere sono citharae. tum denique saxa
non exauditi rubuerunt sanguine vatis.
ac primum attonitas etiamnum voce canentis
innumeras volucres anguesque agmenque ferarum
Maenades Orphei titulum rapuere theatri.
inde cruentatis vertuntur in Orphea dextris
et coeunt, ut aves, si quando luce vagantem
noctis avem cernunt, structoque utrimque theatro
ceu matutina cervus periturus harena
praeda canum est; vatemque petunt et fronde virentes
coniciunt thyrsos non haec in munera factos.
hae glaebas, illae direptos arbore ramos,
pars torquent silices; neu desint tela furori,
forte boves presso subigebant vomere terram,
nec procul hinc multo fructum sudore parantes
dura lacertosi fodiebant arva coloni;
agmine qui viso fugiunt operisque relinquunt
arma sui, vacuosque iacent dispersa per agros
sarculaque rastrique graves longique ligones.
quae postquam rapuere ferae cornuque minaci
divulsere boves, ad vatis fata recurrunt
tendentemque manus atque illo tempore primum
inrita dicentem nec quicquam voce moventem
sacrilegae perimunt, perque os, pro Iuppiter, illud
auditum saxis intellectumque ferarum
sensibus in ventos anima exhalata recessit.
te maestae volucres, Orpheu, te turba ferarum,
te rigidi silices, tua carmina saepe secutae
fleverunt silvae; positis te frondibus arbor
tonsa comas luxit; lacrimis quoque flumina dicunt
increvisse suis, obstrusaque carbasa pullo
naides et dryades passosque habuere capillos.
membra iacent diversa locis, caput, Hebre, lyramque
excipis, et (mirum!), medio dum labitur amne,
flebile nescio quid queritur lyra, flebile lingua
murmurat exanimis, respondent flebile ripae.
iamque mare invectae flumen populare relinquunt
et Methymnaeae potiuntur litore Lesbi:
hic ferus expositum peregrinis anguis harenis
os petit et sparsos stillanti rore capillos.
tandem Phoebus adest morsusque inferre parantem
arcet et in lapidem rictus serpentis apertos
congelat et patulos, ut erant, indurat hiatus.
umbra subit terras et, quae loca viderat ante,
cuncta recognoscit quaerensque per arva piorum
invenit Eurydicen cupidisque amplectitur ulnis.
hic modo coniunctis spatiantur passibus ambo:
nunc praecedentem sequitur, nunc praevius anteit
Eurydicenque suam iam tuto respicit Orpheus.





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aus: Ovid, Metamorphosen, X, 1-85 und XI, 1-66
in: P. Ovidius Naso: Metamorphosen. Lateinisch/Deutsch, hg. u. übers. von Michael von Albrecht.
Stuttgart 1997, S. 510-515, S. 562-567
   
Quelle 4
 


[Bellerophontes muß im Auftrag des lykischen Königs Jobates einige gefährliche Aufgaben vollbringen, bei denen er zu Tode kommen soll. Doch die Götter schützen ihn.]
„Zuerst ließ er [Jobates] ihn das Ungeheuer Chimära erlegen, das Lykien verwüstete und das göttlicher, nicht menschlicher Art empor gewachsen war. Der gräßliche Typhon [einer von den Giganten] hatte es mit der riesigen Schlange Echidna gezeugt. Vorn war es ein Löwe, hinten ein Drachen und in der Mitte eine Ziege; aus seinem Rachen ging Feuer und ein entsetzlicher Gluthauch. Die Götter selbst trugen Mitleiden mit dem schuldlosen Jüngling [Bellerophontes], als sie sahen, welcher Gefahr er ausgesetzt wurde. Sie schickten ihm auf seinem Wege zu dem Ungeheuer das unsterbliche Flügelroß Pegasos, das Poseidon mit der Medusa gezeugt hatte. Wie konnte ihm aber dieses helfen? Es ließ sich nicht einfangen und nicht zähmen. Müde von seinen vergeblichen Anstrengungen war der Jüngling am Quell Pirene, wo er das Roß gefunden hatte, eingeschlafen. Da erschien ihm im Traume seine Beschirmerin Athene; sie stand vor ihm, einen köstlichen Zaum mit goldenen Buckeln in der Hand, und sprach: „Was schläfst du, Abkömmling des Aiolos? Nimm dieses rossebändigende Werkzeug; opfere dem Poseidon einen schönen Stier und brauche des Zaums.“ So schien sie dem Helden im Träume zuzusprechen, schüttelte ihren dunklen Ägisschild und verschwand. Er aber erwachte aus dem Schlafe, sprang auf und faßte mit der Hand nach dem Zaume. Und, o Wunder! Der Zaum, nach dem er im Traume gegriffen – der Wachende hielt ihn wirklich in der Hand. Bellerophontes suchte nun den Seher Polyidos auf und erzählte ihm seinen Traum sowie das Wunder, das sich in demselben zugetragen. Der Seher riet ihm, das Begehren der Göttin ungesäumt zu erfüllen, dem Poseidon den Stier zu schlachten und seiner Schutzgöttin Athene einen Altar zu bauen. Als dies alles geschehen war, fing und bändigte Bellerophontes das Flügelroß ohne alle Mühe, legte ihm den goldenen Zaum an und bestieg es in eherner Rüstung. Nun schoß er aus den Lüften herab und tötete die Chimära mit seinen Pfeilen.“

aus: Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums, Wiesbaden s.d. 1838-1840, S. 130f.
   
Quelle 5
 


Monteverdi: L’Orfeo (Prolog)

Toccata Toccata

PROLOG PROLOG

Ritornello Ritornello

LA MUSICA DIE MUSIK

Dal mio Parnasso amato a voi ne vegno,
Incliti eroi, sangue gentil de‘ regi,
Di cui narra la fama eccelsi pregi,
Né giunge al ver, perch’è tropp’alto il segno.
Von meinem geliebten Parnaß komme ich zu euch
Ruhmreiche Helden aus königlichem Geschlecht,
Deren erhabene Vorzüge der Ruhm verkündet,
Allein unvollständig, denn ihrer sind zu viele.

Ritornello Ritornello

Io la Musica son, ch’ai dolci accenti
So far tranquillo ogni turbato core,
Ed or di nobil ira ed or d’amore
Posso infiammar le più gelate menti.
Die Musik bin ich, die durch süße Klänge
Jedes betrübte Herz zu besänftigen weiß
Und – bald zu edlem Zorn und bald zur Liebe –
Die eiskaltesten Gemüter entflammen kann.

Ritornello Ritornello

Io, su cetera d’or, cantando soglio
Mortal orecchio lusingar talora,
E in questa guisa a l’armonia sonora
De la lira del ciel più l’alma Invoglio.
Singend zur goldenen Leier pflege ich
Zuweilen sterbliche Ohren zu entzücken
Und auf diese Weise erwecke ich in der Seele
Die Freude zur klangvollen Harmonie der Himmelsleiter.

Ritornello Ritornello

Quinci a dirvi d’Orfeo desio mi sprona
D’Orfeo che trasse al suo cantarle fere

E servo fe‘ l’inferno a sue preghiere,
Gloria immortal di Pindo ed’Elicona.
Euch von Orpheus zu berichten ist nun mein Wunsch,
Von Orpheus, der mit seinem Gesang die wilden Tiere bannte,
Der sogar die Hölle bezwang durch sein Bitten
Und den unsterblichen Ruhm des Pindus und Helikon gewann.

Ritornello Ritornello

Or mentre i canti alterno, or lietior mesti,

Non si mova augellin fra queste piante,
Né s’oda in queste rive onda sonante,
Ed ogni auretta in suo cammin s’arresti
Während ich nun meine Lieder singe, bald heiter bald traurig,
Mögen die Vögel auf den Bäumen schweigen,
An den Ufern keine Wellen schlagen,
Und jede Luft höre auf zu wehen.

Ritornello Ritornello

   
Quelle 6
 


Monteverdi: L'Orfeo (3. Akt)

Sinfonia Sinfonia

ORFEO ORPHEUS

Scorto da te, mio nume
Speranza unico bene
De gli afflitti mortali, ormai son giunto
A questi mesti e tenebrosi regni
Ove raggio di sol giammai non giunse.
Tu, mia compagna e duce
In così strane e sconosciute vie
Reggesti il passo debole e tremante,
Ond’oggi ancora spero
Di riveder quelle beate luci
Che sole a gli occhi miei portan il giorno.

Von dir geleitet, meine Göttin
Hoffnung, einziges Gut
Der verzweifelten Sterblichen, erreichte ich nun
Dieses trostlose, finstere Reich,
Zu dem kein Sonnenstrahl gelangt.
Du, meine Begleiterin und Führerin
Durch unvertraute und unerforschte Wege,
Gabst meinen schwachen, zitternden Schritten Halt,
So daß ich hoffe, noch heute
Die Augen wiederzusehen,
Die allein das Tageslicht für mich bedeuten.

LA SPERANZA DIE HOFFNUNG

Ecco l’atra palude, ecco il nocchiero
Che trae gli ignudi spirti a l’altrariva,
Dove ha Pluton de l’Ombre il vasto impero.
Oltre quel nero stagno, oltre qualefiume,
In quei campi di pianto e di dolore,
Destin crudele ogni tuo ben t’asconde.
Or d’uopo è d’un gran core e d’un belcanto.
Io fin qui t’ho condotto, or più non lice
Teco venir, chè amara legge ilvieta,
Legge iscritta col ferro in duro sasso
De l’ima reggia in su l’orribil soglia,
Che in queste note il fiero senso esprime;
Lasciate ogni speranza voi che entrate.

Dunque, se stabilito hai pur nel core
Di porre il piè nella città dolente,
Da te men fuggo e torno
A l’usato soggiorno.
Da liegt der trostlose Sumpf, und da kommt
Der Fährmann, der die nackten Seelen zum anderen Ufer führt,
Wo Pluto über das weite Reich der Schatten herrscht.
Jenseits dieses schwarzen Sumpfes, jenseits des Flusses,
Im Land der Tränen und Leiden,
Hält ein grausames Los dein Liebstes verborgen.
Nun helfe dir ein großes Herz und ein schöner Gesang;
Ich leite dich bisher, es ist mir nicht erlaubt,
Mit dir weiterzugehen, da strengstes Gesetz es verbietet,
Ein Gesetz, mit Eisen gemeißelt in den harten Stein
Des Tors zum tiefsten Reich der Schrecken.
Den furchtbaren Sinn enthalten diese Worte:
Wer hier eingeht, lasse alle Hoffnung zurück.

Doch wenn dein Herz noch fest entschlossen ist,
Die Schreckensstadt zu betreten,
Flieh ich von dir und kehre
Zum gewohnten Aufenthalt zurück.

ORFEO ORPHEUS

Dove, ah dove ten’vai,
Unico del mio cor dolce conforto?
Poichè non lunge omai
Del mio lungo cammin si scopre il porto,
Perchè ti parti e m’abbandoni, ahi lasso,
Sul periglioso passo?
Qual bene or più m’avanza
Se fuggi tu, dolcissima Speranza?
Wohin, ach verschwindest du
Einziger süßer Trost meines Herzens?
Man sieht nunmehr
Das Ende meiner langen Reise:
Warum gehst du und verläßt mich Ärmsten
Auf der gefahrvollen Schwelle?
Was bleibt mir sonst,
Wenn du fliehst, süßeste Hoffnung?

CARONTE CHARON

O tu, ch’innanzi morte a queste rive
Temerario ten’vieni, arresta i passi:
Solcar quest’onde ad uom mortal nondassi,
Né può co’morti albergo aver chi vive.
Che vuoi forse, nemico al mio signore,
Cerbero trar da le tartaree porte?
O rapir brami sua cara consorte,
D’impudico desire acceso il core?
Pon freno al folle ardir, ch’entr’al mio legno
Non accorrò più mai corporea salma,
Sí de gli antichi oltraggi ancor ne l’alma
Serbo acerba memoria e giusto sdegno.
O du, der du vor dem Tod zu diesen Ufern
Vorzudringen wagst: keinen Schritt weiter!
Diese Gewässer zu befahren ist keinem Sterblichen erlaubt,
Noch kann mit den Toten wohnen, wer lebt.
Willst du etwa, meinem Herrn feindgesinnt,
Cerberus aus Tartarus‘ Toren zerren?
Oder hast du vor, seine geliebte Gattin zu rauben,
Getrieben von unkeuscher Begierde?
Gib dein törichtes Vorhaben auf: In mein Boot
Werde ich niemals eine Körpergestalt einlassen,
Denn die erlittene Schmach ruft wach in meiner Seele
Bittere Erinnerung und gerechten Zorn.

Sinfonia Sinfonia

ORFEO OPRHEUS

Possente spirto e formidabil nume,
Senza cui far passaggio a l’altra riva
Alma da corpo sciolta in van presume,
Mächtiger Geist und gewaltige Gottheit,
Ohne die zum anderen Ufer zu gelangen
Die leibbefreiten Seelen vergeblich hoffen,

Ritornello Ritornello

Non viv’io, no, che poi di vita è priva
Mia cara sposa, il cor non è più meco,
E senza cor com’esser può ch’io viva?
Ich lebe nicht, nein! Nachdem gestorben mir
Die geliebte Gattin, habe ich kein Herz mehr,
Und ohne Herz, wie kann in mir Leben sein?

Ritornello Ritornello

A lei volto ho il cammin per l’aer cieco,
A l’inferno non già, ch’ovunque stassi
Tanta bellezza il paradiso ha seco.
Nach ihr strebt mein Weg durch die dunkle Luft,
Nicht nach der Hölle, denn überall dort
Wo ihre Schönheit ist, ist auch das Paradies.

Ritornello Ritornello

Orfeo son io, che d’Euridice i passi
Segue per queste tenebrose arene,
Ove giammai per uom mortal non vassi.
O de le luci mie serene,
S‘un vostro sguardo può tornarmi invita,
Ahi, chi niega il conforto a le mie pene?
Sol tu, nobile dio, puoi darmi aita,
Né temer die, chè sopra un’aurea cetra
Sol di corde soavi armo le dita
Contra cui rigida alma in vans’impetra.
Orpheus bin ich, der den Schritten Eurydikes
Durch diese finsteren Ebenen folgt.
Zu denen kein Sterblicher Zugang hat.
O tröstliche Lichter meines Augenlichts,
Wenn nur ein Blick von euch Leben für mich bedeutet,
Wer verweigert Trost meinen Qualen?
Allein du, edler Gott, kannst mir helfen,
Und fürchte nichts: Nur von einer goldenen Leier
Verwende ich die süßen Saiten als Waffe
Gegen die strengen Seelen, die man vergebens anfleht.

CARONTE CHARON

Ben mi lusinga alquanto
Dilettandomi il core,
Sconsolato cantore,
Il tuo pianto e ‘l tuo canto.
Ma lunge, ah lunge sia da questo petto
Pietà, di mio valor non degno effetto.
Wohl entzückt mich sehr
Und schmeichelt meinem Herz,
O untröstlicher Sänger,
Dein schmerzvoller Gesang.
Doch fern sei meiner Brust
Mitleid, meiner Natur nicht würdig.

ORFEO OPRHEUS

Ahi, sventurato amante!
Sperar dunque non lice
Ch’odan miei prieghi i cittadin d’Averno?
Onde, qual ombra errante
D’insepolto cadavere e infelice,
Privo sarò del cielo e de l’inferno?

Cosi vuol empia sorte
Che in quest’orror di morte
Da te, cor mio, lontano
Chiami tuo nome in vano
E pregando e piangendo io mi consumi?
Rendetemi i mio ben, tartarei numi!
Ich unglücklich Liebender!
Mir ist nicht erlaubt zu hoffen,
Daß die Hadesbewohner meine Bittklagen hören?
Und so muß ich, als umherirrender Schatten
Einer unglücklichen, unbegrabenen Leiche,
Fremd dem Himmel, fremd der Hölle bleiben?

So will mein grausames Los,
Daß ich in diesem Todesgrauen,
Fern von dir, meine Geliebte,
Vergeblich nach dir rufe
Und mich im Beten und Weinen verzehre?
Gebt mir meine Liebe zurück, ihr Höllengötter!

Sinfonia Sinfonia

CORO DI SPIRTI GEISTERCHOR

Nulla impresa per uom si tenta invano,
Né contr’a lui più sa natura amarse.
Ei de l’instabil piano
Arò gli ondosi campi e ‘l seme sparse
Di sue fatiche, ond’aurea messe accolse.
Quinci, perchè memoria
Vivesse di sua gloria,
la fama a dir di lui sua linguasciolse,
Ch’ei pose freno al mar con fragil legno,
Che sprezzo d’Austro e d’Aquilon lo sdegno.
Nichts unternimmt der Mensch vergebens,
Noch kann sich seiner erwehren die Natur.
Der unebenen Erde
Pflügte er die hügeligen Felder, und er streute den Samen
Seiner Arbeit, worauf er goldene Ernte erzielte.
Damit Erinnerung
An seine Größe sich fortpflanze,
Löste er den Ruhm seiner Zunge, von ihm zu erzählen,
Denn er bezwang das Meer mit zerbrechlichem Holz
Und verachtete die Wut der Winde aus Süd und Nord.

   
Quelle 7
 


Gluck: Orpheus und Eurydike (1. Akt, 1. Szene)


Acte 1 Erster Aufzug

Scène 1 Szene 1

Un bosquet de lauriers et de cyprès qui renferme la tombe d’Eurydice. Au lever du rideau Choeurs des Pasteurs et des Nymphes portant des guirlandes de fleurs et de myrtes: tandis qu’une partie fait brûler des parfums et jettes des fleurs, l’autre chante le choeur suivant, interrompu par les lamentations d’Orphée qui, étendu sur une pierre, prononce passionnément et de temps en temps le nom d’Eurydice.

Eurydikes Grab in einem Wäldchen mit Lorbeerbäumen und Zypressen. Während sich der Vorhang hebt, tragen Hirten und Nymphen Blumenkränze und Myrtengewinde herbei. Während die einen Räucherwerk entzünden und Blumen streuen, stimmen die anderen den folgenden Chor an, unterbrochen von den Klagerufen des Orpheus, der, auf einem Felsen ausgestreckt, immer wieder leidenschaftlich den Namen Eurydikes ausruft.

ORPHÉE ET CHOEUR ORPHEUS UND CHOR

CHOEUR CHOR

Ah! dans ce bois tranquille et sombre
Eurydice, si ton ombre nous entend
Sois sensible à nos alarmes,
Vois nos peines, vois les larmes,
Vois les larmes que pour toi l’on répand.
Ah, prends pitié du malheureux Orphée,
Il soupire, il gémit, il plaint sa destinée.
Ach, wenn in diesem ruh’gen, schatt’gen Hain,
Eurydike, dein Schatten uns hört,
Neige hold dich unserm Leiden,
Hör die Seufzer, sieh die Tränen,
Die wir gramgebeugt dir weihn.
Hör des Gatten gramvolle Klage!
Schluchzend und stöhnend beklagt er sein Los.

Orphée ORPHEUS

Eurydice! Eurydice! Eurydice! Eurydice! Eurydice! Eurydice!

Choeur Chor

L’amoureuse tourterelle,
Toujours tendre, toujours fidèle
Ainsi soupire et meurt de douleur.
So klagt die verliebte Taube
Voll Zärtlichkeit und Treue,
So klagt sie und vergeht voll Gram.

RÉCITATIF REZITATIV

Orphée OPRHEUS

Vos plaintes, vos regrets.
Augmentent mon supplice.
Aux mânes sacrées d’Eurydice
Rendez les suprêmes honneurs,
Et couvrez son tombeau de fleurs.
Laßt die Klage, o Freunde!
Ach, sie vermehrt nur meine Pein!
Den heiligen Manen Erydikens
Bringt nur das letzte Totenopfer,
Und streuet Blumen auf ihr Grab.

PANTOMIME PANTOMIME

Cette pantomime représente les fêtes funèbres que célèbraient les anciens près de la tombe des morts. Autour de l’urne d’Eurydice pleurent les génies représentés par des petits amours, dont un, sous la forme d’Hyménée, éteint son flambeau, symbole de l’union conjugale séparée par la mort. Diese Pantomime stellt die Trauerfeiern dar, die die alten Griechen am Grabe der Verstorbenen abzuhalten pflegten. An der Urne Eurydikes klagen die Genien, dargestellt von kleinen Liebesgöttern. Einer von ihnen, Hymen, löscht seine Fackel, Symbol des durch den Tod zerschnittenen ehelichen Bandes.

Choeur Chor

Ah! Dans ce bois lugubre et sombre,
Eurydice, si ton ombre nous entend
Sois sensible à nos alarmes,
Vois nos peines, vois les larmes,
Vois les larmes que pour toi l’on répand.
Ach, wenn in diesem ruh’gen, schatt’gen Hain,
Eurydike, dein Schatten uns hört,
Neige hold dich unserm Leiden,
Hör die Seufzer, sieh die Tränen,
Die wir gramgebeugt dir weihn.

RÉCITATIF REZITATIV

Orphée Orpheus

Éloignez-vous; ce lieu convient à ma douleur,
Et je veux sans témoin y répandre mes pleurs.
Laßt mich allein! Dieses Grab ist meinem Schmerze heilig,
und keiner ist mit mir nur als mein Kummer.

RITOURNELLE RITORNELL

   
Quelle 8
 


Gluck: Orpheus und Eurydike (2. Akt, 1. Szene)


Acte 2 Zweiter Aufzug

1er tableau 1. Bild

Horrible caverne au-delà du Cocyte, cachée dans le lointain par une épaisse fumée qui sort de la Caverne

Gespenstische Höhle jenseits des Styx, der von dichten Rauchschwaden verdeckt ist, die aus der Höhle dringen.

CHOEUR CHOR

Quel est l’audacieux
Qui dans ces sombres lieux
Ose porter ses pas
Et devant le trépas
Ne frémit pas?
Wer ist der Vermessene,
Der dieser Finsternis
Zu nahen sich erkühnt,
Der selbst dem Tode
Frevelnd trotzt?

Les spectres reprennent les danses autour d’Orphée pour l’épouvanter. Die Geister nehmen ihren gespenstischen Reigen wieder auf, um Orpheus in Angst und Schrecken zu versetzen.

Quel est l’audacieux
Qui dans ces sombres lieux
Ose porter ses pas
Et devant le trépas
Ne frémit pas?
Que la peur, la terreur,
S’emparent de son coeur
A l’Affreux hurlement
Du Cerbère écumant
Et rugissant.
Wer ist dieser Vermessene,
Der dieser Finsternis
Zu nahen sich erkühnt,
Der selbst dem Tode
Frevelnd trotz?
Tödlicher Schrecken, Entsetzen
Ergreife ihn,
Wenn ihm mit grauenvollem Geheul
Der wutschnaubende Zerberus
Den Eingang wehrt.

AIR AVEC CHOEUR ARIE MIT CHOR

Orphée Orpheus

Laissez-vous toucher par mes pleurs,
Spectres, larves.
Laßt euch durch meine Tränen rühren,
Geister, Larven.

Choeur Chor

Non, non, non! Nein, nein, nein!

Orphée Orpheus

Ombres terribles,
Soyez sensibles
À l’excès de mes malheurs.
Furchtbare Schatten,
In eure Seele dringe
Meines Herzens tiefe Pein.

Choeur Chor

Qui t’amène en ces lieux,
Mortel présomptueux?
C’est le séjour affreux
Des remords dévorants,
Et des gémissements,
Et des tourments!
Was willst du, was suchst du hier,
Jammernder Sterblicher?
Hier ist der Ort
Ewiger Gewissensqualen,
Ewigen Klagens,
Und ewiger Foltern!

Orphée Orpheus

Ah! La flamme qui me dévore,
Est cent fois plus cruelle encore!
L’enfer n’a point de tourments
Pareils à ceux que je ressens.
Ah! Die Flamme, die mich verzehrt,
I st hundertmal grausamer noch!
Lodern doch der Hölle Flammen
Auch in meiner eignen Brust.

Choeur Chor

Par quels puissants accords,
Dans le séjour des morts,
Malgré nos vains efforts
Il calme la fureur de nos transports?
Welche machtvollen Akkorde
An diesem Ort der Toten
Bannen unsren starren
Unbezähmbaren Grimm?

   
Quelle 9
 


Gluck: Orpheus und Eurydike (3. Akt)


ACTE 3 DRITTER AUFZUG

1er Tableau 1. Bild

Caverne obscure en labyrinthe. Des masses détachées de rochers couvertes de plantes sauvages

Eine finstere Höhle voller Irrgänge. Felsmassen, von wilden Pflanzen bedeckt.

RÉCITATIF REZITATIV

Orphée Orpheus

Malheureux, qu’ai je fait?
Et dans quel précipice m’a plongé mon funeste amour?
Chère épouse, Eurydice! Eurydice, chère épouse!
Elle ne m’entends plus,
Je la perds sans retour.
C’est moi qui lui ravis le jour,
Loi fatale! Cruels remords!
Ma peine est sans égale.
En ce moment funeste,
Le désespoir, la mort est tout ce qui me reste.
Weh mir! Was hab ich getan?
Wohin riß die Liebe mich Verblendeten fort?
Geliebte Gattin, Eurydike! Eurydike, Gattin!
Ach, sie hört nicht mein Flehen
Ach, ich habe sie auf immer verloren!
Ich selbst, ich selbst hab‘ sie dem Tod geweiht!
O furchtbares Geschick! O grausame Gewissensqualen!
Mein Schmerz ist ohne Grenzen.
In dieser Schreckensstunde
Sind Verzweiflung und Tod alles, was mir bleibt.

AIR ARIE

J’ai perdu mon Eurydice,
Rien n’égale mon malheur.
Sort cruel! Quelle rigueur!
Rien n’egale mon malheur.
Je succombe à ma douleur.
Eurydice, Eurydice, réponds, quel supplice!
Réponds-moi!
C’est ton époux fidèle;
Entends ma voix qui t’appelle.
J’ai perdu mon Eurydice ... etc.

Mortel silence,Vaine espérance, quelle souffrance!
Quel tourment déchire mon coeur!
J’ai perdu mon Eurydice ... etc.
Ach, ich habe sie verloren,
All mein Glück ist nun dahin!
O grausames, unerbittliches Schicksal!
All mein Glück ist nun dahin.
Ich sterbe vor Schmerz.
Eurydike, Eurydike, antworte! Welche Qual!
Antworte mir!
Dein treuer Gatte ist’s;
Höre meine Stimme, die dich ruft!
Ach, ich habe sie verloren ... usw.

O Grabesstille,Vergebliche Hoffnung, O, welch furchtbares Leid!
Welche Qual zerreißt mir das Herz!
Ach, ich habe sie verloren ... usw.