WORTSCHATZERWEITERUNG BEI SEHR
FORTGESCHRITTENEN LERNERN

Inhalt

1. Wörter und lexikalische Einheiten

1.1 Die Beziehung zwischen Wörtern und lexikalischen Einheiten

1.1.1 Wörter im Vergleich zu lexikalischen Einheiten - 1.1.2 Lexikalische Einheiten: Definition und Beispiele - 1.1.3 Ein Wort, mehrere lexikalische Einheiten - 1.1.4 Mehrere Wortformen, eine lexikalische Einheit - 1.1.5 Spezielle, lexikalische Einheiten

1.2 Idiomatische Wendungen

1.2.1 Was sind idiomatische Wendungen? - 1.2.2 Die Einbettung von idiomatischen Wendungen in den Satz - 1.2.3 Spezialformen: Wortpaare - 1.2.4 Kleine Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Niederländischen bei idiomatischen Ausdrücken

1.3 Strukturierende Ausdrücke

1.3.1 Strukturierende Ausdrücke als Einheiten - 1.3.2 Strukturierende Ausdrücke auf Satzebene 1: Verbindungspaare - 1.3.3 Strukturierende Ausdrücke auf Satzniveau 2: satzeinleitende Ausdrücke - 1.3.4 Die Bedeutung von strukturierenden Ausdrücken

1.4 Routineformeln

1.4.1 Routineformeln im Gespräch - 1.4.2 Situationsgebundenheit von Routineformeln - 1.4.3 Kulturspezifische Routineformeln - 1.4.4 Routineformeln in der geschriebenen Sprache - 1.4.5 Routineformeln im sozialen Umgang: 1.4.5.1 Danken / bedanken - 1.4.5.2 Transaktionen - 1.4.5.3 Situation im Zug- 1.4.5.4 (Glück-) Wünsche - 1.4.5.5 Gezondheid und Gesundheit - 1.4.5.6 Abschied

1.5 Sprichwörter

1.5.1 Sprichwörter: Definition und Beispiele - 1.5.2 Die Form von Sprichwörtern - 1.5.3 Sprichwörter: Varianten - 1.5.4 Der Unterschied zwischen Sprichwörtern und idiomatischen Wendungen - 1.5.5 Kleine Unterschiede zwischen dem Niederländischen und dem Deutschen in Sprichwörtern und Redewendungen

1.6 Texte und Textfragmente

2. Formale Merkmale

2.1 Die formalen Merkmale einer lexikalischen Einheit

2.2 Aussprache und Aussprachevariationen

2.2.1 Aussprache - 2.2.2 Variationen in der Aussprache

2.3 Rechtschreibung und Variation in der Rechtschreibung

2.3.1 Warum schreiben wir nicht, wie wir sprechen? - 2.3.2 Der Unterschied zwischen Phonemen und Graphemen - 2.3.3 Schreibung des Niederländischen

3. Wortbildung

3.1 Die Bildung einer lexikalischen Einheit

3.1.1 Der Ursprung von neuen Wörtern - 3.1.2 Einfache Wörter (Simplicia) ohne offensichtliche Herkunft - 3.1.3 Wortbildungsmuster - 3.1.4 Vorteile von Kenntnissen über Wortbildung - 3.1.5 Selbst neue Wörter bilden

3.2 Zusammensetzungen (Komposita)

3.2.1 Zusammensetzungen, Definition und Beispiele - 3.2.2 Die Wortart von Komposita - 3.2.3 Die Bedeutung von Komposita

3.3 Ableitung

3.3.1 Ableitung: Definition und Beispiele - 3.3.2 Produktive Wortbildungsmuster - 3.3.3 Kombinationen von Wortbildungsmustern - 3.3.4 Nutzen von Kenntnissen über Ableitungen - 3.3.5 Wortfamilien

3.4 Flexion

3.5 Reduktionen

3.5.1 Abkürzungen, die nur in der geschriebenen Sprache vorkommen - 3.5.2 Abkürzungen, die in der geschriebenen und in der gesprochenen Sprache vorkommen - 3.5.3 "Aküs" - 3.5.4 Als Wort wahrgenommene Abkürzungen - 3.5.5 Verschiedene Sprachen, verschiedene Abkürzungen

3.6 Konversion

4. Bedeutung

4.1 Die Bedeutung einer lexikalischen Einheit

4.1.1 Bedeutung, Wirklichkeit und Sprache - 4.1.2 Bedeutungen lernen - 4.1.3 Andere Bedeutungsaspekte - 4.1.4 Inhaltswörter und grammatische Wörter

4.2 Definitionen

4.3 Übersetzung einer lexikalischen Einheit

4.3.1 Äquivalenzbeziehungen - 4.3.2 Völlige Übereinstimmung - 4.3.3 Teilweise Übereinstimmung - 4.3.4 Das Fehlen von Äquivalenz - 4.3.5 Äquivalenz in Wörterbüchern - 4.3.6 Äquivalenz in Van Dale-Wörterbüchern Niederländisch/Deutsch - 4.3.7 Äquivalenz-Relationen in der eigenen elektronischen Kartei

4.4 Semantische Felder (Wortfelder)

4.4.1 Der Begriff "Semantisches Feld" - 4.4.2 Hyponomie und Hypernomie - 4.4.3 Synonymie - 4.4.4 Antonymie - 4.4.5 Der Nutzen von Kenntnissen über das semantische Feld einer lexikalischen Einheit

4.5 Polysemie und Homonymie

4.5.1 Monosemie, Polysemie und Homonymie - 4.5.2 Polysemie: Metaphern und Metonymien - 4.5.3 Die Grenze zwischen Honomynie und Polysemie - 4.5.4 Nutzen von Wissen über Polysemie - 4.5.5 Polyseme Wörter im Kontext - 4.5.6 Vagheit

4.6 Kulturspezifität

4.6.1 Kulturspezifische Bedeutungsunterschiede - 4.6.2 Kulturgebundene Erscheinungen - 4.6.3 Kulturspezifische Konnotationen - 4.6.4 Lexikalische Variation

4.7 Konnotationen

4.7.1 Was sind Konnotationen? - 4.7.2 Konnotationen und semantisches Feld - 4.7.3 Arten von Konnotationen - 4.7.4 Die Veränderbarkeit von Konnotationen - 4.7.5 Euphemismen - 4.7.6 Ironischer Sprachgebrauch

5. Kollokationen

5.1 Was sind Kollokationen, und warum sind sie so schwierig zu lernen?

5.2 Kollokationen für spezielle Bezeichnungen

5.3 Weniger feste Kollokationen vom Typ blondes Haar und ranzige Butter

5.4 Kollokationen und idiomatische Wendungen

6. Lexikalische Grammatik

6.1 Die Grammatik einer lexikalischen Einheit

6.2 Das Substantiv

6.2.1 Zählbarkeit - 6.2.2 Plural - 6.2.3 Genus - 6.2.4 Komplemente - 6.2.5 Selektionsbeschränkungen

6.3 Das Verb

6.3.1 Das Verb als Kern des Satzes - 6.3.2 Formen des Verbs - 6.3.3 Die Valenz des Verbs - 6.3.4 Die Anzahl der Argumente - 6.3.5 Art der Argumente - 6.3.6 Selektionsbeschränkungen - 6.3.7 Transitivität und Passiv - 6.3.8 Kausativa - 6.3.9 Reflexive und reziproke Verben

6.4 Das Adjektiv

6.4.1 Das Lernen von Adjektiven - 6.4.2 Qualifizierende und relationale Adjektive - 6.4.3 Attributiver und prädikativer Gebrauch - 6.4.4 Valenz - 6.4.5 Selektionsbeschränkungen - 6.4.6 Steigerungsformen

6.5 Die Partikeln

6.5.1 Adverbien und Partikeln - 6.5.2 Funktion und Bedeutung von Adverbien - 6.5.3 Funktion und Bedeutung von Partikeln - 6.5.4 Steigerungsformen

6.6 Die Präposition

6.6.1 Definition und Beispiele - 6.6.2 Präpositionen lernen - 6.6.3 Adpositionen - 6.6.4 Adpositionen und andere Ausdrücke in derselben Funktion - 6.6.5 Kombinatorik - 6.6.6 Komplemente - 6.6.7 Infinitive

7. Gebrauchsbedingungen

7.1 Der Gebrauch einer lexikalischen Einheit

7.1.1 Der richtige Gebrauch einer lexikalischen Einheit - 7.1.2 Der Nutzen von Kenntnissen über Gebrauchsbedingungen

7.2 Geographische Aspekte

7.2.1 Regionale Unterschiede im Gebrauch der Sprache innerhalb einer Sprachgemeinschaft - 7.2.2 Verschiedene Wörter für dasselbe Phänomen - 7.2.3 Dieselbe lexikalische Einheit für verschiedene Phänomene - 7.2.4 Wie entstehen geographische Varietäten innerhalb einer Sprache?

7.3 Sprachniveaus

7.3.1 Vier Sprachniveaus - 7.3.2 Die Wichtigkeit von Kenntnis über Sprachniveaus

7.4 Soziale Aspekte

7.4.1 Soziale Aspekte des Sprachgebrauchs - 7.4.2 Beispiele - 7.4.3 Sozialmarkierte lexikalische Einheiten

7.5 Fachspezifische Aspekte

7.5.1 Lexikoneinträge in einem bestimmten Fachgebiet - 7.5.2 Fachtermini in Wörterbüchern - 7.5.3 Das Entstehen von Fachtermini - 7.5.4 Unterschiede zwischen Wörtern und Fachtermini - 7.5.5 Jargon

7.6 Chronologische Aspekte

7.6.1 Neologismen - 7.6.2 Konzeptionelle Neologismen - 7.6.3 Stilistische Neologismen - 7.6.4 Neologismen und Wörterbücher - 7.6.5 Veralterter Sprachgebrauch

8. Etymologie

8.1 Die Etymologie von "Etymologie"

8.2 Der Sinn von Etymologiekenntnissen

8.3 Volksetymologie

8.4 Falsche Freunde

9. Frequenz

9.1 Die Frequenz von lexikalischen Einheiten

9.2 Das Feststellen der Frequenz

9.3 Das Zählen von Frequenz

9.4 Frequenz-Unterschiede zwischen Sprachen

10. Das Anwenden von lexikalischen Kenntnissen

10.1 Einleitung

10.2 Fähigkeit zu raten

10.2.1 Der Nutzen des Ratens - 10.2.2 Wie rät man?

10.3 Variationsreicher Sprachgebrauch

10.3.1 Lexikalische Wiederholung - 10.3.2 Lexikalische Variation

10.4 Kreativer Sprachgebrauch

10.5 Der Wortschatz des Experten

10.5.1 Umfang und Art Ihres Wortschatzes - 10.5.2 Der Wortschatz des Gesprächmanagements - 10.5.3 Der Wortschatz Ihres Fachgebiets - 10.5.4 Für Lerner problematische Wörter - 10.5.5 Zum Abschluß

Zurück zum Anfang (Inhaltsverzeichnis) Zurück zur Startseite (Modul-Auswahl)

1. Wörter und lexikalische Einheiten

1.1 Die Beziehung zwischen Wörtern und lexikalischen Einheiten

1.1.1 Wörter im Vergleich zu lexikalischen Einheiten

Um effektiv kommunizieren zu können, braucht man einen guten Wortschatz. Aber das bedeutet nicht einfach, daß man viele Wörter kennen muß. Die Bausteine, die man braucht, um Sätze zu bauen, sind mit dem Terminus "lexikalische Einheiten" zu bezeichnen. Ein Wort kann man beschreiben als eine Gruppe von Buchstaben, die nicht durch Leerzeichen voneinander getrennt sind. So enthält dieser Satz sechs Wörter. Aber ein Satz aus sechs Wörtern muß nicht genauso viele lexikalische Einheiten enthalten, ein Wort ist nämlich nicht dasselbe wie eine lexikalische Einheit. Ein Satz wie Er hat uns kräftig an der Nase herumgeführt enthält acht Wörter, aber nur fünf lexikalische Einheiten, nämlich Er, hat, uns, kräftig, an der Nase herumführen.

1.1.2 Lexikalische Einheiten: Definition und Beispiele

Eine lexikalische Einheit ist ein Lexikon-Eintrag (ein Wort oder eine Wortgruppe) mit einer einfachen Bedeutung. So sind z.B. Sprichwörter wie Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm oder Kindermund tut Wahrheit kund oder Redewendungen wie (bei jemandem) in der Kreide stehen, die Hosen anhaben und (von etwas) die Nase voll haben lexikalische Einheiten. Andere Beispiele für lexikalische Einheiten sind Wortgruppen wie in bezug auf und in Anbetracht von. Eine lexikalische Einheit kann wiederum Teil einer größeren lexikalischen Einheit sein. So kommt die lexikalische Einheit Wind z.B. in folgenden lexikalischen Einheiten vor: Wer Wind sät, wird Sturm ernten und Etwas in den Wind schlagen.

Wortgruppen, die im Niederländischen zusammen eine lexikalische Einheit bilden, sind z.B.: rode kool; donkere kamer; zwarte doos; de appel valt niet ver van de boom; kleine potjes hebben grote oren; (bij iemand) in het krijt staan; de wind van voren krijgen; de spuitgaten uitlopen; aber auch: het is een cadeautje in der Bedeutung 'können Sie es bitte als Geschenk einpacken!'.

1.1.3 Ein Wort, mehrere lexikalische Einheiten

Wenn ein Wort mehrere Bedeutungen hat, sagen wir, daß es ebenso viele lexikalische Einheiten darstellt. Z.B. gibt es zwei lexikalische Einheiten die Weide, einmal in der Bedeutung des Baums und einmal in der Bedeutung der Grasfläche zum Auffressen für Kühe. Das Wort Weide ist homonym: es gibt eine Form für zwei Bedeutungen, die nichts miteinander zu tun haben. Ein weiteres Beispiel wäre der Ton. Das Wort kann einerseits den Klang bezeichnen, andererseits aber auch eine bestimmte Lehmsorte. Diese Bedeutungen sind nicht voneinander abgeleitet, sondern sie hängen überhaupt nicht zusammen. Deswegen handelt es sich hier um zwei verschiedene lexikalische Einheiten. Es kommt erheblich öfter vor, daß ein Wort verschiedene Bedeutungen hat, die untereinander zusammenhängen. Ein Beispiel dafür wäre das Wort Flügel, das nicht dieselbe Bedeutung hat in Der Vogel hat sich den Flügel gebrochen wie in Er hat sein Klavier weggeschmissen und sich einen Flügel gekauft. Aber beide Bedeutungen haben eine deutliche Beziehung untereinander. Hier sprechen wir von einer lexikalischen Einheit. Viel häufiger sind im Deutschen homonyme Substantive mit unterschiedlichem Geschlecht wie der Tor (= de dwaas) und das Tor (= het doelpunt; de poort); der Moment (= het moment, ogenblik) und das Moment (het kenmerk, het gezichtspunt, de faktor); der Kiefer (= de kaak) und die Kiefer (= de grove den) usw. Auch da geht es natürlich um unterschiedliche lexikalische Einheiten, die man nicht verwechseln sollte!

Beispiele für Homonyme im Niederländischen sind: koper in der Bedeutung 'chemisches Element' und koper in der Bedeutung 'derjenige der etwas kauft oder zu kaufen wünscht', oder elf 'eine bestimmte Zahl' b.z.w. 'eine Märchenfigur'.

1.1.4 Mehrere Wortformen, eine lexikalische Einheit

Verschiedene Formen von einem Wort werden zur selben lexikalischen Einheit gerechnet, wenn die Formunterschiede rein grammatikalisch sind. So gehören alle Formen des Verbs laufen (laufe, läufst, läuft, laufen, lief, gelaufen usw.) zu ein und derselben lexikalischen Einheit.

In seltenen Ausnahmefällen kann auch eine Flexionsform zu verschiedenen lexikalischen Einheiten gehören. Dies wäre der Fall bei der Verbform sendet, die zwei unterschiedlichen lexikalischen Einheiten angehören kann. Sie gehört entweder zum regelmäßigen Verb senden (sendete, gesendet) mit der Bedeutung "ausstrahlen" (im Fernsehen und Rundfunk), oder aber zum unregelmäßigen senden (sandte, gesandt), das soviel wie "schicken" bedeutet.

1.1.5 Spezielle, lexikalische Einheiten

Wenn man eine fremde Sprache lernt, muß man nicht Wörter, sondern lexikalische Einheiten lernen. Die bestehen oft aus mehr als einem Wort. In den letzten Jahren hat man herausgefunden, daß auch Menschen, die ihre Muttersprache lernen, eigentlich ganze Stücke Sprache lernen in der Form von nicht analysierten Einheiten. Man gebraucht recht viele vorfabrizierte Textbausteine, wenn man spricht oder schreibt. Es ist nicht so, daß wir jeden Satz, den wir sprechen, komplett neu aufbauen auf der Basis von Konstruktionsregeln und einzelnen Wörtern. Wenn man eine fremde Sprache lernt, ist es wichtig, möglichst viele vorfabrizierte Sprachbausteine parat zu haben. Beispiele von lexikalischen Einheiten, die aus mehr als einem Wort bestehen und die man als Ganzes lernen muß, sind idiomatische Ausdrücke, strukturierende Ausdrücke, Routineformeln, Sprichwörter und Redewendungen.

1.2 Idiomatische Wendungen

1.2.1 Was sind idiomatische Wendungen?

Idiomatische Wendungen sind Ausdrücke mit festgelegter lexikalischer und grammatikalischer Struktur, deren Bedeutung nicht aus den Einzelteilen abzuleiten ist. Das ist deshalb der Fall, weil die Wörter, aus denen der Ausdruck besteht, nicht wörtlich gebraucht werden. Beispiele für idiomatische Wendungen sind z.B. mit Leib und Seele, mit allen Wassern gewaschen sein, nicht auf den Mund gefallen sein.

1.2.2 Die Einbettung von idiomatischen Wendungen in den Satz

Idiomatische Wendungen sind Wortgruppen, die in einen Satz eingebettet werden können. Am häufigsten gibt es Verbalgruppen, Nominalgruppen und Präpositionalgruppen. So kann man sagen Egon redet, aber man kann auch sagen Egon ist nicht auf den Mund gefallen. Die Wortgruppe ist nicht auf den Mund gefallen steht an derselben Stelle wie redet und ist also eine Verbalgruppe. Ein Beispiel für eine Nominalgruppe als idiomatischer Ausdruck ist Ein armes Schwein in Egon ist ein armes Schwein, ein Beispiel für eine Präpositionalgruppe ist In Windeseile in dem Satz Das hat er in Windeseile geschafft. Im Deutschen übernehmen nominale idiomatische Ausdrücke im Satz alle unterschiedlichen Funktionen, die ein Nomen auch haben kann, also z.B.:

Groß und klein ('jedermann') drängte sich vor der Kasse. (Subjekt).

Der Verhaftete ist nicht irgend ein Kleindealer, sondern ein wirklich großer Fisch. (Prädikativ).

Das Staatsoberhaupt bekam einen großen Bahnhof. ('festlichen Empfang') (Akkusativobjekt).

Im großen und ganzen bin ich mit ihrem Vorschlag einverstanden. (Adverbial).

1.2.3 Spezialformen: Wortpaare

Idiomatische Ausdrücke haben oft eine spezifische Formstruktur. So findet man im Deutschen viele Paarformeln, die dann häufig auch noch Alliteration oder Endreim aufweisen, wie z.B.:

mit Kind und Kegel; gang und gäbe; vor Tau und Tag (also andersherum als im Niederländischen); unter Dach und Fach bringen / sein; mit Ach und Krach.

Auch feste Vergleichformeln sind idiomatische Ausdrücke mit einer deutlich erkennbaren Struktur. Einige Beispiele:

wie im Bilderbuch; glatt wie ein Aal; Augen haben wie ein Luchs; sich freuen wie ein Schneekönig; zu etwas kommen wie die Jungfrau zum Kind.

Man beachte auch sehr feste Kollokationen, wie graue Maus (für 'unscheinbare Person'), der kleine Mann (für 'der wenig einflussreiche Durchschnittsmensch'), blauer Brief ('Kündigungsschreiben') und, in einem verbalen Ausdruck: ein gefundenes Fressen für jmdn sein ('jmdm sehr gelegen kommen, sehr willkommen sein, weil er es für sich ausnützen kann'). Die Grenze zwischen idiomatischem Ausdruck und Kollokation ist nicht scharf zu ziehen, aber generell gilt, daß eine Kollokation idiomatischen Charakter hat, wenn man die Bedeutung nicht mehr aus den Einzelteilen ableiten kann. Hauptsache ist, solche Verbindungen als Einheit zu lernen.

1.2.4 Kleine Unterschiede zischen dem Deutschen und dem Niederländischen bei idiomatischen Ausdrücken

Deutsche und niederländische idiomatische Ausdrücke sind einander oft sehr ähnlich. Das ist nicht nur ein Vorteil. Es gibt nämlich kleine Unterschiede wie etwa:

mit der Tür ins Haus fallen, 'met de deur in huis vallen'; etwas über den Haufen werfen, 'iets in de war sturen'; von Glück sagen können, 'van geluk kunnen spreken'; aus voller Kehle, 'met luide keel'; (klar) auf der Hand liegen, 'voor de hand liggen'; den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, 'door het bos de bomen niet meer zien'; das Kind mit dem Bade ausschütten, 'het kind met het badwater weggooien'; nicht mehr papp sagen können, 'geen pap meer kunnen zeggen'; klar Schiff machen, 'schoon schip maken'; zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, 'twee vliegen met een klap slaan'.

1.3 Strukturierende Ausdrücke

1.3.1 Strukturierende Ausdrücke als Einheiten

Strukturierende Ausdrücke sind sehr wichtig für das Verstehen des Zusammenhangs von Äußerungen und Äußerungsteilen. Beispiele für strukturierende Ausdrücke sind nicht nur ..., sondern auch und entweder ... oder. Wenn man vor allen Dingen am Inhalt eines Textes interessiert ist, liest man leicht über diese strukturierenden Elemente hinweg, aber ein Text ohne sie ist doch schwer verständlich.

1.3.2 Strukturierende Ausdrücke auf Satzebene 1: Verbindungspaare

Strukturierende Ausdrücke bestimmen in wesentlichen Punkten den Bau von einem Satz. Sie geben ihm, grob gesprochen, den Rahmen. Das sieht man an dem folgenden Beispiel: Je länger er darüber nachdachte, desto weniger verstand er es. Diese Elemente je ... desto sorgen für eine ganz spezielle Konstruktion des Satzes: Es müssen zweimal Adjektive im Komperativ vorkommen. Weitere Beispiele:

Wir fahren im Urlaub entweder nach Italien oder in die Schweiz; Er hat für so eine Reise weder Geld noch Zeit; Sie hat zwar wenig Zeit, aber sie will uns trotzdem helfen; Ich habe dort nicht nur am Strand gelegen, sondern auch die Museen besucht; Man kann hier sowohl schwimmen als auch angeln; Je später es wurde, desto/um so heiterer wurden die Gäste; Der Gebrauch der Sprache - sei es mündlich, sei es schriftlich - unterliegt Normen; Bald regnet es, bald scheint die Sonne.

Im Niederländischen gibt es u.a. folgende satzverbindenden Ausdrücke:

Hoe langer hij er over nadacht, des te minder begreep hij ervan; Met dit apparaat kun je zowel printen als (ook) scannen; (Noch) de nachtwaker noch de schoonmaakploeg had iets van de inbraak gemerkt; dat is wel leuk bedacht, maar niet makkelijk te realiseren.

1.3.3 Strukturierende Ausdrücke auf Satzniveau 2: satzeinleitende Ausdrücke

Sowohl beim Sprechen als auch beim Schreiben beginnen Sätze oft mit einer strukturierenden Formel, die kaum veränderbar ist. Der restliche Satz kann dann frei formuliert werden, aber diese Einleiteformel legt fest, welche syntaktischen Strukturen folgen können. Das wäre im Falle von Nun kann man sich fragen, ob eine indirekte Frage, im Falle von Ich möchte darauf hinweisen, daß ein mit daß eingeleiteter Nebensatz, im Falle von Ich habe die Ehre ein Infintiv mit zu.

Einige Beispiele fürs Deutsche:

Ich habe die Ehre und das große Vergnügen …; Im Folgenden werde ich eingehen auf …; Aus dem Gesagten ergibt sich, daß…; Ich möchte darauf hinweisen, daß …; Nun kann man sich fragen, weshalb / wie / inwiefern / ob …; So konnte es dahin kommen, daß …; Im Klartext heißt das: …

Formelhafte Satzanfänge spielen auch eine wichtige Rolle bei Sprecherwechsel. Folgende Beispiele zeigen, wie man in Diskussionen das Wort ergreifen kann:

Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, aber …; Darf ich vielleicht dazu bemerken, daß ; Wenn Sie erlauben, möchte ich doch …; Erlauben Sie bitte eine Zwischenfrage …; Wenn ich da mal nachhaken darf,; Ich hätt' dazu mal 'ne Frage …

Im Niederländischen gibt es z.B. folgende satzeinleitenden Ausdrücke:

Het is de bedoeling dat … / (om …) te…; We zijn van plan (om…) te…; Het is een feit dat ….; Het spreekt vanzelf dat …; Merk op dat …; Daar komt nog bij dat …; Moge God verhoeden dat…; Het staat buiten kijf dat …; De vraag is echter of …; Het is echter twijfelachtig of …

1.3.4 Die Bedeutung von strukturierenden Ausdrücken

Die Kenntnis von strukturierenden Ausdrücken ist sehr wichtig für das Analysieren und das Konstruieren von Texten. Sie helfen den Hörern bzw. Lesern, der Argumentation eines Textes zu folgen. Insofern ist es wichtig, beim Lesen oder Hören von Texten auf diese Art von Ausdrücken zu achten. Man sollte auch versuchen, sie selbst zu gebrauchen beim Sprechen und Schreiben. Sie strukturieren das Gesagte, was sowohl für den Sprecher als auch für den Leser oder Hörer sehr hilfreich ist. Insofern ist es wichtig, sich ein größeres Repertoire von strukturierenden Ausdrücken anzueignen.

1.4 Routineformeln

1.4.1 Routineformeln im Gespräch

Routineformeln sind festgelegte Ausdrücke, die eine bestimmte Funktion im Gespräch haben. Die können aus einem einzelnen Wort oder aus mehreren Wörtern bestehen, aber in beiden Fällen bezeichnen sie eine komplette Äußerungsabsicht. Mit einer Routineformel wird z.B. ein Wunsch, Befehl, eine Warnung oder Drohung ausgedrückt. Man benutzt Routineformeln in speziellen Situationen, z.B. wenn man jemand begrüßt, oder in Gesprächen, die man in einem Geschäft führt. Sie können z.B. denken an Schönes Wochenende, an Guten Tag, an Was darf es sein? (in einem Geschäft), Gesundheit! (wenn jemand niest). Routineformeln kann man meistens nicht wörtlich übersetzen. Man muß sie als eine Einheit lernen und benutzen. Gerade in mündlichen Kommunikationssituationen werden oft Routineformeln zwischen verschiedenen Gesprächspartnern gewechselt. Es ist deshalb wichtig, die möglichen Reaktionen, die Routineformeln, die als Antwort dienen können, gleich dazu zu lernen.

Vielen Dank - keine Ursache 'Hartelijk dank! - Geen dank!'
Schönes Wochenende - Ihnen auch 'Prettig weekeinde! - Hetzelfde!'

1.4.2 Situationsgebundenheit von Routineformeln

Der Gebrauch von Routineformeln ist an bestimmte soziale Situationen gebunden und wird abhängig vom Sprachniveau und den Umgangsformen eingesetzt. Wenn man jemanden nicht verstanden hat, kann man - abhängig von der Situation - aus verschiedenen Routineformeln wählen, wie z.B. Wie bitte?, Was haben Sie gesagt?, Wie?, Was? Wenn man jemandem vorgestellt wird, gibt es auch allerlei Möglichkeiten, von sehr formellen (Angenehm!, Schön, Sie kennenzulernen!, Wie geht es Ihnen?) bis sehr informellen (Hallo!). Es liegt an der Situation, welche Formulierung man wählt. Gerade in informellen Situationen sind oft viele Variationen möglich.

1.4.3 Kulturspezifische Routineformeln

Routineformeln können kulturspezifisch sein, damit müssen Sie rechnen. Es hat wenig Sinn, jemandem in den Niederlanden Hals und Beinbruch! zu wünschen, also wörtlich nek en botbreuk! Eine solche Äußerung würde nicht verstanden, und wenn sie verstanden würde, würde sie als ausgesprochen unangenehm erfahren. In der entsprechenden Situation wünscht man in den Niederlanden: Sterkte!, wörtlich: Kraft!.

1.4.4 Routineformeln in der geschriebenen Sprache

Routineformeln spielen auch in der geschriebenen Sprache eine große Rolle. Es gibt z.B. feste Routineformeln, mit denen man einen Brief beginnt oder abschließt: Sehr geehrte Damen und Herren, Mit freundlichen Grüßen, Hochachtungsvoll, und entsprechend: Geachte dames en heren!, Met vriendelijke groeten.

Routineformeln können auch Anweisungen an den Leser enthalten, z.B. Nichtzutreffendes streichen.

1.4.5 Routineformeln im sozialen Umgang

Höflichkeitsfloskeln wie Bitte und Entschuldigung (z.B. wenn man jemanden anredet, um nach dem Weg zu fragen) werden im Deutschen häufiger als im Niederländischen verwendet. Im folgenden finden Sie Beispiele für Routineformeln, geordnet nach der Situation, in der man sie verwendet:

1.4.5.1 Danken / bedankenBitte (sehr)! 'Alstublieft!'

Danke (sehr)! 'bedankt!'

Vielen Dank! 'Hartelijk dank!'

Gern geschehen! / Keine Ursache! / Nichts zu danken! 'Graag gedaan!' / 'Geen dank!'.

Beachten Sie auch:

Nichts für ungut! (Entschuldigungsformel, 'ich habe es nicht böse gemeint'), 'Neemt u me niet kwalijk!'

Machen Sie sich keine Umstände! 'Doet U geen moeite!'

1.4.5.2 Transaktionen

Senf oder Curry? (an der Wurstbude)

Tasse(n) oder Kännchen? (beim Kaffeebestellen)

Wieviel macht das? 'Hoeveel krijgt u?'

1.4.5.3 Situation im Zug

Ist hier noch frei? 'Is deze plaats nog vrij?',

(Personalwechsel,) die Fahrkarten, bitte! 'De plaatsbewijzen, alstublieft!',

Alles aussteigen! 'Iedereen uitstappen!'.

1.4.5.4 (Glück-) Wünsche

Herzlichen Glückwunsch! 'hartelijk gefeliciteerd!',

Gratuliere! (oft auch ironisch verwendet, dann jedoch meistens Na gratuliere!) 'gefeliciteerd!',

Frohe / schöne / gesegnete / fröhliche Weihnachten! 'Prettige Kerstdagen!', 'vrolijk kerstfeest!',

Ein glückliches neues Jahr! 'Gelukkig Nieuwjaar!',

Einen guten Rutsch! 'goed uiteinde!',

Glück auf! (Bergbau), (Aus naheliegenden Gründen in den Niederlanden nicht bekannt!)

Hals- und Beinbruch! (um jemandem Erfolg zu wünschen), 'Veel succes!',

Ich drücke / halte dir die Daumen! Auf diesen Wunsch kann dann noch folgen: toi, toi, toi!.

Das Äquivalent für das niederländische 'afkloppen' ist:

toi, toi, toi!

Meine Mitbewohner haben alle die Grippe, aber mich hat es bis jetzt nicht erwischt, toi, toi, toi!

Mit 'toi, toi, toi!' wird ursprünglich das dreifache Ausspucken nachgeahmt, das nach dem Volksglauben böse Geister abwehrt und Glück bringt.

Und beim Essen: Guten Appetit! (Gesegnete) Mahlzeit!, 'eet smakelijk!'.

1.4.5.5 Gezondheid und Gesundheit

Wenn jemand niest, wird in den Niederlanden nicht so oft mit: Gesundheit! reagiert. Auch eine Sitte von Sprüchen beim Zutrinken ist nicht so verbreitet. In den Niederlanden ist eine Aufforderung, mit jemandem essen zu gehen, keineswegs eindeutig eine Verpflichtung des Auffordernden, auch die Rechnung zu bezahlen. Es ist viel eher üblich, daß jeder selbst zahlt.

1.4.5.6 Abschied

Das niederländische Tot (weder)horens! ist wenig gebräuchlich. Telefongespräche haben keine spezielle Routineformel bei der Beendigung (wie "Auf Wiederhören!" im Deutschen), meist wird das allgemeine Gesprächsbeendigungssignal "tot ziens!" oder "dag!" bzw. tot+dem genauen Termin der nächsten Begegnung ("tot woesdag!") gebraucht.

Weitere Abschiedsformeln sind beispielsweise:

Machs gut! 'Het beste!',

Viel Spaß (noch)! 'nog veel plezier!',

(einen) schönen Tag/Abend (noch)!

(ein) schönes Wochenende! 'prettig weekeinde!',

Kommen Sie gut nach Hause! 'wel thuis!'.

1.5 Sprichwörter

1.5.1 Sprichwörter: Definition und Beispiele

Sprichwörter sind Äußerungen, die eine allgemeine Lebensweisheit wiedergeben, und/oder eine bestimmte "Moral". Beispiele von Sprichwörtern sind: Wer Wind sät, wird Sturm ernten, Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, und Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach. Manche Sprichwörter haben sich aus berühmten Texten entwickelt, aber nicht alle Zitate entwickeln sich zu einem Sprichwort. Ein berühmtes Zitat, das aus Goethes Torquato Tasso stammt, ist So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt. Der Ursprung von Sprichwörtern ist nicht immer zu finden, oft ist die Quelle unbekannt.

1.5.2 Die Form von Sprichwörtern

Sprichwörter sind ganze Äußerungen, genau wie Routineformeln. Sie sind mitunter elliptisch, wie Ende gut, alles gut. Bestimmte formale Eigenschaften von Sprichwörtern haben mit deren Wesen zu tun: Als allgemeingültige Lebensweisheiten stehen Sprichwörter meist im Indikativ oder Imperativ Präsens. Man soll den Bock nicht zum Gärtner machen, Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen, Mit großen Herren ist nicht gut Kirschen essen.

Im Niederländischen gibt es einige Sprichwörter, die es in ähnlicher Form im Deutschen gibt, aber man kann sich meist nicht verständlich machen, wenn man einfach deutsche Sprichwörter übersetzt. Wie het laatst lacht, lacht het best 'Wer zuletzt lacht, lacht am besten', voor wat hoort wat; eerst gedaan en dan bedacht, heeft menigeen in 't leed gebracht; al te goed is buurmans gek.

1.5.3 Sprichwörter: Varianten

Die Form von Sprichwörtern ist ziemlich unveränderbar. Manchmal sind allerdings kleine lexikalische und syntaktische Varianten möglich, aber sie ändern den Inhalt nicht. Beispiele dafür im Niederländischen sind: wie de naam heeft van vroeg op te staan, mag lang slapen/in bed blijven; opgestaan plaats(je) vergaan und (een) groene Kerstmis (maakt een) witte Pasen; als de katten van honk zijn, dansen de muizen op tafel/toen de katten van honk waren, dansten de muizen op tafel. Weiterhin findet man Sprichwörter, die bei völliger inhaltlicher Äquivalenz eine sehr unterschiedliche Bildsprache benutzen: oost west, thuis best und zoals het klokje thuis tikt, tikt het nergens.

1.5.4 Der Unterschied zwischen Sprichwörtern und idiomatischen Wendungen

Sprichwörter und idiomatische Wendungen sind beides lexikalische Einheiten. Sie haben gemeinsam, daß man ihre Bedeutung nicht einfach aus den zusammengestellten Teilen erschließen kann. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied zwischen beiden Arten von lexikalischen Einheiten. Ein Sprichwort ist eine komplette Äußerung, ein ganzer Satz, an dem nichts geändert werden kann. Eine idiomatische Redewendung dagegen muß in einen Satz eingebettet werden. Idiomatische Wendungen sind keine kompletten Sätze, sie fungieren als Satzteil (als Nominalphrase, als Verbalphrase, als Präpositionalphrase usw.). Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm ist ein Sprichwort. Mann kann nicht sagen *Jan fällt nicht weit vom Stamm (in der Bedeutung "er gleicht seinem Vater"). In Egon und Erna leben wie Hund und Katze ist leben wie Hund und Katze eine idiomatische Wendung. Man kann nicht sagen: *Erna und Egon leben als Katze und Hund, weil leben wie Hund und Katze eine feste idiomatische Wendung ist, aber man kann natürlich das Subjekt des Satzes ändern, oder auch die Form des Verbs. Interessant an diesem idiomatischen Ausdruck ist auch, daß im Niederländischen genau die umgekehrte Reihenfolge nötig ist: leven als kat en hond.

1.5.5 Kleine Unterschiede zwischen dem Niederländischen und dem Deutschen in Sprichwörtern und Redewendungen

Niederländische und deutsche Sprichwörter sind einander oft sehr ähnlich. Es gibt aber kleine Unterschiede z.B.in:

Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, ist im Niederländischen: 'Wie een kuil graaft voor een ander, valt er zelf in'.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ndl.: 'De appel valt niet ver van de boom'.

1.6 Texte und Textfragmente

Neben Gruppen von Wörtern und ganzen Sätzen können auch größere Texteinheiten eine lexikalische Einheit bilden. Es geht dann um Texte oder Textfragmente, die eine festgelegte Form haben und die durch die Sprachbenutzer als Gesamtes im Gedächtnis behalten werden. Darunter fällt z.B. das Gebet "Vater unser", fallen Kinderlieder, aber auch literarische Texte. Die niederländische Entsprechung zu dem bekannten deutschen Kinderlied hat einen ähnlichen Bekanntheitsgrad, enthält aber keine Drohungen an das Kind:

slaap kindje slaap

daar buiten loopt een schaap

een schaap met witte voetjes

die drinkt zijn melk zo zoetjes

slaap kindje slaap

daar buiten loopt een schaap.

Wenn es um Texte und Textfragmente geht, die zum allgemeinen Sprachgrundstock gehören, kann man z.B. denken an Kinder- und Weihnachtslieder (Stille Nacht, heilige Nacht).

Wichtig ist, daß in Texten Bezug genommen werden kann auf andere Texte, durch bestimmte Zitate und Anspielungen werden diese sozusagen abgerufen. Hinter einem solchen Zitat kann dann eine ganze Menge stecken. Es können für die geplante Wirkung besonders wichtige Konnotationen ins Spiel kommen, weil aus dem kulturellen Gedächtnis geschöpft wird. Im "neuen" Text kann solche Intertextualität ganz unterschiedliche Funktionen haben. Selbstverständlich kann man nicht alle Texte, die Sprechern aus der entsprechenden Sprachgemeinschaft bekannt sind, parat haben. Je mehr man liest, und je mehr man über Geschichte und Kultur eines Landes weiß, desto eher ist man in der Lage, solche Zitate und Anspielungen wiederzuerkennen. Wichtig ist aber auf jeden Fall, darauf bedacht zu sein, daß bestimmte Wendungen Zitatcharakter haben können.

Zurück zum Anfang (Inhaltsverzeichnis) Zurück zur Startseite (Modul-Auswahl)

2. Formale Merkmale

2.1 Die formalen Merkmale einer lexikalischen Einheit

Wenn man eine lexikalische Einheit lernt, muß man auch ihre formalen Merkmale lernen. Das bedeutet, man muß wissen, wie diese Einheit ausgesprochen wird und wie sie geschrieben wird. Einige lexikalische Einheiten können auf verschiedene Weisen ausgesprochen werden, und einige lexikalische Einheiten können auch auf mehr als eine Weise geschrieben werden. Wenn eine lexikalische Einheit verschieden ausgesprochen und verschieden geschrieben werden kann, gibt es Formvariationen bei dieser lexikalischen Einheit.

2.2 Aussprache und Aussprachevariationen

2.2.1 Aussprache

Es ist selbstverständlich, daß es sehr nützlich ist, die Aussprache von Wörtern, die man lernt, zu kennen. Wenn Sie neue Wörter lernen, schreiben Sie sich dann die Aussprache dazu, wenn diese Aussprache von der Aussprache abweicht, die sie selbst erwartet hätten.

2.2.2 Variationen in der Aussprache

Es gibt Aussprachevariationen von Person zu Person und, strikt genommen, sogar von Äußerung zu Äußerung. Kleinere und größere Aussprachevarianten können oft mit geographischen oder sozialen Faktoren in Zusammenhang gebracht werden. Ein Benutzer der Sprache kann sich bewußt für eine bestimmte Aussprache entscheiden, um sich als ein Mitglied einer bestimmten sozialen Gruppe zu profilieren. Die bekannteste Aussprachevariation im Niederländischen ist die des "zachte g", das die Sprecher als Flamen oder Südniederländer kenntlich macht.

2.3 Rechtschreibung und Variation in der Rechtschreibung

2.3.1 Warum schreiben wir nicht, wie wir sprechen?

Wenn wir anfangen würden, so zu schreiben wie wir sprechen, würde ein Chaos in der Rechtschreibung entstehen. Die Schreibung des Deutschen durch einen Bayern und einen Friesen hätten dann kaum noch etwas gemeinsam. Selbst wenn beide meinen, Hochdeutsch zu sprechen, gibt es noch erhebliche Unterschiede in ihrer Aussprache, die auf die Schreibung durchschlagen würden. Außerdem ist es so, daß die Aussprache verschiedener Laute abhängig ist von der Umgebung, in der sie stehen. Man nennt dieses Phänomen Assimilation. In der Schreibung versuchen wir, so nach Regeln vorzugehen, daß jeder die gleiche Schreibung derselben Wörter benutzt, und daß die einzelnen Morpheme auch bei unterschiedlicher Schreibung in der Schrift wiedererkannt werden können. Ein Problem beim Lernen der Schreibung des Niederländischen für Deutsche ist, daß hier nicht dasselbe Morphem in verschiedenen Umgebungen gleich geschrieben wird, weil die Regelung zur Markierung von Länge bzw. Kürze des Vokals das verhindert.

2.3.2 Der Unterschied zwischen Phonemen und Graphemen

Die kleinste Einheit der Lautung, die Bedeutung unterscheidet, heißt Phonem. Aus dem Unterschied zwischen Tuch und Buch sieht man, daß t und b verschiedene Phoneme sind im Deutschen. Nicht jedes Phonem entspricht einem Graphem. Wir haben im Deutschen z.B. für das Phonem des langen /i:/ verschiedene Schreibungen, nämlich ie, ih und i. Im Niederländischen ist die Rechtschreibung erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts geregelt. Seit 1996 gibt es allerdings im Van Dale eine Angabe der offiziellen Schreibung.

2.3.3 Schreibung des Niederländischen

Die niederländische Rechtschreibung ist relativ einfach. Im Vergleich etwa zum Englischen oder Französischen schreibt man weitgehend wie man spricht. Da, wo die Rechtschreibung abweicht vom Gesprochenen gibt es ein recht logisches und nahezu konsequentes Regelsystem. Die deutsche Rechtbschreibung führt auf ein semantisch-orientiertes System zurück, in dem die Etymologie noch eine wichtige Rolle spielt, während die niederländische Rechtschreibung weitgehend in ein morphologisches System umstrukturiert wurde.

In das Tal spricht der Deutsche das erste 'a' kurz und das zweite 'a' lang. Das muss man lernen. Ebenso wie in du (kurz) rufst (lang). Es gibt auch Regeln wie in Wohnboot. Das erste 'o' wird wegen des Dehnungs-h lang gesprochen, das doppelte 'o' wird grundsätzlich lang gesprochen.. In Deckbett werden beide e's kurz gesprochen aufgrund des ck und des doppelten Konsonants am Ende des Wortes.

Die Regeln für die Schreibweise bzw. Aussprache bei a/aa, e/ee, o/oo und u/uu sowie teilweise für i/ie sind im Niederländischen einfacher definiert. Erstens gibt es kaum einen Unterschied zwischen der Länge der Vokale: man und maan werden in etwa gleich lang gesprochen. Man unterscheidet bei den Vokalen sog. offene (man) und geschlossene (maan) Vokale, bzw. 'dunkle' oder 'helle' Vokale.

In geschlossenen Silben werden die Vokale a, e, o, u und i wenn sie dunkel gesprochen werden nur mit einem Vokal geschrieben: man, fles, bot, dun, strip, usw. (bei morphologischen Änderungen wie bei der Bildung von Plural, Adjektiv, usw. werden die Konsonanten verdoppelt: mannen, flessen, botte, dunne, strippen). Handelt es sich bei geschlossenen Silben um helle Vokale werden zwei Vokale geschrieben: maan, vlees, boot, riet, usw. In offenen Silben schreibt man die hellen Vokale mit nur einem Zeichen: ma-nen, vle-zig, bo-ten, du-re, po-li-tiek, usw.

Ausnahmen gibt es immer. Das o wird vor -ch immer verdoppelt: goochelaar. Das helle e wird am Ende eines Wortes doppelt geschrieben: twee, zee, mee, usw. Das u wird vor w immer hell gesprochen: schaduw, usw.

In Bezug auf die Diphthonge ei/ij und au/ou bestimmt das etymologische Prinzip weiterhin die Rechtschreibregel. Deutsche Verben mit ei werden im Niederländischen fast ausschließlich mit ij gebildet (rijden, schijnen, usw.). Ein paar Grundregeln in Bezug auf die Konsonanten: Am Ende einer Silbe oder eines Wortes steht nie ein doppelter Konsonant oder ein 'v' oder 'z'.

Zurück zum Anfang (Inhaltsverzeichnis) Zurück zur Startseite (Modul-Auswahl)

3. Wortbildung

3.1 Die Bildung einer lexikalischen Einheit

3.1.1 Der Ursprung von neuen Wörtern

Jede Sprache bekommt pro Jahr Tausende neue Wörter. Akzeptierte neue Wörter nennt man auch Neologismen. Neologismen entstehen aus:

- Bestehenden Elementen in dieser Sprache durch sog. Wortbildungsprozesse. Hausfrau ist entstanden aus dem Kombinieren von Haus und Frau, Arbeiter aus dem Anhängen des Suffixes -er an den Stamm Arbeit, GmbH durch das Abkürzen von Gesellschaft mit beschränkter Haftung.

- Andere Sprachen: die Wörter Computer und Aerobic hat das Deutsche aus der englischen Sprache übernmommen, das Wort Mannequin ist aus dem Französischen übernommen worden. Das Wort Wolkenkratzer ist eine Lehnübersetzung -das bedeutet eine wortwörtliche Übersetzung- des Englischen scyscraper.

- (Seltener) Geräusche: wau wau ahmt das Geräusch, das ein Hund macht, nach, kikeriki das Geräusch des Hahns. Solche Nachahmungen des Klangs nennt man onomatopoethische Wörter.

3.1.2 Einfache Wörter (Simplicia) ohne offensichtliche Herkunft

Einfache Wörter sind Wörter, die nicht aus kleineren Teilen zusammengesetzt sind, wie z.B. Stuhl und Himmel. Zusammengesetzte Wörter demgegenüber können in kleinere Teile zerlegt werden. Das sieht man z.B. bei Nachtisch (Nach + Tisch) oder bei Lehrerin (Lehr + er + in). Manchmal gibt es auch Wörter, die zunächst wie ein zusammengesetztes Wort aussehen, aber doch heute nicht mehr so erlebt werden, z.B. Wörter wie erfahren oder Himbeere. Der Teil Him existiert nicht mehr als ein Einzelwort, er kommt sogar nicht in anderen Wörtern vor. Bei erfahren ist es so, daß wir keine Beziehung zu fahren mehr sehen. Es kommt sehr selten vor, daß neue Simplicia entstehen. Neue zusammengesetzte Wörter aus bereits bestehenden Teilen werden häufiger gebildet.

3.1.3 Wortbildungsmuster

Im allgemeinen werden die folgenden Arten von Wortbildung unterschieden:

- Komposition (Zusammensetzung): Zwei oder mehr Wörter, die alle selbständig vorkommen können, werden zu einem neuen Wort wie in Hausfrau, Butterberg, Garagentür, Motorrad, Gartenstuhl, Dreikäsehoch und Tunichtgut.

- Deviration (Ableitung): Ein Element, das nicht selbständig vorkommen kann, wird mit einem Element verbunden, das selbständig vorkommen kann, so daß eine neue lexikalische Einheit entsteht. Beispiele sind Bettler auf der Basis von bett(eln) und -er oder Schönheit auf der Basis schön und -heit.

- Konversion: Die grammatikalische Kategorie von einem Wort ändert sich, ohne das ein Suffix hinzugefügt wird, etwa in das Sprechen, das von dem Verb sprechen abgeleitet ist, oder in fischen, das nur mit der Infinitivendung, die keine Wortbildungsendung ist, von Fisch abgeleitet ist.

- Reduktion: Durch Abkürzungen entsteht eine neue Lexikon-Einheit, wie etwa Auto, Sozi, ADAC.

- Wortverschmelzungen wie in Infotainment (Information plus entertainment). Dieses Phänomen ist eher selten.

Neben der Wortbildung gibt es noch die Flexion. Bei der Flexion werden nicht neue Wörter gebildet, sondern aus bestehenden Wörtern werden deren grammatische Formen gebildet. Beispiele wären die Pluralbildung Kind - Kinder, die Kasusbildung Kind, Kindes, Kinde, Kindern und die Tempusformen des Verbs singen, sang, gesungen.

3.1.4 Vorteile von Kenntnissen über Wortbildung

Es ist wichtig, Wortbildungsprozesse zu kennen. Die Bedeutung vieler zusammengesetzter Wörter kann man aus ihren kleineren, bedeutungstragenden Elementen erschließen. Wenn man ein zusammengesetztes Wort nicht kennt, kann es oft helfen, dieses Wort zu analysieren. Oft ist es so, daß man ein Teil des Wortes kennt. Angenommen, sie treffen auf das niederländische Wort tensimeter. Ohne in ein Wörterbuch zu sehen, wird man auf die Idee kommen, daß es hier um eine Art Meßinstrument geht, was der Teil meter nahelegt. Vielleicht wird sogar in tensi das englische oder französische Wort tension (= Spannung) erkannt.Es geht offensichtlich um ein Meßinstrument, das eine bestimmte Art von Spannung mißt. Im Groot Woordenboek der Nederlandse Taal wird tensimeter definiert als: "toestel voor het meten van water- of vochtspanning".

3.1.5 Selbst neue Wörter bilden

Man kann seine Kenntnis über Wortbildung auch dazu gebrauchen, selbst neue Wörter zu bilden. Das erweitert den Wortschatz ganz erheblich. Wenn man weiß, daß im Niederländischen -es ein häufiges Suffix ist, das an ein Nomen angefügt dessen weibliche Form bildet, dann kann man selbst weibliche Formen von Wörtern bilden. Wenn man also die Wörter schilderes, dichteres, lerares, meesteres kennt, dann kann man auch Wörter bilden wie dokteres und denkeres. Natürlich kann es einem passieren, daß derartige Wörter im Niederländischen nicht verbreitet sind, sie sind aber im Normalfall verständlich. Generell ist es zwar so, daß im Niederländischen weniger Wortbildungen als im Deutschen vorkommen, es wird eher das Gemeinte in Sätzen (oder Teilen davon) ausgedrückt, aber Ableitungen sind doch recht produktiv, es gibt vor allem weniger Komposita. Im Deutschen würde man z.–B. Großstadt sagen, im Niederländischen aber grote stad.

Prozesse der Wortbildung ermöglichen uns einerseits, neue Wörter zu bilden, d.h. durch produktive, heute noch wirksame Wortbildungsprozesse sind wir imstande, Wörter für neue Sachverhalte oder Gegenstände zu konstruieren: der Kummerspeck, das Fernweh, die Entwarnung. Andererseits ist hier auch der umgekehrte Weg möglich: Durch die Analyse mehrgliedriger Wörter kann zumindest zum Teil aus der Bedeutung der zusammensetzenden Teile auf die Bedeutung des Ganzen geschlossen werden. Bei der Bedeutungserklärung eines Wortes muß man sich allerdings vorsehen: Ein Automotor ist 'der Motor eines Autos', aber eine Autobiografie ist nicht 'die Biografie eines Autos'. Man soll also immer den Kontext beachten!

3.2 Zusammensetzungen (Komposita)

3.2.1 Zusammensetzungen, Definition und Beispiele

Wenn zwei oder mehr Wörter miteinander verbunden werden zu einem neuen Wort, nennt man das ein Kompositum. Beispiele von niederländischen Komposita sind huisdeur, busstation, tuinstoel, postcode, inkomstenbelasting, badkamer en computer-handleiding.

Gerade im Niederländischen werden zusammengesetzte Wörter nicht immer zusammen geschrieben. Die einzelnen Teile können auch durch einen Bindestrich verbunden werden: sociaal-economisch, oud-leerling, hockey-elftal.

Generell ist zu sagen, daß das Niederländische erheblich weniger Komposita bildet als das Deutsche. Der berühmte Donaudampfschiffahrtskapitän wäre im Niederländischen nicht möglich.

3.2.2 Die Wortart von Komposita

Im Niederländischen bestehen Komposita meistens aus zwei Substantiven und sind selbst auch wieder Substantive. Komposita wie kerkbank, muziekstuk und windscherm gehören zu der häufigsten Art von Komposita. Aber nicht alle zusammengesetzten Substantive sind aus zwei Substantiven entstanden. Wörter wie platteland und hogeschool sind aus einem Adjektiv und einem Substantiv entstanden. Neben zusammengesetzten Substantiven gibt es auch zusammengesetzte Adjektive, wie etwa milieuvriendelijk 'umweltfreundlich', vrouwvijandig 'frauenfeindlich' und zusammengesetzte Verben, wie stofzuigen 'staubsaugen' und beeldhouwen 'bildhauen'.

3.2.3 Die Bedeutung von Komposita

Die Bedeutung von Komposita ist teilweise aus den Elementen zu schließen: Eine Haustür ist die Tür von einem Haus, ein Gartenstuhl ist ein Stuhl für den Gebrauch im Garten usw. Nicht alles ist jedoch aus den Teilen zu erschließen, so ist z.B. nicht jeder Stuhl, der zufällig einmal im Garten steht, deswegen schon ein Gartenstuhl.

Im Niederländischen steht der Kern (das ist der regierende Teil des Kompositums) von einem Kompositum rechts von seinem Kompliment. In diesem Punkt unterscheidet sich das Niederländische nicht vom Deutschen. Der Unterschied zwischen Hausfrau/huisvrouw und Frauenhaus/vrouwenhuis ist, daß eine huisvrouw eine Frau ist, und daß ein vrouwenhuis ein Haus. Nicht alle Komposita sind durchsichtig, das ist im Deutschen so wie im Niederländischen. Ein Beispiel für ein nicht durchsichtiges Kompositum wäre etwa Putzfrau. Es ist ja keineswegs so, daß jede Frau, die gerade putzt, deswegen eine Putzfrau wäre. Putzfrau nennt man nur Frauen, die gegen Bezahlung in anderleuts Haushalt putzen. In Wörterbüchern stehen, wenn sie konsequent sind, nur diejenigen Komposita, deren Bedeutung sich nicht eindeutig aus den Teilen erschließen läßt. Es ist unnötig, andere Komposita aufzunehmen.

3.3 Ableitung

3.3.1 Ableitung: Definition und Beispiele

Wenn ein Wort, das selbständig vorkommen kann, mit einem Element, das nicht selbständig vorkommen kann, so kombiniert wird, daß eine neue lexikalische Einheit entsteht, nennt dieses Phänomen "Ableitung". Die Elemente, die nicht selbständig vorkommen können, nennt man Affixe. Affixe kann man einteilen in:

Präfixe oder Vorsilben, die vor einem selbständig vorkommenden Wort auftreten, und die Bedeutung davon verändern, wie z.B. un- in ungeschickt und unerfahren.

Suffixe oder Nachsilben, die hinter das selbständige Wort treten, wie z.B. -ig in rostig oder -ung in Versicherung.

Präfixe ändern die Wortart nicht, während Suffixe die Wortart des Wortes, an das sie angefügt werden, ändern können.

Die Phänomene der Präfigierung und Suffigierung sind im Deutschen und im Niederländischen parallel. Selbstverständlich gibt es in den einzelnen Sprachen verschiedene Präfixe und Suffixe.

Ein besonderes Phänomen im Niederländischen sind die Verkleinerungswörter. Im Niederländischen ist es sehr viel mehr üblich als im Deutschen, Verkleinerungswörter zu gebrauchen. Das häufigste Verkleinerungs-Suffix ist -je. Besonders praktisch am Gebrauch des Suffixes ist für Lerner, daß das Suffix, wie alle anderen Substantiv-Suffixe, das Genus des jeweiligen Wortes festlegen. Alle Wörter auf -je sind het-Wörter.

Im Niederländischen gibt es wie im Deutschen trennbare Verb-Präfixe. Vergleichen Sie Sie will umsteigen mit Sie steigt um. Diese abgeleiteten Verben haben in ihren finiten Formen den Verbstamm an der zweiten Stelle des Satzes, aber das Präfix am Satzende. Im Niederländischen wäre das entsprechende Beispiel Ze wil overstappen bzw. Ze stapt over.

3.3.2 Produktive Wortbildungsmuster

Wenn man ein Wortbildungsmuster ohne nennenswerte Beschränkungen gebrauchen kann, nennt man es ein produktives Wortbildungsmuster. Ein Beispiel für ein produktives Wortbildungsmuster im Niederländischen ist die Kombination eines Verbstamms mit dem Suffix -baar. Mit diesem Verfahren sind unter anderem folgende Wörter gebildet:

aanneembaar, bespreekbaar, breekbaar, maakbaar, bruikbaar und denkbaar.

Aufgrund dieses Wortbildungsmusters werden im Niederländischen stets neue Wörter gebildet, z.B. das relativ neue studeerbaar.

3.3.3 Kombinationen von Wortbildungsmustern

Ein Stamm, an dem ein Affix angefügt wird, kann selbst das Produkt von einem Wortbildungsprozeß sein. Das sehen wir an den niederländischen Beispielen onderwijzeres und brandverzekering. Man kann auch mehrere Affixe an ein und denselben Stamm anfügen, wie in ontoegankelijk und bebossing.

3.3.4 Nutzen von Kenntnissen über Ableitungen

Affixe sind Elemente, die mehr oder weniger Bedeutung tragen, sie ändern die Bedeutung ihres Stamms, und ihre Bedeutung ist meist in Wörterbüchern zu finden. Es ist sehr nützlich, die Bedeutung der häufigsten Affixe zu kennen, weil man so die Bedeutung eines unbekannten abgeleiteten Worts erraten kann.

Außerdem hat man einen erheblich größeren Wortschatz, wenn man selbst einige häufige Affixe kennt und benutzt. Im folgenden Ausschnitt aus einer Geschichte aus der Volkskrant vom 30. Oktober 1979 verwendet der Autor seine Kenntnis von Ableitungsmustern, um neue Wörter zu bilden.

Mijn grootste genoegen is het roken van twee sigaren op de eerste zaterdagmorgen van iedere maand (…). Als op het terras enige wind staat, is het aansteken van de sigaren onmogelijk (…). Het leven van een Sigarist is dus nogal ingewikkeld (…). Velen vinden in deze verwarrende wereld hun houvast in het Christendom of in het televisievoetbal. Mijn eigen grootste houvast is het Sigarisme.

3.3.5 Wortfamilien

Verschiedene Ableitungen vom selben Stamm formen zusammen eine morphologische Wortfamilie. So gehören die Wörter nationaal, nationalisatie, nationaliseren, nationalisering, nationalisme, nationalist, nationalistisch en nationaliteit alle zu derselben morphologischen Wortfamilie. Neben morphologischen Wortfamilien gibt es auch sog. Wortfelder, etwa wären Bruder und Schwester Elemente desselben semantischen Wortfelds. In diesem Fall hilft uns allerdings die Kenntnis von Ableitungselementen nicht weiter.

3.4 Flexion

Flexion nennen wir die Bildung von verschiedenen grammatischen Formen von ein und derselben lexikalischen Einheit. Deklination und Konjugation fallen unter Flexion, die nicht selbständig vorkommenden Elemente dabei nennt man Flexions-Affixe. Beispiele von Flexions-Affixen im Niederländischen sind (die Affixe sind fett gedruckt): babbelen: babbelt, babbelde, gebabbeld, etc.; kind: kinderen; blij: blije, blijer, etc.

Auch die Produkte von Wortbildungsprozessen können flektiert werden. Wie im Deutschen können gelegentlich die Flexionselemente zwischen trennbare Verbpräfixe und den Stamm treten, vgl. angerufen bzw. opgebeld.

3.5 Reduktionen

Neue Wörter können auch durch Reduktionen entstehen. Das bedeutet, daß bestehende lexikalische Einheiten abgekürzt werden. Es gibt verschiedene Arten von Abkürzungen.

3.5.1 Abkürzungen, die nur in der geschriebenen Sprache vorkommen

Es gibt Abkürzungen, die nur in der geschriebenen Sprache vorkommen, wie z.B. im Niederländischen p., was für pagina steht, oder bijv., was für bijvoorbeeld steht. Die Wörter werden hier auf ein oder mehrere Buchstaben gekürzt. Beim Vorlesen werden sie immer als das ganze Wort ausgesprochen.

3.5.2 Abkürzungen, die in der geschriebenen und in der gesprochenen Sprache vorkommen

Abkürzungen und Abkürzungswörter bestehen aus Buchstaben und/oder Teilen von Wörtern. Folgende Typen lassen sich unterscheiden, wobei man bedenken sollte, daß es auch Übergangsformen geben kann. Es handelt sich zum Teil um sehr produktive Muster. Bei Abkürzungen handelt es sich meist um schriftliche Symbole wie km/h für Stundenkilometer oder S. für Seite. Die Ausssprache ist die der längeren Form. Daneben gibt es Abkürzungswörter, die sich aus Buchstaben zusammensetzen. Sie haben eine eigene Aussprache: LKW für Lastkraftwagen, EDV für elektronische Datenverarbeitung oder FAZ für Frankfurter Allgemeine Zeitung. Eine weitere Variante stellen die Silbenwörter dar. Diese setzen sich nicht aus einzelnen Buchstaben, sondern aus (Teilen von) Silben zusammen: der Azubi für der Auszubildende, die Kripo für die Kriminalpolizei, die Gestapo für die Geheime Staatspolizei, das Mofa für das Motorfahrrad und die Jusos für die Jungsozialisten. Die sehr verbreiteten Bildungen auf -i kürzen oft, aber nicht immer, ab: Chauvi, der Ossi, der Wessi, der Fundi.

Schlieblich gibt es dann noch die als Wort ausgesprochene Buchstabenwörter, die sogenannten Akronyme wie die TAZ für die Tageszeitung, das BAFöG für das Bildungsförderungsgesetz, DIN A4 für Deutsche Industrie-Norm.

Beispiele für niederländische Abkürzungen aus den Anfangsbuchstaben wären IQ (intelligentie quotient), pc (personal computer), VN (Verenigde Naties). Im Niederländischen werden diese Wörter aus Anfangsbuchstaben der Wörter sehr selten mit Punkten dazwischen geschrieben. Die Aussprache wechselt. Wie im Deutschen kommt es vor, daß die einzelnen Buchstaben ausgesprochen werden (PLO, ANC, ING), daß sie als ganzes Wort ausgesprochen werden (NAVO, OPEC, AIDS, UNESCO) oder sogar als eine gemischte Form wie in SFOR.

3.5.3 "Aküs"

Einige (meistens lange) Wörter werden so abgekürzt, daß weniger Silben übrigbleiben. Wörter werden um einzelne Laute oder Silben zu Kurzwörtern reduziert. Sie entstehen vor allem in Technik und Wissenschaft, aber auch etwa in der Jugendsprache. Diese Reduktion kann im Grunde sowohl den Anfang eines Wortes, als auch das Ende eines Wortes übriglassen. Beispiele für Kopfformen sind etwa: das Super (aus: das Superbenzin); das Kilo statt das Kilogramm; die Uni statt die Universität; die Demo statt die Demonstration. Beispiele für Endformen sind etwa: die Bahn statt die Eisenbahn; das Rad statt das Fahrrad; der Schirm statt der Regenschirm. Bei driegliedrigen Wörtern kann auch der mittlere Teil ausfallen: Fernamt statt Fernsprechamt, Ölzweig statt Ölbaumzweig.

Niederländische Beispiele wären homo, lab, fax, disco, depri, refo, kombi. Diese Abkürzungen werden normalerweise nur in informellen Situationen gebraucht, aber wie im Deutschen auch haben einige, z.B. Disco und Fax in den allgemeinen Sprachgebrauch vordringen können.

3.5.4 Als Wort wahrgenommene Abkürzungen

Einige Abkürzungswörter werden im allgemeinen Sprachgebrauch nicht mehr als Abkürzungswörter wahrgenommen. Im Niederländischen wären Beispiele dafür laser, radar, sonar, dia, modem. Diese Wörter sind Akronyme, aber man bemerkt es höchstens noch daran, daß sie ein -s als Pluralendung haben.

3.5.5 Verschiedene Sprachen, verschiedene Abkürzungen

Abkürzungen für Länder, Internationale Organisationen oder internationale Begriffe können von Sprache zu Sprache verschieden sein. Beispiele:

NiederländischEnglisch FranzösischDeutsch
NAVONATO OTANNATO
OESOOECD OCDEOECD
VSUSA E.-U.USA
Aids AIDS Sida Aids
EGECCE EG


3.6 Konversion

Bei der Konversion handelt es sich um die Verwendung von Wörtern oder Wortformen in einer anderen Wortart als der üblichen, und zwar ohne zusätzliche Mittel. Das Verb wohnen läbt sich Substantiv verwenden: das Wohnen. Das Adjektiv unbewubt läbt sich ebenfalls substantivieren: das Unbewubte. Bei Substantivierung von Verben oder Adjektiven und bei Adjektivierung von Substantiven liegt selbstverständlich eine Formveränderung in der Schrift vor, nämlich Groß- bzw. Kleinschreibung. Grundsätzlich können Wörter aus allen Wortarten substantiviert werden. Es gibt allerdings Unterschiede in der Häufigkeit.

Auch im Niederländischen gibt es Konversionen. Es gibt sowohl Verben, die als Substantive gebraucht werden können, z.B. het werken, als auch Adjektive, die als Substantive gebraucht werden, het goede.

Zurück zum Anfang (Inhaltsverzeichnis) Zurück zur Startseite (Modul-Auswahl)

4. Bedeutung

4.1 Die Bedeutung einer lexikalischen Einheit

4.1.1 Bedeutung, Wirklichkeit und Sprache

Wenn man die Bedeutung einer lexikalischen Einheit in einer anderen Sprache lernen will, dann reicht die Übersetzung ins Deutsche häufig nicht. Auch wenn im Fremdsprachenunterricht noch oft mit zweisprachigen Wortlisten gearbeitet wird, in denen man z.B. sieht, daß deutsch Garten im Niederländischen tuin bedeutet, ist es doch so, daß große Teile der Lexikoneinheiten nicht in einem 1:1-Verhältnis zueinander stehen. Der Wortschatz einer Sprache teilt die Wirklichkeit auf eine bestimmte Art und Weise ein. Die Wirklichkeit ist so komplex, daß verschiedene Arten möglich sind, sie einzuteilen, und es ist nie der Fall, daß zwei Sprachen im Ganzen dieselbe Art haben, die Wirklichkeit einzuteilen. Angenommen, Sie lernen, daß das Deutsche lernen im Niederländischen leren heißt, dann erfahren Sie nicht den wirklichen Bedeutungsumfang von leren. Dem Niederländischen leren entspricht nämlich keineswegs nur lernen, sondern auch lehren. Ein anderes berühmtes Beispiel ist die Einteilung von Flüssen im Deutschen und Französischen. Im Deutschen teilen wir Flußläufe ein in breite und weniger breite. Die weniger breiten heißen Fluß, die sehr breiten Strom. Im Französischen heißen diejenigen, die ins Meer fließen fleuve, diejenigen, die in andere Flüsse fließen, heißen rivière.

4.1.2 Bedeutungen lernen

Zweisprachige Wortlisten beachten oft nicht die Tatsache, daß verschiedene Sprachen die Wirklichkeit in verschiedener Weise einteilen. Wenn man die Bedeutung von einem lexikalischen Element lernen will, muß man versuchen, dieses lexikalische Element mit anderen lexikalischen Elementen aus der entsprechenden Sprache, die man schon kennt, zu verbinden. Das kann auf verschiedene Weisen geschehen, z.B. dadurch, daß man auf paradigmatische und syntagmatische Beziehungen achtet. Paradigmatische Beziehungen sind die Bedeutungsbeziehungen zwischen lexikalischen Einheiten derselben Wortart, die zum selben Bedeutungsfeld gehören, z.B. zwischen Unterricht, Ausbildung, Lehre usw. oder zwischen den Wörtern für die menschlichen Körperteile. Syntagmatische Bedeutungsrelationen sind Bedeutungsrelationen zwischen Wörtern, die oft miteinander vorkommen, z.B. Hund und bellen oder Toter und begraben. Wenn man eine neue Sprache lernt, stellt man fest, daß die Wörter im System der anderen Wörter in dieser Sprache anders organisiert sind, das System ist anders als in der Muttersprache.

Es gibt verschiedene Methoden, die Bedeutung einer lexikalischen Einheit anzugeben, alle sind nicht hundertprozentig ideal. Neben den nicht ungefährlichen Übersetzungen kann man Illustrationen benutzen (Bildwörterbücher, CD-Roms oder Definitionen in einsprachigen Wörterbüchern).

4.1.3 Andere Bedeutungsaspekte

Wenn man Bedeutungen von Wörtern lernt, muß man damit rechnen, daß Wörter mehr als eine Bedeutung haben können. Sie können eine kulturspezifische Bedeutung haben, und sie können neben ihrer eigentlichen Bedeutung auch eine Konnotation haben, die in der Muttersprache nicht existiert.

4.1.4 Inhaltswörter und grammatische Wörter

Es ist wichtig, den Unterschied zu kennen zwischen zwei Arten von Wörtern: Inhaltswörtern (auch "lexikalische Wörter" genannt) und Funktionswörtern (auch "grammatische Wörter" genannt). Inhaltswörter sind Wörter wie Haus, denken, schön, ärgerlich, Computer usw. Sie haben eine klare Bedeutung. Funktionswörter sind Wörter wie der, die, das, ein, zu, von usw. Sie haben eher eine grammatische Funktion als eine Bedeutung. Es ist deswegen sehr viel leichter, die Bedeutung von Inhaltswörtern zu beschreiben als die Bedeutung von Funktionswörtern.

4.2 Definitionen

Eine Definition ist ein Versuch, die Bedeutung einer lexikalischen Einheit wiederzugeben. Einsprachige Wörterbücher geben meistens Definitionen durch Synonyme und eine analytische Beschreibung der aufgenommen Wörter. In einer Synonymendefinition wird die Bedeutung von einer lexikalischen Einheit dadurch beschrieben, daß man ein Synonym angibt. Ein Beispiel für eine Synonym-Definition wäre etwa, wenn sie für Nomen Substantiv angeben würden. Ein Beispiel für eine analytische Definition wäre die folgende für Tequila: mexikanischer Schnaps, der aus dem vergorenen Saft einer Kaktusart gewonnen wird. Analytische Definitionen sind oft genauer als Synonymen-Definitionen, weil wir wenige vollständige Synonyme haben in der Sprache. Ein Sonderfall der analytischen Definition ist die morpho-semantische Definition. Bei dieser Art von Definition wird der zentrale Teil des zu definierenden Wortes in der eigentlichen Definition wieder aufgenommen. Ein Beispiel dafür wäre die Definition von ausmisten: "den Mist aus einem Stall entfernen". Der Umfang der Information in einer analytischen Definition ist abhängig vom Umfang, vom Ziel und von der Zielgruppe des Wörterbuchs. In einem enzyklopädischen Wörterbuch sind die Definitionen umfangreicher, weil auch Kenntnis über die Welt vermittelt wird, in einem linguistischen Wörterbuch geht es mehr um sprachliche Besonderheiten des nachzuschlagenden Worts, z.B. über den Gebrauch im Satz.

4.3 Übersetzung einer lexikalischen Einheit

4.3.1 Äquivalenzbeziehungen

In jeder Sprache ist es schwer, zwei lexikalische Einheiten zu finden, die genau dasselbe bedeuten; es gibt immer irgendeinen Unterschied. Es ist oft noch schwieriger, für eine lexikalische Einheit ein gutes Äquivalent in einer anderen Sprache zu finden. Man muß sich als Sprachenlerner damit abfinden, daß es nicht immer möglich ist, ein Wort in der zu lernenden Sprache zu verbinden mit einem Wort in der Muttersprache. Zwischen lexikalischen Einheiten in verschiedenen Sprachen gibt es verschiedene Arten von Äquivalenzbeziehungen. Manchmal gibt es völlige Übereinstimmung, aber oft gibt es nur teilweise Übereinstimmung. Für einzelne Wörter ist überhaupt kein Äquivalent zu finden in der anderen Sprache.

4.3.2 Völlige Übereinstimmung

Gut Beispiele für Wörter mit völliger Übereinstimmung in der einen und der anderen Sprache wären die Tage der Woche im Deutschen und im Niederländischen. Auch die Obst- und Gemüsebezeichnungen oder geographischen Namen sind Wörter mit völliger Übereinstimmung in den beiden Sprachen. Auch bei Zahlen besteht diese Übereinstimmung. Man kann sich aber selbst bei einigen scheinbar ganz deutlich übereinstimmenden Wörtern fragen, ob sie wirklich vollkommen übereinstimmen. Wenn man das deutsche Weihnachten mit dem niederländischen Kerstmis vergleicht, dann stellt man fest, daß die beiden Wörter verschiedene Konnotationen haben. Was den Austausch von Geschenken betrifft, so entspräche ja dem Deutschen Weihnachten viel eher das Niederländische Nikolaus, Sinterklaas.

4.3.3 Teilweise Übereinstimmung

Man spricht von teilweiser Übereinstimmung z.B. in folgendem Fall: eine lexikalische Einheit B hat eine oder mehr Bedeutungen, während eine lexikalische Einheit A in einer anderen Sprache dieselbe Bedeutung oder dieselben Bedeutungen hat, aber zusätzlich noch weitere. Z.B. ist das deutsche Wort Kippe zu übersetzen mit dem niederländischen Wort peuk in der Bedeutung "Mundstück einer Zigarette". Neben dieser Bedeutung hat das deutsche Wort aber noch die Bedeutung des Müllabladeplatzes, eine Bedeutung, die das niederländische peuk nicht hat, sondern in diesem Fall wäre Kippe mit stort(plaats) zu übersetzen. Natürlich existiert auch das andere Phänomen, daß das niederländische Wort den größeren Bedeutungsumfang hat. Ein Beispiel dafür wäre der Unterschied zwischen Niederländisch nicht und Nichte. Mit beiden Wörtern wird die Tochter des Bruders oder der Schwester bezeichnet, aber im Niederländischen wird mit nicht auch die Tochter eines Onkels oder einer Tante bezeichnet, also deutsch Cousine. Außerdem wird mit nicht ein männlicher Homosexueller abwertend bezeichnet, deutsch etwa Tunte.

Eine andere Möglichkeit der teilweisen Übereinstimmung besteht darin, daß in dem Wort der einen Sprache nicht mehrere verschiedene Bedeutungen, sondern eine wesentlich umfangreichere gemeint ist. Das russische Wort roeka hat sowohl die Bedeutung von Arm als auch von Hand. Es wäre sinnlos zu sagen, daß dieses Wort zwei Bedeutungen hat. Es hat nur eine, nämlich "Der gesamte Körperteil von der Schulter bis zu den Fingerspitzen". Hier wären das Deutsche und das Niederländische differenzierter als das Russische.

4.3.4 Das Fehlen von Äquivalenz

Fehlende Äquivalenzen gibt es z.B., wenn für einen Begriff aus der Sprache A das Entsprechende in der Kultur von Sprache B nicht vorkommt. Ein solches Beispiel wäre das deutsche Lederhosen, das im Niederländischen kein Äquivalent hat, weil es in den Niederlanden das entsprechende Kleidungsstück nicht gibt. Entsprechend gibt es auch niederländische Wörter ohne deutsches Äquivalent, wie etwa bruine kroeg oder speculaas. Es kommt auch vor, daß es für ein Phänomen in der einen Sprache ein Wort gibt, während in der anderen Sprache nicht ein spezielles Wort dafür existiert, wohl aber das Phänomen bekannt ist. So gibt es im Deutschen z.B. kein Äquivalent zum Niederländischen carpoolen, im Deutschen muß man diesen Begriff umschreiben, sich zu einer Fahrgemeinschaft zusammenschließen. Ein anderes Beispiel wäre das berühmte afstuderen, deutsch etwa: Examen machen. Dafür gibt es im Niederländischen kein Wort für das deutsche Fernweh. Im Niederländischen müßte man sagen, verlangen naar verre landen. Ein dritte Möglichkeit von Nicht-Äquivalenten sind Fälle, in denen kein Wort für das Entsprechende auf demselben Sprachniveau existiert.

4.3.5 Äquivalenz in Wörterbüchern

Zweisprachige Wörterbücher können den Eindruck erwecken, daß für eine lexikalische Einheit in einer Sprache immer ein Äquivalent in der anderen Sprache existiert. In den großen Van Dale-Wörterbüchern für das Deutsche und das Niederländische werden verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten für die jeweilige lexikalische Einheit so angegeben, daß zu oberst die häufigsten und allgemeinsten stehen. Das hilft ein bißchen, sich zwischen den Übersetzungsmöglichkeiten zu entscheiden. Im Deutsch-Niederländischen zweisprachigen Wörterbuch wird immer dann, wenn im Niederländischen kein echtes Äquivalent existiert, eine Umschreibung auf Niederländisch angegeben.

4.3.6 Äquivalenz in Van Dale-Wörterbüchern Niederländisch/Deutsch

Dieses umfangreiche Wörterbuch gibt wieder die Übersetzungsmöglichkeiten in der Reihenfolge der Häufigkeit und Allgemeinheit an. Wenn kein deutsches Äquivalent existiert, werden in diesem Wörterbuch allerdings niederländische Beschreibungen angegeben. Z.B. wird kroepoek umschrieben mit indonesische Garnalencracker. Manchmal gibt es Hinweise darauf, daß eine Übersetzung dem zu übersetzenden Wortnicht völlig entspricht. In diesem Fall gibt ein Pfeil nach oben an, daß die Übersetzung vom Stilniveau etwas höher ist als das niederländische Wort, ein Pfeil nach unten gibt an, daß das Stilniveau etwas niedriger ist und das durchgestrichene Gleichheitszeichen gibt an, daß die Übersetzung nicht genau mit dem zu übersetzenden Wort übereinstimmt. Die verschiedenen Wörterbücher benutzen verschiedene Zeichen dieser Art, deswegen ist es wichtig, sich diese Zeichen und ihre Bedeutung in der Einleitung des Wörterbuchs anzusehen. Die großen Van Dale-Wörterbücher haben sogar ein Einlegeblatt mit der Erklärung der Zeichen.

4.3.7 Äquivalenz-Relationen in der eigenen elektronischen Kartei

Ein Vorteil der eigenen elektronischen Kartei ist, daß man genau aufschrieben kann, in welcher Weise die eingetragene Übersetzung das korrekte Äquivalent für eine lexikalische Einheit ist.

4.4 Semantische Felder (Wortfelder)

4.4.1 Der Begriff "Semantisches Feld"

Ein semantisches Feld oder Wortfeld enthält eine Gruppe von Wörtern, die von ihrer Bedeutung her zusammengehören und jeweils einen Aspekt in der Welt bezeichnen, wie etwa Wörter für Farben, militärische Ränge, Vögel oder Nahrungszubereitung. Rot, blau und grün sind Bestandteil desselben Wortfelds. Die Komplexität eines Wortfelds ist oft kulturspezifisch.

4.4.2 Hyponomie und Hypernomie

In einem semantischen Feld gibt es manchmal eine Hierarchie der darin befindlichen Wörtern. In dem Feld Personentransportmittel z.B. würde man eine Kategorie Fahrrad finden, die vermutlich wieder weiter eingeteilt ist in verschiedene Typen, z.B. Rennrad und Touringrad. Die Einteilung verläuft also vom Allgemeinen zum Spezifischen. Die Relationen zwischen allgemeinen und spezifischeren Wörtern kann man benennen. So ist das Wort Personenbeförderungsmittel als ein allgemeineres Wort, ein Hypernym sowohl von Fahrrad als auch von Rennrad. Und umgekehrt ist das spezifischere Wort Fahrrad ein Hyponym von dem allgemeineren Personenbeförderungsmittel, und Rennrad ist ein Hyponym von Fahrrad (weil Rennrad eine spezifischere Bezeichnung innerhalb der Bezeichnung Fahrrad ist). Im allgemeinen kann man sagen, daß Wort A ein Hyponym von Wort B ist, wenn Wort A eine Art von B ist: ein Rennrad ist eine Art Fahrrad, ein Fahrrad ist eine Art Personenbeförderungsmittel. Ein weiteres Beispiel: Obst oder Gemüse hat untergeordnete spezifischere Bezeichnungen wie Äpfel, Birnen, Pfirsiche und Orangen oder Karotten, Erbsen oder Blumenkohl. Die allgemeineren Bezeichnungen bezeichnet man als Hyperonyme der untergeordneten Bezeichnungen, die untergeordneten Bezeichnungen als Hyponyme der übergeordneten Bezeichnungen. Da die unterschiedlichen spezifischeren Bezeichnungen sich sozusagen auf einer Linie befinden, werden sie manchmal als Kohyponyme bezeichnet. Im Übrigen gibt es in den oben genannten Fällen auch noch Zwischenkategorien wie Steinobst und Hülsenfrüchte.

4.4.3 Synonymie

In einem semantischen Feld gibt es auch lexikalische Einheiten, die dieselbe Bedeutung haben. Man nennt sie Synonyme. Vollständige Synonymie gibt es selten. Es gibt z.B. Nuancen, in denen sich die Bedeutung unterscheidet, oder Wörter teilen nur einen Teil von ihren Bedeutungsmerkmalen. Auch die Gebrauchsbedingungen von scheinbaren Synonymen können verschieden sein. Es ist ganz offensichtlich, daß sterben nicht in jedem Kontext ersetzt werden kann durch den Löffel abgeben. Teilweise Synonyme sind ein Problem für den Fremdsprachenlerner. Im Niederländischen z.B. sind houden van und lusten Synonyme, wenn sie sich auf etwas beziehen, das eßbar ist: Ik houd niet van ijs und Ik lust geen ijs sind Synonyme. Wenn man aber über nicht Eßbares spricht, kann man houden van gebrauchen, aber lusten nicht.

4.4.4 Antonymie

Antonyme sind lexikalische Einheiten mit der entgegengesetzten Bedeutung. Es gibt verschiedene Arten von Antonymie:

- Absolute Antonymie, wie etwa zwischen tot und lebend.

Zwischen derartigen Paaren von Wörtern besteht ein kompletter Gegensatz, es gibt keine Wörter, die einen Zustand zwischen den beiden Antonymen bezeichnen. Man kann z.B. nicht ein bißchen tot sein, man ist entweder tot oder nicht. Die Bedeutungen dieser absoluten Antonyme schließen einander aus: wenn das eine gilt, gilt nicht das andere und umgekehrt.

- Graduelle Antonymie, wie z.B. zwischen kalt und warm.

Zwischen solchen Paaren von Wörtern sind Abstufungen möglich, lau z.B., aber auch ein bißchen kalt oder sehr warm. Die Verneinung eines graduellen Antonyms muß nicht synonym mit dem anderen Wort eines Paares sein. Wenn jemand sagt, daß es nicht kalt ist, braucht das nicht zu bedeuten, daß er es warm findet.

- Relative Antonymie, wie z.B. zwischen Lehrer und Schüler und zwischen kaufen und verkaufen.

Die Relation zwischen den beiden Wörtern ist umkehrbar: wenn A etwas von B kauft, verkauft B etwas an A. Wenn A der Lehrer von B ist, dann ist B der Schüler von A. Man könnte sagen, daß relationale Antonyme abhängig voneinander sind. Wenn etwas verkauft wird, dann wird auch etwas gekauft.

4.4.5 Der Nutzen von Kenntnissen über das semantische Feld einer lexikalischen Einheit

Die Kenntnis vom Inhalt eines semantischen Felds einer lexikalischen Einheit kann bei der Wortwahl helfen. Die Bedeutung eines Wortes kann man sehr gut dadurch lernen, daß dieses Wort in Relation gesetzt wird zu anderen lexikalischen Einheiten aus demselben semantischen Feld. So kann man z.B. die Bedeutung der niederländischen lexikalischen Einheit prachtig dadurch lernen, daß man die Relation sieht zu der lexikalischen Einheit mooi, wenn man davon ausgehen kann, daß diese lexikalische Einheit bekannt ist. Auch beim Schreiben eines Textes ist Wissen über das Wortfeld sinnvoll. Wenn man eine allzu häufige Wiederholung desselben Wortes in einem Text verhindern möchte, kann man von einem Hyperonym Gebrauch machen. Wenn man z.B. über ein Rennrad schreibt, kann man ab und zu dieses Rennrad einfach mit Fahrrad oder Rad bezeichnen oder ein weiteres Synonym davon gebrauchen, z.B. Zweirad. Das tut man aber nur, wenn die Wiederholung eines Wortes wirklich störend wirkt. Sonst wird der Zusammenhang des Textes unklar.

4.5 Polysemie und Homonymie

4.5.1 Monosemie, Polysemie und Homonymie

Man spricht von Polysemie, wenn eine Wortform mehrere Bedeutungen hat. Man unterscheidet Polysemie einerseits von Monosemie und andererseits von Homonymie. Bei Monosemie hat eine Wortform nur eine Bedeutung. Die lexikalischen Einheiten März, Tisch und Telefon sind Monoseme. Wir sprechen von Homonymie, wenn eine Wortform verschiedene Bedeutungen hat, die nichts miteinander zu tun haben, während wir von Polysemie sprechen, wenn die verschiedenen Bedeutungen einer Form miteinander verbunden sind. Bei dem bereits erwähnten Beispiel der Ton handelt es sich bei den Bedeutungen "Laut" und "Lehmsorte" um Homonyme. Die verschiedenen Bedeutungen von Blume wären allerdings ein Fall von Polysemie. Die Bedeutungen "Blüte", "Schaum auf dem Bier" und "weiß gezeichnete Rückseite des Rehs" sind ein Fall von Polysemie, ebenso wie die erwähnten unterschiedlichen Bedeutungen von Flügel.

4.5.2 Polysemie: Metaphern und Metonymien

Die verschiedenen Bedeutungen von polysemen Wörtern hängen oft miteinander zusammen, weil die ursprüngliche Bedeutung eines solchen Wortes metaphorisch oder metonymisch gebraucht wird. Bei einer Metapher handelt es sich um einen verkürzten Vergleich, wobei der Vergleich als solcher jedoch nicht ausgedrückt wird. Beispiele sind etwa Fuchsschwanz für eine ähnlich geformte Säge oder spitze Bemerkung für eine verletzende Bemerkung. Man spricht oft auch "übertragener" Bedeutung bei Metaphern. Von einer Metonym spricht man, wenn ein Ausdruck durch eine sachlich verwandte Bezeichnung ersetzt wird, häufige Arten von Metonymen sind Substitutionen des Werks durch den Autor (Goethe lesen), Ersatz des Produkts durch das Material (1 Glas Wein), Teil für das Ganze (schlaue Köpfe). Man kann Metonyme auch kreativ einsetzen, z.B. in Tisch 4 will bezahlen.

4.5.3 Die Grenze zwischen Honomynie und Polysemie

Der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen ist nicht so klar, wie manchmal suggeriert wird. Ein Beispiel möge dies verdeutlichen: ein klares Beispiel für Homonymie wäre Futter, einmal als 'Tiernahrung', einmal als 'innere Stoffschicht'. Wie sieht es aber aus bei Schimmel? Nicht jeder wird gleich von 'weiblicher Belag' auf 'Pferd mit eben dieser Farbe' schlieben. Wer diese Verbindung nachvollziehen kann, wird das Wort Schimmel polysem nennen, wer dies nicht vermag, wird zwei Homonyme ansetzen. Oftmals ist der historische Zusammenhang zwischen Bedeutungen dem Sprecher heute auch nicht mehr bewußt. Sogar bei einem der Paradebeispiele für Homonymie, nämlich Bank, handelt es sich um verwandte Bedeutungen (Ursprünglich wurde auf einer Art Bank Geld gewechselt). Polysemie und die damit verbundenen Prozesse der Metaphorisierung und Metonymisierung sind ein wichtiges Phänomen sprachlicher Kreativität. Selbstverständlich verwertet auch die Werbung diese Einsichten: Eine Birne ist zunächst eine Frucht, dann der Baum, woran sie wächst, auch auf Grund von Formähnlichkeit ein Glühkörper und schlieblich, aus dem gleichen Grund, auch der menschliche Kopf. Dies veranlabte einen deutschen Glühbirnenhersteller, der viel auf sich hält, zu dem vieldeutigen Spruch: eine Birne ist noch keine Leuchte.

4.5.4 Nutzen von Wissen über Polysemie

Wenn man in einem Text einem Wort begegnet, von dem man eine Bedeutung kennt, die aber in diesem Kontext offensichtlich nicht die richtige ist, dann kann man häufig auf die Lösung kommen, indem man nach dem verbindenden Element zwischen der bekannten Bedeutung und der Bedeutung im Text sucht. Die Beziehung zwischen den beiden Elementen kann metaphorisch oder metonymisch sein. Ein Beispiel für metaphorischen Gebrauch ist das Wort Nußschale bzw. im Niederländischen notendop. Das Wort hat außer seiner konkreten Bedeutung auch noch die Bedeutungen "kleines Schiff" und im Niederländischen, anders als im Deutschen, auch noch "kleines Glas" oder "kleine Tasse". Die gemeinsame Bedeutung aller dieser Wörter ist "ein kleines halbrundes Gefäß".

4.5.5 Polyseme Wörter im Kontext

Die verschiedenen Bedeutungen einer Wortform können nie vollständig beschrieben werden. Auch Wörterbücher sind in dieser Hinsicht nie komplett, denn die Gebrauchsmöglichkeiten von Sprachformen sind unendlich. Wörter entwickeln neue Bedeutungen, die Sprache verändert sich. Außerdem können Wörter in unerwarteten Kontexten gebraucht werden und dadurch eine Bedeutung bekommen, die sie vorher noch nicht hatten. Natürlich hebt der Kontext im Normalfall die Doppeldeutigkeit auf. Für Lerner einer Fremdsprache ist es allerdings schwieriger, die richtige Bedeutung aus dem Kontext zu schließen, auch (oder gerade wenn) sie ein Wörterbuch benutzen. Ein Beispiel dafür: das niederländische Wort koper hat zwei Bedeutungen, nämlich "Käufer" und "Kupfer". Wenn weitere Wörter im Satz unbekannt sind und man nur die im Moment gerade nicht gemeinte Bedeutung von koper kennt, dann kann man zunächst einmal auf eine falsche Fährte kommen.

4.5.6 Vagheit

Sprachliche Zeichen sind semantisch unbestimmt. Bei dem Begriff Flügel hat man eine bestimmte Vorstellung. Was jeweils genau gemeint ist, zeigt sich erst im Kontext. Es kann sich um ein Lebewesen, ein Gebäude, ein Instrument usw. handeln. Diese semantische Unbestimmtheit sprachlicher Kategorien ist aber keineswegs nur ein Ärgernis oder Hindernis, sie ist vielmehr ein notwendige Eigenschaft, sie ist Teil des kreativen Sprachvermögens des Menschen. Wenn sie nicht vorhanden wäre, brauchte man ja für all diese (abgeleiteten) Bedeutungen ebenso viele andere Wortformen. In Verbindung mit sogenannten Heckenausdrücken wie etwa eine Art kann man sich so auf Gegenstände oder Sachverhalte beziehen, die zwar irgendwie mit einem bestimmten Begriff erfaßt werden können, jedoch nicht als prototypisches Beispiel gelten können: ein Straub ist eine Art Vogel.

4.6 Kulturspezifität

4.6.1 Kulturspezifische Bedeutungsunterschiede

Die Bedeutung von Wörtern hängt oft mit der Kultur, in der sie gebraucht werden, eng zusammen. Was zunächst ein Äquivalent in der anderen Sprache zu sein scheint, kann doch deutlich dadurch verschieden sein, daß kulturelle Faktoren die Bedeutung verändern. Kulturspezifische Unterschiede gehen oft mit geographischen Aspekten einher. Durch die Wiedervereinigung ist hier eine gewisse Grauzone entstanden. Bedeutungaspekte, die bis 1989 dem kulturspezifischen Bereich zugeordnet werden konnten, sind heute eher dem geographischen Bereich zuzuordnen. Für das allgemeinsprachliche Traktorfahrer wurde in der DDR das aus dem Russischen entlehnten Traktorist verwendet. In den neuen Ländern verwendet man selbstverständlich diese lexikalische Einheit nach wie vor, vergleiche auch etwa Datsche/Wochenendhaus. Man wird so etwas jetzt aber als geographische Variante bezeichnen. Das Vorhandensein kulturspezifischer Varianten erklärt sich beispielsweise aus Geschichte, spezifischen staatlichen oder politischen Einrichtungen oder gesellschaftlichen Konventionen. Bezeichnungen für politische Einrichtungen lassen sich oft nicht übersetzen.

4.6.2 Kulturgebundene Erscheinungen

Für Erscheinungen, die ganz spezifisch sind für eine ganz bestimmte Kultur und außerhalb dieser Kultur nicht in dieser Weise bestehen, gibt es in anderen Sprachen normalerweise keine Wörter. Solche kulturgebundenen Erscheinungen können z.B. das politische System eines Landes betreffen (so gibt es kein deutsches Äquivalent zu Commissaris van de Koningin) oder auf kulturspezifische Gewohnheiten (so ist Nikolaus keine gute Übersetzung von Sinterklaas, weil die Feste völlig verschieden gefeiert werden in den beiden Ländern).

4.6.3 Kulturspezifische Konnotationen

Lexikalische Einheiten können auch stark kulturgebundene Konnotationen aufrufen. Das bedeutet, daß Wörter, die anscheinend äuquivalent sind, sich doch sich in ihrer Bedeutung unterscheiden. Man kann z.B. Frühstück nicht mit ontbijt oder breakfast oder petit déjeuner gleichsetzen, denn die entsprechenden Wörter haben in den einzelnen Kulturen verschiedene Assoziationen, die davon abhängen, wie das Frühstück im jeweiligen Land aussieht.

Äquivalenzherstellung im institutionellen Bereich

Bezeichnungen für spezifische Einrichtungen lassen sich oft nur schwer übersetzen, weil sie eben Teil eines völlig anderen Systems sind. Niederländische "Provinzen" lassen sich nur sehr beschränkt mit deutschen "Ländern" vergleichen. Jede Provinz hat einen commissaris van de koningin, jedes Land einen Ministerpräsidenten, den man als Regierungschef oder auch scherzhaft als Landesfürst bezeichnen kann. Ein solcher Ministerpräsident hat auch ein viel ausgeprägteres politisches Profil als die niederländische Entsprechung: Er regiert ein Land bzw. er leitet die Regierungsgeschäfte eines Landes. Die lexikalische Einheit regieren und alle damit verbundenen morphologischen Erweiterungen sind dagegen im normalen Sprachgebrauch in den Niederlanden dem staatlichen, überregionalen Bereich vorbehalten. Bei der Herstellung einer Entsprechung weicht man also oft zwangsläufig auf Umschreibungen oder Heckenausdrücke aus: Eine Provinz ist ein Land in den Niederlanden oder Eine Provinz ist so eine Art Bundesland.

4.6.4 Lexikalische Variation

Es kann vorkommen, daß der Wortschatz einer Kultur in bestimmten Bereichen größer ist als der Wortschatz einer anderen Kultur im selben Bereich. So gibt es z.B. in den westlichen Kulturen sehr viele Wörter für Motorfahrzeuge. Denken Sie z.B. einfach an Motorräder, Mopeds, Mofas, Roller usw. Sie können sich vorstellen, daß in Kulturen, in denen derartige Fahrzeuge weniger gefahren werden, auch weniger Wörter bestehen.

4.7 Konnotationen

4.7.1 Was sind Konnotationen?

Jedes Inhaltswort hat eine Denotation und kann auch eine Konnotation haben. Die Denotation einer lexikalischen Einheit ist das, worauf diese lexikalische Einheit in der außersprachlichen Wirklichkeit hinweist. Mit der Konnotation einer lexikalischen Einheit meint man die Assoziationen, die eine lexikalische Einheit aufruft, die emotionalen Werte, die damit verbunden sind. Es geht nicht um die persönlichen Assoziationen von einem bestimmten Sprachbenutzer, sondern um die Assoziationen, die durch die meisten Sprachbenutzer der entsprechenden Sprache geteilt werden. So wäre z.B. im Deutschen die Bezeichnung Weib eine Bezeichnung, die negative Konnotationen hat, die Denotation wäre aber dieselbe wie die von Frau, was keine negativen Konnotationen hat.

4.7.2 Konnotationen und semantisches Feld

In einem semantischen Feld gibt es oft verschiedene Wörter mit ungefähr derselben Denotation, aber verschiedenen Konnotationen. Ein typisches Beispiel sind die Wörter für Autos: Auto, Wagen, Karre, Kiste, Fahrzeug u.v.a. Dadurch, daß sie verschiedene Konnotationen haben, sind diese Wörter keine vollständigen Synonyme. Es ist wichtig, auf diese Art von Unterschieden zu achten beim Sprechen einer fremden Sprache, denn ansonsten kann man arg daneben greifen. Am besten merkt man sich auf jeden Fall das neutralste Wort aus einem Wortfeld.

4.7.3 Arten von Konnotationen

In Wörterbüchern wird versucht, Konnotationen, die der größte Teil der Sprachgemeinschaft teilt, anzugeben. Beispiele dafür sind "pejorativ" (mit dem Gebrauch dieses Wortes ist ein negatives Urteile verbunden) und "euphemistisch" (beschönigender Ersatz für ein tabuisiertes Wort oder eine negative Tatsache). Für das Deutsche werden gemeinhin folgende Konnotationen in gebräuchlichen Wörterbüchern unterschieden: pejorativ, humorvoll, ironisch und euphemistisch. Es handelt sich um Markierungen von Sprechereinstellungen. In den Hinweisen zur Benutzung von Wörterbüchern finden sie sich oft unter "Angaben zur Bedeutung". Zum Teil sind diese Konnotationen schon fester Bestandteil der Bedeutung geworden, zum Teil aber kommen sie erst im aktuellen Text zustande. Einen Einblick in die Problematik von Sprachebenen und Konnotationen erhält man, wenn man bei den einzelnen lexikalischen Einheiten eines Wortfeldes nachschlägt. Als Beispiel werden hier die einzelnen Mitglieder des Wortfeldes "sterben" aufgezählt: abkratzen, ableben, eingehen, einschlafen, entschlafen, hopsgehen, über den Jordan gehen, krepieren, es nicht mehr lange machen, den Löffel abgeben/sinken lassen/hinlegen/wegwerfen, das Zeitliche segnen, sterben, verenden, verrecken.

4.7.4 Die Veränderbarkeit von Konnotationen

Negative Konnotationen können sich ändern, was häufig dadurch geschieht, daß die diffamierte Gruppe selbst den negativ konnotierten Begriff wählt, um sich zu bezeichnen. Beispiele dafür wären Schwuler und Hure. Einige Wörter, die zunächst neutrale Bezeichnungen waren, haben negative Konnotationen bekommen, z.B. debil und dement. Dies geschieht recht häufig mit Wörtern, die negativ bewertete Gruppen oder Eigenschaften bezeichnen - es werden immer neue Bezeichnungen gefunden, die das Phänomen neutral benennen sollen und nach kurzer Zeit doch wieder als abwertend erlebt werden. Debil z.B. hat schwachsinnig ersetzt.

4.7.5 Euphemismen

Für das Zustandekommen von Euphemismen gibt es mehrere Gründe. So kann dies aus Rücksicht anderen gegenüber, zur Verhüllung unangenehmer Sachverhalte usw. geschehen. Neuere Beispiele sind hier etwa im Bereich der Nicht-Fortführung von ehemaligen DDR-Firmen abwickeln, das hier nicht 'ordnungsgemäb verlaufen lassen', sondern 'liquidieren' bedeutet, unschön für häßlich, vollschlank für dick usw.

Pejorativ und humorvoll

Lexikalische Einheiten wie Mietskaserne 'relativ großes, unschönes Mietshaus' oder der Steigbügelhalter 'jemand, der einer anderen Person hilft, Karriere zu machen' haben immer eine negative Konnotation. Eine lexikalische Einheit wie meine besssere Hälfte für meine Frau/mein Mann, oder der Glimmstengel für die Zigarette wird als "humorvoll" umschrieben. Man sollte beachten, daß sich solche Wertungen ändern können. Änderungen im gesamten Wortfeld können (neue) Euphemismen veranlassen: Putzfrau, Staubsaugerfee und Raumpflegerin. Nicht mabgeschneiderte Textilien, also der absolute Normalfall, holt man sich von der Stange. Adjektive auf -isch sind häufig pejorativ: kindisch, launisch, verbrecherisch, ebenfalls viele Zusammensetzungen mit Bezeichnungen für Verwandtschaftsbezeichnungen wie etwa in: Opas Ehe (Opa und Oma sind im übrigen in der Jugendsprache die Bezeichnungen für 'Erwachsene'), Provinzonkel oder so 'ne Tante. Insbesondere auch Bezeichnungen für Ausländer sind oft pejorativ: Schlitzauge, Iwan, Spaghetti(fresser) usw.

4.7.6 Ironischer Sprachgebrauch

Wenn man ironisch spricht, sagt man das Gegenteil von dem, was man eigentlich sagen will. Oft bekommen Wörter, die eine positive Konnotation haben (z.B. toll, super) dann eine negative Bedeutung, wie in: Das ist ja toll, wenn damit eine negative Nachricht kommentiert wird. Ironie kann man normalerweise in fremden Sprachen schlecht erkennen, man ist auf den Kontext angewiesen. Ein häufiges Ironiesignal ist der Gebrauch von veraltetem, sehr gehobenen Wortschatz (Würden Sie mir Ihren geschätzten Rat zuteil werden lassen?), auch dies ist ein Argument dafür, Stilebenen beim Vokabellernen zu beachten.

Zurück zum Anfang (Inhaltsverzeichnis) Zurück zur Startseite (Modul-Auswahl)

5. Kollokationen

5.1 Was sind Kollokationen, und warum sind sie so schwierig zu lernen?

Wörter werden beinahe immer in Kombination mit anderen Wörtern gebraucht. Diese Kombinationen sind zu einem großen Teil nicht völlig freigestellt. Man sagt üblicherweise Zähne putzen und nicht Zähne waschen. Solche Verbindungen nennt man Kollokationen. Kollokationen können bestehen zwischen einem Substantiv und seinem Adjektiv oder zwischen einem Verb und seiner normalen Ergänzung usw. Einige Kollokationen sind fester als andere, aber es geht immer um Kombinationen von Wörtern, die normalerweise zusammen vorkommen. Man kann sie nicht einfach auswechseln, obwohl es keinen Grund gibt, nicht auch synonyme Wörter zu gebrauchen. Wenn man in einer fremden Sprache sprechen oder schreiben will, ist es enorm schwierig, die richtigen Kollokationen zu lernen. Auch in so verwandten Sprachen wie dem Deutschen und dem Niederländischen gibt es andere Kollokationen. Z.B. sagt man im Deutschen üblicherweise Kaffee machen/kochen, im Niederländischen sagt man aber koffie zetten. Im Deutschen sagt man Maßnahmen ergreifen, im Niederländischen sagt man maatregelen nemen. Man muß die Kollokationen jeweils lernen. Man kann aber beim Lesen und Hören auf Kollokationen aufpassen und damit seine Fähigkeiten im richtigen Gebrauch der Kollokationen erweitern.

5.2 Kollokationen für spezielle Bezeichnungen

Es gibt sehr feste Kollokationen, die zusammen einen spezifischen Begriff bilden. Z.B. das gelbe Trikot in der Bedeutung "Trikot des Erstplazierten in der Tour de France". Solche festen Kollokationen bilden zusammen eine lexikalische Einheit. Es handelt sich dann um eine Gruppe von Wörtern mit einer einfachen Bedeutung. Selbstverständlich kommen die Wörter gelb und Trikot auch allein vor. Dann ist die Kombination davon in Sätzen wie Soll ich heute mein blaues oder mein gelbes Trikot anziehen? keine Kollokation. Viele Bezeichnungen, die im Deutschen Komposita sind, sind im Niederländischen Kollokationen. So heißt z.B. die Dunkelkammer im Niederländischen donkere kamer, Rotkohl heißt rode kool.

5.3 Weniger feste Kollokationen vom Typ blondes Haar und ranzige Butter

Manchen Wörtern begegnet man nur in bestimmten relativ festen Kollokationen. Ein Beispiel dafür ist blond. Die typischste Kombination ist sicher blondes Haar (und ähnliche Ausdrücke blonde Haare, blonde Locken usw.). Man kann aber auch blondes Bier sagen, jedoch nicht blonder Kaffee, obwohl man auch bei Kaffee mit einer bestimmten Menge Milch vielleicht eine Farbe hinbekommen könnte, die bei Haaren blond genannt würde. Blond ist in seinem Anwendungsbereich auf sehr wenige Substantive eingeschränkt. Wenn man fremde Sprachen lernt, ist es wichtig, solche Kollokationen insgesamt zu lernen.

5.4 Kollokationen und idiomatische Wendungen

Kollokationen nähern sich oft idiomatischen Wendungen. Dicke Freunde sind im Normalfall nicht korpulent, eine alte Bekannte kann durchaus auch jung sein. Dabei treten auch Bedeutungsverschiebungen auf. Das Rot in der Kollokation rote Haare ist eine Art rot-braun, eine ganz andere Farbe als die in zufälligen Verbindungen wie eine rote Ampel. Man kann zwar inzwischen seine Haare auch durchaus ampelrot färben, aber das ist nicht das, woran man bei rote Haare als erstes denkt. Bei vielen Substantiven treten Kollokationen mit relativ bedeutungsarmen Verben auf, die sich auch im Deutschen und Niederländischen unterscheiden: Man faßt einen Beschluß, aber neemt een besluit, man besucht einen Kurs, aber volgt een cursus. Andere Beispiele wären etwa schnell fahren, aber hard rijden, stark regnen, aber hard regenen.

Zurück zum Anfang (Inhaltsverzeichnis) Zurück zur Startseite (Modul-Auswahl)

6. Lexikalische Grammatik

6.1 Die Grammatik einer lexikalischen Einheit

Man kann sagen, daß jede lexikalische Einheit ihre eigene Grammatik hat. Dabei ist die Wortart sehr wichtig, denn damit hängen Regeln zusammen, die etwas über die Formen sagen, in denen man das Wort gebrauchen kann, die Position, die es in einem Satz einnehmen kann, und mögliche Kombinationen mit anderen Wörtern. Die Wortklasse bestimmt, wie komplex die lexikalische Grammatik ist. Bei einem Substantiv muß man wissen, was sein Plural ist, und welches Genus es hat. Bei einem Verb muß man wissen, ob es regelmäßig oder unregelmäßig ist und welche Valenz es hat.

6.2 Das Substantiv

Wenn man Substantive richtig gebrauchen will, muß man auf ein paar Dinge achten.

6.2.1 Zählbarkeit

Die meisten Substantive sind zählbar: Sie haben sowohl eine Einzahl als auch eine Mehrzahl. Es gibt aber auch Wörter, die nur in der Einzahl existieren, z.B. Stoffbezeichnungen wie Butter, Zucker, Sand, Beton, Blut, Mehl, Wasser usw.

6.2.2 Plural

Wenn man ein Wort lernt, lernt man sinnvollerweise immer gleich auch seine Pluralform mit. Die Pluralbildung im Niederländischen ist recht einfach, es gibt die regelmäßigen Pluralformen auf -en und -s. Daneben gibt es einige wenige unregelmäßige Formen, z.B. in kind-kinderen. Diese unregelmäßigen Pluralformen muß man natürlich auswendig lernen, die regelmäßigen lassen sich, wie ihr Name schon sagt, über Regeln lernen.

6.2.3 Genus

In vielen Sprachen haben Substantive ein Genus, das bedeutet ein grammatisches Geschlecht. Das grammatische Geschlecht ist vom natürlichen Geschlecht zu unterscheiden, wenn auch meist das grammatische und das natürliche Geschlecht übereinstimmen bei Substantiven, deren Bezeichnetes ein natürliches Geschlecht hat. Ausnahmen sind z.B. das Mädchen oder die Memme. Das Genus von Substantiven kann man oft aus Suffixen am Wort erschließen. Bestimmte Suffixe sind immer demselben Genus verbunden. Im Niederländischen gibt es im Prinzip drei Genera, nämlich Maskulinum, Femininum und Neutrum. Es gibt aber nur zwei verschiedene Artikel, wobei de für das maskuline und feminine Genus gewählt wird, und het für das Neutrum. Wenn man sich mit Pronomina auf das Substantiv bezieht, muß man allerdings auch den Unterschied zwischen Maskulinum und Femininum kennen. So heißt es het bestuur en zijn besluiten (das Possessivpronomen für Neutra ist zijn), de vereniging en haar besluiten (Femininum mit haar) und de regering en zijn besluiten (Maskulinum mit zijn). Man muß zu diesem Problem allerdings sagen, daß selbst Niederländer in der Unterscheidung von Maskulinum und Femininum Probleme haben. Im Norden der Niederlande werden im Prinzip nur die de-Wörter von den het-Wörtern unterschieden. Im großen und ganzen haben die erkennbar verwandten Wörter, die im Deutschen der oder die als Artikel haben, im Niederländischen de, und verwandte Wörter, die im Deutschen das als Artikel haben, haben im Niederländischen het. Diese Regel sagt überhaupt nichts über nicht verwandte bedeutungsäquivalente Wörter, und sie ist auch leider nicht ohne Ausnahmen. So heißt es z.B. im Deutschen das Boot, im Niederländischen de boot. In kontrastiven Lernergrammatiken finden sich meist Listen der Wörter, die nicht das vom Deutschen her erwartbare Genus haben.

6.2.4 Komplemente

Ein Substantiv kann häufig ein Komplement (oder in traditioneller Terminologie Attribut) haben. Komplemente sind Gruppen von Wörtern, die in einer engen Beziehung mit ihrem Kernwort, hier dem Substantiv, stehen. Komplemente sind üblicherweise nicht nötig, aber wenn sie vorhanden sind, haben sie eine festgelegte Form. Das Substantiv legt fest, welche Form das Komplement haben kann. Einige Substantive kann man nur mit einer bestimmten Präposition kombinieren, andere mit einem bestimmten Konjunktion, wieder andere mit einem weiteren Substantiv. Die häufigsten Arten von Komplementen im Niederländischen sind:

Präpositionale Gruppe

ons abonnement op de Libelle liep vorige week af

de toegang tot de zaal werd ons geweigerd

zij hadden medelijden met het arme dier

zij lachten om mijn voorkeur voor onbespoten aardbeien

Nebensatz

haar idee (om) niet te gaan stond me wel aan (te-infinitief)

het besef dat hij het niet zou halen drukte op ons gemoed (dat-zin)

Substantivgruppe

een kaartje eerste klas;

de maand mei;

het geval Janssen;

prins Maurits;

een kudde runderen.

Die im Deutschen gebräuchlichen Genitiv-Attribute gibt es im Niederländischen nur relativ wenig, es kommt noch der "Sächsische Genitiv" vor, wie in vaders hoed. Andere, nachgestellte Genitive sind meist veraltet und kommen nur noch in erstarrten Wendungen vor.

6.2.5 Selektionsbeschränkungen

Es kann so sein, daß mit einem bestimmten Substantiv nicht nur eine bestimmte Form, sondern auch eine bestimmte Bedeutung als einzig mögliche Kombination besteht. So kann man z.B. Herde nur mit Tieren kombinieren.

6.3 Das Verb

6.3.1 Das Verb als Kern des Satzes

Beim Benutzen einer Sprache merkt man, daß das Verb das Zentrum des Satzes bildet: Ein Satz ohne Verb ist nicht komplett. Das Subjekt des Satzes stimmt in der grammatischen Person (erste, zweite, dritte Person) und im Numerus (Singular, Plural) mit dem finiten Verb überein. Das Hauptverb des Satzes legt die semantischen und syntaktischen Beziehungen im Satz fest. Der richtige Gebrauch von Verben erfordert einige Kenntnisse. Hier werden die wichtigsten davon zusammengefaßt. In Lehrveranstaltungen zur Grammatik wird spezifischer auf die Grammatik des Verbs eingegangen.

6.3.2 Formen des Verbs

Wenn man ein Verb lernt, ist es wichtig zu wissen, ob es regelmäßig oder unregelmäßig ist. In Texten kann man Formen von Verben finden, die sich vom Infinitiv stark unterscheiden, so daß man sie zunächst nicht einfach im Wörterbuch findet. Auch wenn man selbst ein unregelmäßiges Verb gebraucht, muß man wissen, welche Form man einsetzen muß in den Satz. Diese Art von Informationen finden sich in Grammatiken und Wörterbüchern. Im Deutschen und im Niederländischen gibt es regelmäßige (schwache) und unregelmäßig (starke) Verben. In vielen Fällen ist es so, daß die jeweils übersetzungsäquivalenten und verwandten Verben auch beide stark oder beide schwach sind, aber es gibt einige Ausnahmen, die man extra lernen muß. Ein großer Unterschied zwischen dem Deutschen und dem Niederländischen in den Formen ist einerseits die Bildung des Vorgangs-Passivs, das im Niederländischen mit zijn gebildet wird und das Fehlen eines kompletten Konjunktiv-Paradigmas im Niederländischen.

6.3.3 Die Valenz des Verbs

Die Verben bestimmen im starken Ausmaße, wie ein Satz aufgebaut wird. Zu einem bestimmten Verb gehören ein oder mehr feste Elemente. Das Verb legt fest, wie viele Elemente im Satz auftreten müssen, in welcher Form diese Elemente auftreten, und welchen Inhalt sie haben. Verben, die eine ähnliche Bedeutung haben, können in verschiedenen Sprachen in allen diesen Punkten voneinander abweichen. In den beiden recht verwandten Sprechen Deutsch und Niederländisch ist die Zahl der Unterschiede jedoch überschaubar.

6.3.4 Die Anzahl der Argumente

Jedes Verb, in seiner Eigenschaft als Dreh- und Angelpunkt des Satzes, hat eine Anzahl von Verbindungsmöglichkeiten mit anderen Wortgruppen. Diese Wortgruppen geben an, was die sogenannten "Argumente" des Verbs sind. Häufig sind die Argumente im Deutschen und Niederländischen gleich. Es gibt aber auch Unterschiede bei ansonsten ähnlichen Verben. Das deutsche Wort dürfen erlaubt als Argumente denjenigen, der die Erlaubnis hat, und dasjenige, das erlaubt ist. Das niederländische Äquivalent mogen erlaubt außerdem als Ergänzung denjenigen, der die Erlaubnis gegeben hat, also Dat mag van mijn vader (wörtlich: Das mag von meinem Vater, was Mein Vater hat es erlaubt bedeutet).

Im deutschen Sprachgebiet hat sich die sogenannte Valenzgrammatik, nachdem sie von Tesnière eingeführt wurde, erst richtig entwickelt. Es gibt eine unüberschaubare Menge von Einführungen, Grammatiken und Artikeln, die alle ihre Vor- und Nachteile aufweisen. Heutzutage räumt man dem Begriff Valenz in fast allen Grammatiken viel Platz ein, so in Engels "Deutscher Grammatik" und in der Dudengrammatik. Die Wertigkeit deutscher Verben unterscheidet sich nicht oft von der niederländischer Verben, wenn es auch mehr Möglichkeiten für die Form der Argumente gibt, da das Deutsche ja über zusätzliche Kasus, Genitiv und Dativ, verfügt. Eine besondere Situation jedoch bildet das Vorhandensein subjektloser Verben.

6.3.5 Art der Argumente

Verben in verschiedenen Sprachen können sich nicht nur dadurch unterscheiden, wie viele Argumente sie haben, sondern auch dadurch, welcher Art diese Argumente sind.

Im Deutschen und Niederländischen gibt es folgende Arten von Komplementen:

Nominalgruppe (np): Der Regisseur sieht einen Mann, Das kostet eine ganze Menge, Ich gratuliere dir, Er beschuldigte mich des Diebstahls.

Präpositionalgruppe (pp): Sie wartet auf ihn, auf dem Bahnsteig.

Adjektivgruppe (ap): Der Eigentümer malt sein Auto rot.

Adverbialgruppe (advp): Sie wohnt schön, irgendwo.

Verbalgruppe (vp): Sie verspricht zu kommen.

Konjunktionalgruppe (cp): Ich weib nicht, ob sie kommt.

Funktion

Im Deutschen gibt es im verbalen Bereich folgende syntaktische Funktionen: Subjekt, Akkusativobjekt, Präpositionalobjekt, Dativobjekt, Genitivobjekt, Prädikativ, Adverbial. Auch hier gibt es wieder Unterschiede zum Niederländischen, das keine Dativ- und Genitivobjekte aufweist. Zusätzliche Unterschiede ergeben sich daraus, daß es im Deutschen nun einmal mehr formal gekennzeichnete Fälle gibt: das Verb genießen verwendet man präpositionslos mit Akkusativ: Wir genießen die herrliche Aussicht. Das Verb ist im Deutschen transitiv, im Niederländischen dagegen nicht, vgl.: we genieten van het heerlijk uitzicht.

6.3.6 Selektionsbeschränkungen

Die Argumente, mit denen Verben kombiniert werden können, haben inhaltliche (semantische) Merkmale. Die meisten Verben, die eine Handlung bezeichnen, wie z.B. schlagen, küssen, fahren, brauchen eine Person als Handelnden. Verben wie sehen, festhalten brauchen außerdem als zweites Argument etwas Konkretes, wie Stuhl, Hand usw. Diese Art von inhaltlichen Merkmalen nennt man oft Selektionsbeschränkungen. Meistens ist es so, daß diese Selektionsbeschränkungen von einem Verb im Deutschen, Niederländischen, Französischen, Englischen und anderen Sprachen unseres Kulturkreises für die Übersetzungsäquivalente gleich sind. Aber das muß nicht immer so sein.

Deutsche Verben haben im allgemeinen die gleichen Selektionsbeschränkungen wie ihre niederländischen Entsprechungen. Gelegentlich finden sich subtile Unterschiede.

6.3.7 Transitivität und Passiv

Grob gesagt läßt sich nur mit transitiven Tätigkeitsverben, d.h. mit Verben, die ausdrücken, daß ein Agens (=Handelnder) in aktiver Weise eine Handlung ausführt, ein Passiv bilden. Passivfähig sind also Verben wie arbeiten, essen, öffnen, schlagen. Nicht passivfähig sind Vorgangsverben mit einem Thema (=Betroffenen) als Subjekt, wie z.B. erfrieren, hören, einschlafen, fallen oder sterben und Zustandsverben mit einem Thema als Subjekt wie z.B. sich befinden, liegen, umgeben oder wohnen. Es gibt hier deutsch-niederländische Unterschiede, die zum Teil mit der Verbbedeutung zusammenhängen. Die Probleme liegen aber so, daß man von der niederländischen Sicht aus Unterschiede lernen muß, im Deutschen werden Akkusativobjekte zum Subjekt im entsprechenden Passivsatz: er wurde von uns unterstützt (hij werd door ons ondersteund) vs. ihm wurde von uns geholfen (hij werd door ons geholpen). Im Niederländischen sind die direkten Objekte passivfähig. Passivische Bedeutung/Perspektiven können auch anders ausgedrückt werden: bekommen/erhalten/kriegen + 2. Partizip ("Adressatenpassiv"). Diese Konstruktion ist im Deutschen nur möglich bei Verben, die einen Dativ der Person und einen Akkusativ der Sache fordern, z.B. Er bekommt das Buch geschenkt (= Ihm wird das Buch geschenkt), d.h. das Dativobjekt des Aktivsatzes wird zum Subjekt des Passivsatzes. Weil es immer im weitesten Sinn um den Empfänger einer Leistung geht, wird dieses Passiv "Rezipientenpassiv" genannt. Im Niederländischen ist die Konstruktion krijgen + 2. Partizip als Rezipientenpassiv möglich: U krijgt de tekst dan door ons toegestuurd, das indirekte Objekt des entsprechenden Aktivsatzes wird dabei Subjekt des Passivsatzes.

6.3.8 Kausativa

Kausative Verben leiten sich von intransitiven unregelmäbigen Agensverben ab. Das ursprüngliche Agens wird zum Thema, und es kommt ein neues Agens hinzu: Das Pferd trinkt. Die regelmäbige kausative Entsprechung lautet: sie tränkten die Pferde. Es gibt eine ganze Reihe dieser Verbpaare, sie unterscheiden sich äuberlich manchmal durch einen anderen Stammvokal: biegen-beugen, sitzen-setzen, liegen-legen, erschrecken-erschrecken, schwimmen-schwemmen. Im Niederländischen ist das Muster auch vorhanden, z.B. liggen-leggen, aber öfter als im Deutschen wird der Kausativ lexikalisch (= mit einem Extra-Wort) gebildet, also z.B. drinken-maken.

6.3.9 Reflexive und reziproke Verben

Echte reflexive Verben sind Verben, die obligatorisch mit einem Reflexivpronomen vorkommen. Das Reflexivpronomen kann nicht weggelassen oder ersetzt werden, z.B. sich schämen: er schämt sich. Nicht möglich dagegen ist *er schämt oder er schämt den Freund. In welchem Kasus das Reflexivpronomen steht, ist wie üblich vom Verb abhängig. Echte reflexive Verben mit dem Reflexivpronomen im Akkusativ finden sich in folgenden Beispielen: Ich kenne mich hier gut aus; Ich werde mich beeilen? Hast du dich verirrt? Mit dem Reflexivpronomen im Dativ: Du mabt dir ein Urteil an. Mit einem Präpositionalfall: Sie hält viel auf sich. Bei unechten reflexiven Verben kann das Reflexivpronomen weggelassen oder ersetzt werden, wie in sich waschen: sie waschen sich, möglich ist auch er wäscht und er wäscht das Kind. Wenn solche Verben mit einem Subjekt in der Mehrzahl verwendet werden, werden sie als reziprok (sich gegenseitig) bezeichnet. Reflexive Wendungen können als Konkurrenzformen des Vorgangspassivs auftreten: Das Buch wird sich schon finden (wird schon gefunden werden). Mit modaler Bedeutung (und Adverbial): Dieses Material wäscht sich gut (kann gut gewaschen werden). Im Niederländischen wird der Beginn eines Vorgangs oft mit dem Hilfsverb gaan zum Ausdruck gebracht (de storm is gaan liggen), im Gegensatz zum Deutschen, wo man dann meistens eine reflexive Konstruktion verwendet: Der Sturm hat sich gelegt. Reflexiven Verben im Deutschen entsprechen oft nicht-reflexive Verben im Niederländischen:

sich (ver)ändern: Hast du dich aber verändert!

sich bedanken: Vergiß bloß nicht, dich bei deiner Cousine für die Blumen zu bedanken!

sich weigern: Er weigerte sich immer noch, die Geldstrafe zu bezahlen.

sich verschlechtern: Die Stimmung beim Familientreffen verschlechterte sich rapide.

Im Gegensatz zum Deutschen gibt es im Niederländischen ein spezielles Reziprokpronomen elkaar: Jan en Annet houden van elkaar. Im Deutschen wäre der entsprechende Satz doppeldeutig: Jan und Annette lieben sich kann sowohl reflexiv sein, Jan liebt sich, und Annette liebt sich auch, als auch reziprok Jan und Annette lieben einander.

6.4 Das Adjektiv

6.4.1 Das Lernen von Adjektiven

Eine gute Kenntnis von Adjektiven ist sehr wichtig für das Verstehen und Produzieren von sowohl beschreibenden als auch argumentativen Texten. Genau wie Verben haben Adjektive auch ihre eigene Grammatik, man muß also nicht nur das Adjektiv lernen, sondern auch seinen Gebrauch. Die wichtigsten Aspekte hiervon werden im folgenden behandelt.

6.4.2 Qualifizierende und relationale Adjektive

Adjektive können qualifizierend oder relational sein. Relationale Adjektive im hier gemeinten Sinn sind bestimmte Adjektive, die von Substantiven abgeleitet sind, im Niederländischen, z.B. de Friese meren (= die Seen in Friesland), een ministeriële ontmoeting (= ein Treffen von Ministern). Die niederländischen relationalen Adjektive können im Gegensatz zu den qualifizierenden Adjektiven kaum prädikativ gebraucht werden: *de meren zijn Fries, *de ontmoeting is ministerieel. Relationale Adjektive können auch nicht gesteigert werden. Qualifizierende Adjektive sind der Normalfall, sie drücken eigenschaften aus (goed, heet, geel), sind steigerbar (beter) und auch prädikativ verwendbar (de soep is heet).

6.4.3 Attributiver und prädikativer Gebrauch

Adjektive werden attributiv, prädikativ oder adverbial verwendet. Ausschließlich in ihrem attributiven Gebrauch werden sie gebeugt, und zwar auch dann nur, wenn sie vor dem Substantiv stehen: die rote Rose, das Röslein rot. In poetischer Sprache und in einigen Ausdrücken (auf gut Glück) fehlen sogar hier manchmal die Endungen. Adjektive lassen sich syntaktisch verwenden als Attribut zum Substantiv (der neue Mantel, Sport total), Attribut zum Adjektiv oder Adverb (sie läuft irrsinnig schnell, er sitzt ganz hinten) und als eigenständiges Satzglied, d.h. als Prädikativ oder Adverbial (das Gras ist grün, er benimmt sich komisch).

Stellungsbeschränkungen

Nicht alle Adjektive können in allen Positionen vorkommen. Bei den folgenden lexikalischen Einheiten handelt es sich um Beispiele ausschlieblich prädikativ verwendeter Adjektive, vor allem in Verbindung mit sein und werden und machen, die zum Grobteil auch nicht flektierbar sind: meschugge, plemplem, quitt, futsch, (jemandem) gram, (jemandem) untertan, zugetan, er wird dieser Sache gewahr, (ich bin dazu nicht) gewillt, (sie machte ihm seine Kunden) abspenstig, (ich machte den Ort) ausfindig, (ich bin es) leid. Ursprüngliche Substantive sind: (mir ist) angst, fehl (am Ort), schade, barfuß, pleite, wett, schnuppe. Adjektive, die nur attributiv und prädikativ, nicht aber adverbial gebraucht werden, sind in dieser Hinsicht nicht problematisch: ein sonniger Morgen, der Morgen war sonnig, *das hat er sonnig gemacht. Das gilt auch für Adjektive, die attributiv und adverbial, nicht aber prädikativ verwendet werden: Er berichtet täglich, sein täglicher Bericht. Auch niederländische Adjektive können prädikativ und attributiv gebraucht werden, und auch im Niederländischen gibt es einige Adjektive, die nur attributiv gebraucht werden können (gouden in de gouden ring), ein ausschließlich prädikativ gebrauchtes Adjektiv wäre waard in dat is het geld niet waard.

6.4.4 Valenz

Qualifizierende Adjektive können genau wie Verben in Wortgruppen und Sätzen mit ganz bestimmten Argumenten kombiniert werden, und diese Argumente haben eine bestimmte Form, die vom Adjektiv festgelegt wird. So wird z.B. verliebt kombiniert mit einer Präpositionalgruppe, die durch die Präposition in eingeleitet wird. Die Anwesenheit dieses Arguments ist nicht obligatorisch (man kann auch sagen Sie ist sehr verliebt), aber es ist implizit immer dabei. Wenn man Adjektive gebraucht, kann man nicht davon ausgehen, daß sie in einer anderen Sprache dieselben Komplemente haben. z.B. wäre es im Niederländischen eine andere Präposition: verliefd op. Die häufigsten Argumente von Adjektiven im Niederländischen sind: Substantivgruppen (dat is het geld niet waard), Präpositionalgruppen (ze is verzot op drop) und mit Konjunktionen eingeleitete Wortgruppen (hij is aardiger dan zijn broer).

6.4.5 Selektionsbeschränkungen

Auch Adjektive legen fest, welche Substantive mit ihnen kombiniert werden können.

6.4.6 Steigerungsformen

Die Möglichkeit der Steigerung gilt als charakteristischste Merkmal der Wortart Adjektiv. Trotzdem lassen sich nicht alle Adjektive steigern. Steigerbar sind vor allem qualifizierende Adjektive wie etwa froh oder häßlich. Es gibt mehrere Arten der Steigerung, nämlich die Steigerung durch Wortbildung, wie in fuchsteufelswild, speiübel, schwerverletzt, und die Steigerung durch zusätzliche lexikalische Einheiten, wie in besonders (aufmerksam), überaus (positiv). Daneben gibt es die Steigerung durch Flexion, die sog. Komparation, schön, schöner, am schönsten. Auch im Niederländischen gibt es die Möglichkeit der Komparation. Man weicht jedoch häufiger als im Deutschen auf Steigerung durch lexikalische Einheiten aus. Neben aardig - aardiger - aardigst bestehen Formen mit meer und meest, also meer aardig und meest aardig können ebenso als Steigerungsformen verwendet werden.

6.5 Die Partikeln

"Partikel" wird hier als ein Oberbegriff über nicht flektierte Wortarten gebraucht, die keinen Kasus zuweisen. Im Niederländischen werden diese Wortarten "bijwoord" genannt. Unter diese Gruppe fallen zunächst einmal die Adverbien. Wie im Deutschen gibt es im Niederländischen keine Formunterschiede zwischen nicht flektierten Adjektiven und Adverbien.

6.5.1 Adverbien und Partikeln

Neuere deutsche Grammatiken unterscheiden zwischen Adverbien und Partikeln. Wie üblich in der Sprachwissenschaft ist die benutzte Terminologie kunterbunt und manchmal auch inkonsequent. Für die eine Grammatik ist "Partikel" ein übergeordneter Terminus, womit nicht flektierbare Wörter bezeichnet werden wie etwa Präposition, Adverb und Konjunktion, für die andere handelt es sich um eine weitere nicht flektierbare Wortart neben "Adverb", "Konjunktion" und "Präposition". Der Unterschied zwischen Adverb und Partikel im engeren Sinn besteht hier vor allem darin, daß Adverbien selbstständig als Satzglied auftreten können und Partikeln nicht. Die syntaktische Funktion von Partikeln ist oft unklar. Leider sind aber nicht alle Adverbien satzgliedfähig. Dies zeigt sich etwa an sehr, das nur als Attribut vorkommt, also als Teil eines Satzgliedes. Im Normalfall ist aber doch ein deutlicher Unterschied zwischen Partikeln und Adverbien durch den Satzglied-Test zu machen, vgl. Heute hat Egon sich gefreut, *Sogar hat Egon sich gefreut.

6.5.2 Funktion und Bedeutung von Adverbien

Adverbien können Sätze, Verben oder Wörter und Wortgruppen näher bestimmen. Im Deutschen und im Niederländischen gibt es dieselben Gruppen von Adverbien.

Lokaladverbien: hier, da, links - hier, daar, links,

Temporaladverbien: jetzt, gestern, nie - nu, gisteren, nooit,

Modaladverbien: gern, teilweise, hiermit - graag, gedeeltelijk, hiermede.

6.5.3 Funktion und Bedeutung von Partikeln

Gradpartikeln bezeichnen vor allem den Grad einer Eigenschaft. Sie werden also oft mit Adjektiven kombiniert: Der Wettkampf verlief sehr/äuberst spannend, Sie hat sich einigermaben gefangen. Dementsprechend im Niederländischen: Het is een erg lastige kwestie.

Fokuspartikeln lenken die Aufmerksamkeit des Hörers/Lesers auf einen bestimmten Teil eines Satzes. Sie heben ein Satzglied hervor und setzen Alternativen zu ihrem Bezugswort voraus: Besonders die Großmutter hat sich gefreut, So etwas kann blob dir passieren. Sogar der Fahrer war betrunken. Beispiele im Niederländischen sind: zelfs Jan kan zwemmen, Juist toen ik thuis kwam ontmoet ik mijn moeder.

Abtönungspartikeln finden sich vor allem in dialogischen Zusammenhängen. Der Sprecher drückt mit ihnen eine Annahme o.ä. aus, oft in der Absicht, daß sie der Hörer teilt: Wie konnte denn das passieren? Das ist ja furchtbar. Die gebräuchlichsten sind im Deutschen: aber, auch, bloß, denn, doch, eben, eigentlich, etwa, halt, ja, mal, nur, schon, vielleicht, wohl. Im Niederländischen gehören dazu: toch, dan, maar, nou, eens, even.

Häufig werden Modalpartikeln kombiniert: Was hast du denn auch schon geleistet?/Wat heb jij nou helemaal gedaan? Gesprächspartikeln bestehen aus Rückmeldungssignalen und Gliederungssignalen. Mit Rückmeldungssignalen bestätigt der Hörer, daß er den Sprecher verstanden hat (ja, hm, genau/precies, gut/mooi zo/van wel..., richtig/juist). Er zeigt damit auch seine Aufmerksamkeit.

Mit Gliederungssignalen kann der Sprecher die einzelnen Gesprächsschritte einteilen oder abschließen, er kann zum Ausdruck bringen, daß er in der Sprecherrolle bleiben möchte oder aber dem Hörer die Sprecherrolle zuweist: also, nun, so, ja?, oder?, nicht?, ne? (süddt:) gell?, bzw. im Niederländischen das vielgebrauchte hoor!

6.5.4 Steigerungsformen

Wie im Deutschen haben niederländische Adverbien üblicherweise keine Steigerungsformen. Es gibt einige wenige Ausnahmen zum Beispiel min - minder - het minst.

6.6 Die Präposition

6.6.1 Definition und Beispiele

Die Funktion von Präpositionen ist, eine Relation zwischen verschiedenen Konstituenten herzustellen. Im Niederländischen gibt es nicht nur die einfachen Präpositionen wie im Deutschen (denken an Holland, denken aan Holland), sondern auch Verbindungen von zwei Präpositionen und üblicherweise einem Substantiv, die im Niederländischen voorzetseluitdrukkingen genannt werden, z.B. in ruil voor, ter gelegenheid van.

6.6.2 Präpositionen lernen

Der Gebrauch von Präpositionen ist sprachspezifisch. Auch im Deutschen und im Niederländischen ist es nicht immer so, daß die übersetzungsäquivalente Präposition verwendet werden kann. So sehen wir z.B. im Deutschen etwas im Fernsehen, aber im Niederländischen op de televisie.

6.6.3 Adpositionen

Neben Präpositionen gibt es auch Postpositionen und Zirkumpositionen. Der Überbegriff für diese drei Wörter ist "Adposition". Präpositionen stehen vor ihrem Komplement, Postpositionen danach und Zirkumpositionen umringen ihr Komplement. Im Niederländischen gibt es außer Präpositionen auch recht häufig Postpositionen (hij komt het bos uit) und Zirkumpositionen (onder de brug door, om het huis heen).

6.6.4 Adpositionen und andere Ausdrücke in derselben Funktion

Adpositionen erfüllen grammatische und/oder semantische Funktionen. Grammatische Funktionen, die in einer bestimmten Sprache durch Adpositionen erfüllt werden, können in einer anderen Sprache auf eine andere Weise erfüllt werden, z.B. durch die Wortstellung oder durch die grammatischen Fälle. Oft gibt es mehrere Arten, eine bestimmte grammatische Funktion auszufüllen. Im Niederländischen z.B. kann die Besitzrelation auf drei Weisen ausgedrückt werden: Durch den Genitiv im sog. sächsischen Genitiv Jans auto, durch eine Präposition de auto van Jan oder durch ein Possessivpronomen, kombiniert mit einer bestimmten Wortstellung Jan z'n auto. Im Niederländischen sind alle diese drei Varianten stilistisch akzeptiert, während im Deutschen die zweite bereits als weniger guter Stil gilt und die dritte normalerweise abgelehnt wird, wenn sie auch in vielen Regionen vorkommt (Jan sein Auto).

Adpositionen können in ihrer wirklichen lexikalischen Bedeutung gebraucht werden, wie in er wartet auf dem Markt, aber auch in einer rein grammatischen Bedeutung, wie in er wartet auf die Straßenbahn.

6.6.5 Kombinatorik

Präpositionen verbinden Verben mit Substantiven (ans Meer fahren), Substantive mit Substantiven (das Auto auf der Straße), Adjektive mit Substantiven (stolz auf die Leistung), Verben mit Adjektiven (für richtig halten) und Verben mit Adverbien (nach unten schauen).

6.6.6 Komplemente

Im Deutschen können Präpositionen Komplemente im Akkusativ, Dativ und Genitiv haben. Im Niederländischen mit seiner geringen Kasusmarkierung braucht man sich darüber weniger Gedanken zu machen, es handelt sich aber auf jeden Fall um die nicht nominativischen Kasus.

6.6.7 Infinitive

Im Niederländischen lassen sich te-Infinitive mit einer Reihe von Präpositionen kombinieren (door te, na te usw.). Dies ist für Deutsche ungewöhnlich, weil sich die Deutschen zu-Inifinitive nur mit um, (an) statt, ohne und außer kombinieren lassen.

Zurück zum Anfang (Inhaltsverzeichnis) Zurück zur Startseite (Modul-Auswahl)

7. Gebrauchsbedingungen

7.1 Der Gebrauch einer lexikalischen Einheit

7.1.1 Der richtige Gebrauch einer lexikalischen Einheit

Nicht jede lexikalische Einheit kann in jedem Kontext gebraucht werden. Eine lexikalische Einheit hat oft spezifische Gebrauchsbedingungen. Sprachgemeinschaften sind nicht homogen. Es gibt Varietäten mit Bezug auf den Stil, die Sprechergruppe (Soziolekt) und die Region (Dialekt). Bestimmte lexikalische Einheiten werden nur in einem bestimmten Gebiet gebraucht. Das ist im Niederländischen nicht anders als im Deutschen. So wird z.B. das Wort okkasiewagen für "Gebrauchtwagen" nur in Flandern gebraucht, im Rest des niederländischen Sprachgebiets heißt es tweedehands auto. Lexikalische Einheiten können auch nur zu einem bestimmten Stilniveau passen. Ein im Gespräch unter Jugendlichen aufgeschnapptes Wort könnte z.B. in einer Hausarbeit für das Studium unangemessen sein.

7.1.2 Der Nutzen von Kenntnissen über Gebrauchsbedingungen

Es ist wichtig, sich beim Lernen eines Wortes darüber klar zu sein, ob es vielleicht besonders markiert ist. Wenn man Mißverständnisse vermeiden will, sollte man wissen, welche Wörter als vulgär und welche als formell angesehen werden, ob sie z.B. nur in bestimmten geographischen Regionen vorkommen, ob sie zur Jugendsprache gehören, oder gerade zur Sprache der älteren Generation usw.

7.2 Geographische Aspekte

7.2.1 Regionale Unterschiede im Gebrauch der Sprache innerhalb einer Sprachgemeinschaft

Im Sprachgebrauch innerhalb einer Sprachgemeinschaft lassen sich manchmal deutliche geographische Unterschiede feststellen. Unterschiede können bestehen in der Aussprache, der Schreibung in der Häufigkeit des Gebrauchs, aber auch in der Bedeutung und in den Konnotationen von einem Wort. Auch die Kombinatorik kann innerhalb eines Sprachgebiets verschieden sein, und natürlich gibt es verschiedene idiomatische Wendungen in den einzelnen Gebieten der Sprachgemeinschaft. Der auffallendste Unterschied in der Aussprache zwischen dem flämischen Sprachgebiet und dem Norden der Niederlande ist sicher die Aussprache des "g". Auch verschiedene Wörter des Flämischen werden in den Niederlanden nicht verstanden, trotz aller Bemühungen, die niederländische Sprache zu normieren.

7.2.2 Verschiedene Wörter für dasselbe Phänomen

Es kann vorkommen, daß Wörter, die in einem bestimmten Bereich des Sprachgebiets gebraucht werden, Dinge bezeichnen, die nur in diesem spezifischen Bereich des Sprachgebiets existieren. Dies ist bei den Niederlanden und Belgien sicher nicht der Fall, mit Ausnahme von Wörtern für Institutionen. Es kommt aber vor, daß für dasselbe in den Niederlanden ein anderes Wort gebraucht wird als in Flandern, so z.B. wird eine Wäscheschleuder in den Niederlanden centrifuge genannt, in Flandern droogzwierder.

7.2.3 Dieselbe lexikalische Einheit für verschiedene Phänomene

Ein Beispiel für ein solches Phänomen ist first floor im britischen und amerikanischen Englisch, im Amerikanischen ist damit das Erdgeschoß gemeint, im britischen Englisch der erste Stock.

7.2.4 Wie entstehen geographische Varietäten innerhalb einer Sprache?

Die Standardsprache von einem Land oder Gebiet hat sich normalerweise aus landschaftlichen Varietäten entwickelt. Aus bestimmten Gründen hat sich im Laufe der Geschichte einmal eine bestimmte Varietät durchgesetzt und zur Standardsprache entwickelt. Die Normierung der Sprache und der Unterricht in der normierten Sprache führen zu einem Rückgang der Dialekte. Trotzdem geben die Sprecher aus den einzelnen Regionen ihre regionale Varietät meist nicht ganz auf, weil sie als ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit gesehen wird. Auch eine Sprechergruppe kann sich über den Gebrauch der regionalen Varietäten als eigene Gruppe definieren und von anderen Gruppen absetzen.

7.3 Sprachniveaus

7.3.1 Vier Sprachniveaus

Der Wortschatz einer Sprache kann in vier verschiedene Sprachniveaus eingeteilt werden. Gebräuchlich ist die folgende Unterteilung:

1. Der neutrale unmarkierte Wortschatz, z.B. Auto. Die Wörter aus diesem Wortschatz können in jedem sozialen Kontext gebraucht werden, ohne daß man im negativen oder positiven Sinn von der Norm abweicht.

2. Das formelle Sprachniveau, in unserem Beispiel Wagen.

3. Das informelle Sprachniveau, hierzu könnte bei Autos z.B. Kiste gehören.

4. Darunter besteht noch ein vulgäres Sprachniveau, für dieses Sprachniveau ist mir keine Bezeichnung für Auto bekannt. Wörterbücher markieren häufig das Sprachniveau. Im großen Van Dale Deutsch-Niederländisch verzeichnet ein aufwärts- bzw. abwärtsgerichteter Pfeil, daß das niederländische Äquivalent auf einer etwas höheren oder niedrigeren Sprachebene angesiedelt ist.

7.3.2 Die Wichtigkeit von Kenntnis über Sprachniveaus

Wenn man ein Wort lernt, ist es sehr wichtig zu wissen, auf welchem Sprachniveau dieses Wort angesiedelt ist. In einer Fremdsprache macht man damit normalerweise viele Fehler. Unglücklicherweise ist es so, daß der Gebrauch von vulgären Wörtern in relativ formellen Situationen bei jemanden, der schon recht gut die Sprache beherrscht, weniger als ein Sprachfehler, sondern eher als ein Zeichen von schlechter Kinderstube angesehen wird. Insofern sollten Sie ganz besonders darauf achten, die allzu saloppen und vulgären Wörter zu vermeiden, wenn sie von der Situation her nicht angemessen sind.

7.4 Soziale Aspekte

7.4.1 Soziale Aspekte des Sprachgebrauchs

Der Sprachgebrauch wird beeinflußt durch soziale Faktoren wie Status des Sprechers, auch Ausbildungsniveau, Beruf, Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Religion und politische Überzeugung, um nur einige zu nennen. Der Sprachgebrauch verrät also, zu welcher sozialen Gruppe man gehört, teils unbewußt, teils wird er auch von Sprechern bewußt so eingesetzt, daß man sie als Angehöriger einer bestimmten Gruppe erkennt. Ein Beispiel wäre der Gebrauch des Wortes "Studierende" für "Studenten und Studentinnen", womit man seine politische Korrektheit demonstriert. Gruppen können eigenen Wortschatz entwickeln, mit denen sie sich von anderen Gruppen absetzen, das ist z.B. bei der sogenannten Jugendsprache der Fall, ebenso gibt es Gruppensprachen von Feministinnen, Motorradfahrern u.v.a. Unterschiede zur Standardsprache gibt es bei den meisten deutschen und niederländischen Varietäten nur im Bereich des Wortschatzes, nicht in der Grammatik.

7.4.2 Beispiele

Im Niederländischen gibt es wie im Deutschen Gruppensprachen. So nennen z.B. Studierende es doorroeien, wenn sie eine Nacht durchlernen, oder Fußballspieler nennen ihre Schuhe slof.

7.4.3 Sozialmarkierte lexikalische Einheiten

Es gibt Wörter, die in einer bestimmten Bedeutung nur durch bestimmte Gruppen von Sprachbenutzern gebraucht; sie sind im Wörterbuch dann auch als Fach- oder Gruppensprachen markiert. Wenn man eine fremde Sprache benutzt, ist es wichtig, vorsichtig zu sein mit solchen Wörtern. Wenn man sie in der falschen Situation gebraucht, kann man in Schwierigkeiten kommen. In diesem Bereich lassen gleich mehrere Aspekte unterscheiden. Es ist wichtig, sich klarzumachen, daß dies hier ein Bereich ist, worin es viele und schnelle Änderungen gibt. Das gilt nicht so sehr für die Sprache traditioneller Berufe oder Beschäftigungen wie etwa der Jäger- oder Seemannssprache, wohl aber für die Sprache altersbedingter Gruppen wie etwa Jugend- oder Schülersprache. Es kann sich dabei durchaus um Wortformen aus dem standardsprachlichen Wortschatz handeln, sie weisen dann aber eine weitere Bedeutung auf. So finden sich in der Jägersprache Löffel für 'Hasenohren' und Blume für 'Hasenschwanz' neben einer spezifischen Grubformel wie Waidmannsheil. Weitere Fachsprachen sind etwa die Seemannssprache, die Soldatensprache oder die Winzersprache. Die Grenze zu den Fachtermini ist hier fließend. Ein weiterer wichtiger Bereich ist der des Sports. Hier dringen manchmal auch Wörter in die Standardsprachen: abseits ('buitenspel') findet sich - wie im Niederländischen - auch in übertragener Bedeutung. Altersbedingte Sondersprachen sind die Jugendsprache (ätzend, tote Hose), die Schülersprache (pauken, die Penne) oder die Studentensprache (die Studis).

7.5 Fachspezifische Aspekte

7.5.1 Lexikoneinträge in einem bestimmten Fachgebiet

Es gibt Lexikoneinträge, die in einer bestimmten Bedeutung zu einem bestimmten Fachgebiet gehören. Man nennt sie Fachtermini. Viele Fachtermini sind lexikalische Einheiten, die zum allgemeinen Wortschatz der Sprache gehören, aber in ihrem Fachgebiet eine ganz genaue Bedeutung bekommen. So ist z.B. in der Physik "Leistung" definiert als "Arbeit geteilt durch Zeit". In der allgemeinen Bedeutung ist aber Leistung unabhängig von der investierten Zeit.

7.5.2 Fachtermini in Wörterbüchern

Es gibt spezielle Fachwörterbücher, in denen Fachtermini des jeweiligen Fachs aufgenommen sind. Große zweisprachige Wörterbücher enthalten üblicherweise auch einige Fachtermini, aber keineswegs alle. Sie müssen eine Auswahl treffen und geben normalerweise deshalb auch nur die gebräuchslichsten Fachtermini an. In einer bestimmten Fachterminilogie kann ein allgemeinsprachlich vorkommendes Wort etwas ganz anderes heißen, damit müssen Sie rechnen, wenn Sie Fachtexte lesen.

7.5.3 Das Entstehen von Fachtermini

Fachtermini entstehen nicht immer spontan, sondern sie werden manchmal entwickelt, z.B. mithilfe von einer griechischen oder lateinischen Wurzel oder aufgrund des Wortschatzes einer modernen Sprache. Fachtermini werden oft durch Angehörige des entsprechenden Fachs definiert und festgelegt. Fachtermini werden manchmal von speziellen Gesellschaften entwickelt, z.B. vom Deutschen Institut für Normung (DIN).

7.5.4 Unterschiede zwischen Wörtern und Fachtermini

Es gibt einerseits lexikalische Einheiten, die zum allgemeinen Sprachgebrauch gehören - hier Wörter genannt -, und andererseits Fachtermini, die zu einem bestimmten Fachgebiet gehören. Die Grenze zwischen den beiden kann man nicht immer genau feststellen, und einzelne lexikalische Einheiten haben sowohl einen allgemeinen als auch einen fachspezifischen Gebrauch. Es gibt aber eine Anzahl von Unterschieden zwischen normalen Wörtern und Fachtermini: Fachtermini sind normalerweise monosem (gemacht) in ihrem Fachgebiet, während normale Wörter häufig polysem sind, also verschiedene Bedeutungen haben. Im allgemeinen Wortschatz einer Sprache sind die Substantive die größte Wortgruppe, dannach folgen Adjektive, Verben, Adverbien, Konjunktionen, Präpositionen, Pronomina und Partikeln - in dieser Reihenfolge. Bei Fachtermini ist die Aufteilung des Wortschatzes vollkommen anders. Die Anzahl der Substantive ist noch höher als in der Allgemeinsprache, dafür ist die Anzahl der gesamten Funktionswörter bei Null. Fachtermini haben fast nie eine Konnotation, sie bezeichnen einfach den definierten Gegenstand. Die Entwicklungsgeschwindigkeit des Wortschatzes in einzelnen Fachgebieten ist oft sehr viel höher als in der Allgemeinsprache, es kommen täglich neue Fachtermini dazu.

7.5.5 Jargon

Unter "Jargon" versteht man ein Fachterminus, der nur in der gesprochenen Sprache vorkommt.

7.6 Chronologische Aspekte

7.6.1 Neologismen

Jeder Sprachbenutzer kann, wenn er will, neue Wörter fabrizieren, und auf diese Weise wird dem Wortschatz einer Sprache immer neues Material zugefügt. Diese Wörter müssen aber nicht allgemein akzeptiert werden und müssen sich nicht durchsetzen. Es gibt ein Menge von Eintagsfliegen, Wörter die nach kurzer Zeit wieder aufgegeben werden oder durch andere ersetzt werden.

7.6.2 Konzeptionelle Neologismen

Für neue Erscheinungen brauchen wir neue Wörter. Diese Art von neuen Wörtern nennt man "konzeptionelle Neologismen". Es geht meistens um neue Erscheinungen auf dem Gebiet der Technik oder in der Gesellschaft, z.B. Fax oder Leihmutter. Häufig werden diese Wörter aus einer fremden Sprache übernommen, im technischen Bereich ist es meist das Englische. Sie werden aber dann im Deutschen und im Niederländischen nach den Regeln der dortigen Flexion behandelt, also z.B. faxen ist sowohl im Deutschen als auch im Niederländischen als ein regelmäßiges Verb in die Sprache aufgenommen worden.

7.6.3 Stilistische Neologismen

Es gibt nicht nur für neue Phänomene, sondern auch für bestehende Phänomene neue Wörter, die man "stilistische Neologismen" nennt. Sie haben dann oft andere Bedeutungsnuancen oder andere Konnotationen als das ursprüngliche Wort. Ein Beispiel wäre Alkoholkranker, womit die abwertenden Konnotationen von Alkoholiker vermieden werden sollten.

7.6.4 Neologismen und Wörterbücher

Wörterbücher sind meistens sehr vorsichtig mit dem Aufnehmen von Neologismen, weil man nicht weiß, ob sich diese Wörter wirklich durchsetzen werden. Wenn Sie vermuten, daß ein Wort sehr neu ist, können Sie ein spezielles Neologismen-Wörterbuch benutzen.

7.6.5 Veralterter Sprachgebrauch

Während neue Wörter relativ schnell im allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen werden, dauert es oft sehr lange, bis ein Wort endgültig aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwunden ist. Es ist nicht einfach festzustellen, ob ein Wort tatsächlich von niemandem mehr gebraucht wird. Das ist ein Grund, warum Wörterbücher veraltete Wörter nicht allzu schnell aufgeben. Es kommt dazu, daß Leser auch ältere Texte mithilfe des Wörterbuchs lesen. Aber selbst in modernen literarischen Texten kann man veraltete Wörter finden. Die Schreiber benutzen sie nämlich, um einen rhetorischen Effekt zu erreichen, insbesondere um ihre Aussage als ironisch zu markieren. Veralteter Sprachgebrauch ist im Lexikon üblicherweise markiert mit einer entsprechenden Abkürzung, die Van Dale-Wörterbücher benutzen die Abkürzung "vero." (verouderd).

Zurück zum Anfang (Inhaltsverzeichnis) Zurück zur Startseite (Modul-Auswahl)

8. Etymologie

8.1 Die Etymologie von "Etymologie"

Das Wort Etymologie kommt aus dem Griechischen. Heute bezeichnet es die Lehre von der Herkunft und Geschichte von Wörtern. In der Antike entsprach die Suche nach der ursprünglichen semantischen Motiviertheit eines Wortes der Suche nach dem Wesen und Ursprung des durch das Wort bezeichneten Dinges, welche man in der ursprünglichen Bedeutung der Wörter zu finden glaubte. Die historisch vergleichende Wissenschaft des 18. und 19. Jh. benutzte die Erforschung etymologischer Zusammenhänge zur Rekonstruktion einer gemeinsamen indo-europäischen Grundsprache und als Beleg für einzelsprachliche Verwandtschaftsbeziehungen.

8.2 Der Sinn von Etymologiekenntnissen

Die Kenntnis der Etymologie kann eine Hilfe sein beim Begreifen von Wörtern und Redewendungen. So erklärt z.B. die Herkunft des Wortes das Mannequin, wieso dieses Wort ein Neutrum ist. Ursprünglich war es ein flämisches Wort mannekijn und bedeutete "kleiner Mann, kleine Puppe". Es wurde ins Französische übernommen als mannequin und bekam die heutige Bedeutung von "Frau, die Kleidung vorführt". Als ursprüngliche Verkleinerungsform blieb das Genus im Deutschen wie bei allen Verkleinerungsformen Neutrum.

8.3 Volksetymologie

Unter Volksetymologie versteht man eine Erklärung einer Sprachgemeinschaft, die fremde oder nicht verständliche Wörter auf ihnen bekannte zurückführen will, ohne den historischen Prozeß zu kennen. Z.B. ist das französische Wort choucroute, ein assimiliertes Lehnwort zu deutsch Sauerkraut in der französischen Volksetymologie als Zusammensetzung von chou (Kohl) und croûpe (Kruste) bedeutet.

8.4 Falsche Freunde

Die Etymologie gibt uns eine bessere Einsicht in den Aufbau des Wortschatzes einer Sprache, aber sie kann uns auch auf falsche Fährten leiten. Im Deutschen und Niederländischen gibt es sehr viele Wörter mit einem gemeinsamen Ursprung, die sich aber im Laufe der Sprachentwicklung in ihrer Bedeutung weit voneinander entfernt haben. Weil dieses Phänomen so enorm verbreitet ist bei diesen beiden sehr verwandten Sprachen, gibt es dafür spezielle Lehrmaterialien, auf die wir an dieser Stelle verweisen wollen, weil das Thema zu umfangreich ist, um hier darauf einzugehen.

Zurück zum Anfang (Inhaltsverzeichnis) Zurück zur Startseite (Modul-Auswahl)

9. Frequenz

9.1 Die Frequenz von lexikalischen Einheiten

Jede lexikalische Einheit hat eine bestimmte Vorkommenshäufigkeit (Frequenz). Beim Erlernen einer lexikalischen Einheit ist dies ein nicht unwichtiger Aspekt.

9.2 Das Feststellen der Frequenz

Für viele Sprachen sind auf der Grundlage bestimmter Textkorpora Frequenzlisten erstellt worden. Es läßt sich so feststellen, welche die frequenten und weniger frequenten lexikalischen Einheiten einer Sprache sind. Es ist aber nicht einfach, festzustellen, welche die 5000 frequentesten Wörter des Deutschen sind. Im Grunde gelten solche Feststellungen nur für das Korpus, das zur Erhebung benutzt wurde, es sei denn, es handelt sich um ein sogenanntes repräsentatives Korpus. Die gibt es allerdings vorwiegend als theoretische Konstrukte. Es gibt beispielsweise Wörter, die nur in der gesprochenen Sprache vorkommmen, dort aber eben äuberst frequent sind oder umgekehrt Wörter, die etwa nur in juristischen Texten vorkommen. Ein weiteres Problem ist das der Wortformen oder anders gesagt: Was wird gezählt?

9.3 Das Zählen von Frequenz

Normalerweise werden die einzelnen Wortformen gezählt. Sie werden allerdings meist lemmatisiert, d.h. die Wortformen, also hier die Flexionsformen, eines Wortes werden der Zitierform zugeordnet. Bei der Lemmatisierung werden nicht die "tokens" gezählt, also die einzelnen Erscheinungsformen, sondern die Lemmata. So sind also sing und sang zwei Formen des gleichen Lemmas singen. Weil man nur die Lemmata zählt, entstehen Probleme bei polysemen oder homonymen Wörtern. Die Gesamtfrequenz eines Lemmas sagt nichts über die einzelnen Bedeutungen aus, vgl. die verschiedenen Bedeutungen der Wortform Band.

9.4 Frequenz-Unterschiede zwischen Sprachen

Bei der Bestimmung der Äquivalenzrelation zwischen zwei lexikalischen Einheiten einer Sprache ist die Frequenz neben Bedeutung und Gebrauchsbedingungen ebenfalls wichtig. Auch bei abstrakten oder sogar grammatischen Wörtern begegnen einem Frequenzunterschiede, beispielsweise beim Vergleich des niederländischen men und dem deutschen man. In lockerer geschriebener und gesprochener Sprache findet sich im Niederländischen nämlich oft je. Das Deutsche hat diese Möglichkeit nicht, wohl aber die oben verwendete reflexive Konstruktion. Daneben gibt es im deutschen Sprachraum BefürworterInnen einer Differenzierung zwischen man und frau. Die ausschließliche Verwendung von man wird als nicht frauenfreundlich gesehen. Ein Kompromißvorschlag war mensch, aber damit sind wir wieder bei den sozialen Varietäten; wer so schreibt oder sogar spricht, will seine politische Korrektheit zeigen.

Zurück zum Anfang (Inhaltsverzeichnis) Zurück zur Startseite (Modul-Auswahl)

10. Das Anwenden von lexikalischen Kenntnissen

10.1 Einleitung

Die vorigen Kapitel sollten eine Übersicht geben über die wichtigsten Aspekte von Wortschatzkenntnis. Die Basisidee war ziemlich einfach: Wenn man Texte gut verstehen will und korrekte und effektive Äußerungen in der Fremdsprache produzieren will, dann muß man nicht nur einen breiten Wortschatz haben, sondern auch einen "tiefen" Wortschatz. In diesem Kapitel werden nun ein paar Beispiele gegeben für den Nutzen von einem solchen "tiefen" Wortschatz, außerdem betrachten wir kurz den allgemeinen Nutzen von Wortschatzkenntnissen für Philologie-Studenten.

10.2 Fähigkeit zu raten

10.2.1 Der Nutzen des Ratens

Beim Lesen von Texten in einer Fremdsprache ist es wichtig, auf die unbekannten Wörter zu achten. Wenn man sie einfach überliest, fehlen sie einem möglicherweise zum Verstehen von einem größeren Teil des Textes als dem Satz, in dem sie vorkommen. Aber man muß auch nicht gleich nach dem Wörterbuch greifen, denn oft kann man ohne Wörterbuch auskommen. Durch die Kenntnis, die man schon über Wörter hat, und mithilfe von allgemeinen Lesestrategien, kann man die Bedeutung von neuen Wörtern oft selbst raten. Das ist gut für das Entwickeln der Lesefertigkeit im allgemeinen, weil man sich dabei trainiert, genau und auch kritisch zu lesen, es ist auch gut für den Aufbau einer aktiven Haltung in bezug auf die Wortschatzerweiterung.

10.2.2 Wie rät man?

Theoretisch gibt es ein paar Schritte, die man unternehmen kann, um die Bedeutung eines Wortes zu raten. Im folgenden sind sie zusammengestellt:

a) Ermitteln, was es ist, das man nicht versteht, das kann helfen bei der Bestimmung des in Frage kommenden Worts.

b) Für sich selbst ermitteln, ob es wichtig ist, die Bedeutung dieses Wortes zu kennen.

c) Falls ja, die Wortart des entsprechenden Worts bestimmen. Dabei kann man nach Affixen sehen, oder die grammatische Funktion des Wortes im Satz ermitteln. Man sollte darauf achten, daß eine lexikalische Einheit aus mehreren Wörtern bestehen kann.

d) Überprüfen ob die lexikalische Einheit aus Wörtern oder Wortteilen besteht, die man kennt.

e) Den ganzen Satz gründlich durchlesen.

f) Den Text um diesen Satz herumlesen, sowohl die Sätze davor als auch die Sätze danach. Wenn die unbekannte lexikalische Einheit einen wichtigen Status im Text hat, dann kommt es oft vor, daß die danach folgenden Sätze nützlich sind für die Bestimmung der möglichen Bedeutung der unbekannten lexikalischen Einheit, es kann z.B. danach ein Beinah-Synonym der lexikalischen Einheit im Text vorkommen.

g) Die Schritte a, c und d benutzen, um eine Idee über die Bedeutung der lexikalischen Einheit zu entwickeln.

h) Im folgenden kontrollieren, ob diese Idee in den Text paßt, man kann dazu die Wortart noch einmal kontrollieren, man kann sehen, ob die lexikalische Einheit mit dieser Bedeutung gut in den Satz paßt, und man kann kontrollieren, ob der ganze Textabschnitt, in dem die lexikalische Einheit steht, gut zu verstehen ist. Danach muß man die lexikalische Einheit in einem Wörterbuch nachsehen, um seine Hypothese zu verifizieren. Dieser letzte Schritt ist essentiell! Es kommt nämlich vor, daß die geratene Bedeutung nicht die richtige ist. Wenn keine Kontrolle mithilfe des Wörterbuchs wäre, versteht man nicht nur den Text falsch, sondern es prägt sich auch die so geratene falsche Bedeutung im Gedächtnis ein.

Je mehr man Wörter aus dem Zusammenhang rät, um so mehr Übung bekommt man darin, und das verbessert die Fähigkeit, selbständig zu lernen, und es verbessert auch die allgemeine Lesefähigkeit.

10.3 Variationsreicher Sprachgebrauch

Beim Schreiben von Texten ist es wichtig, die einzelnen Textteile explizit miteinander zu verbinden. Man nennt das Kohäsion des Textes, eine gute Kohäsion des Textes fördert die Lesbarkeit. Lexikalische Wiederholung und lexikalische Variation gehören zu den Mitteln, mit denen man Kohäsion im Text herstellen kann.

10.3.1 Lexikalische Wiederholung

Wenn man in einem Text immer dieselben Wörter und Redewendungen gebraucht, kann er langweilig wirken. Deswegen wird in Ratgebern zum guten Schreiben meist gesagt, man müsse für lexikalische Variation sorgen. Es gibt aber Ausnahmen. 1. muß man, wenn man Dinge kontrastiert, die konstant bleibende Information mit denselben Wörtern wiedergeben. Ein Beispiel:

Eine Firma, die umweltfreundliche Produkte herstellt, ist nicht unbedingt so "sauber" wie eine Organisation, die mit ökologisch vertretbaren Produktionsmitteln arbeitet.

Eine Firma, die umweltfreundliche Produkte herstellt, ist nicht unbedingt so "sauber" wie eine Firma, die mit umweltfreundlichen Produktionsmitteln arbeitet.

In der ersten Version gibt es eine Variation zwischen Firma und Organisation und zwischen umweltfreundlich und ökologisch. Das macht es für den Leser nicht sofort klar, daß es in diesem Satz nur darum geht, Produkte gegen Produktionsmittel abzusetzen.

Ein zweites Beispiel betrifft Fachtermini. Fachtermini sind exakt definiert und haben keine Synonyme, folglich ist es sinnlos, nach Alternativen zu suchen, das kann die Lesbarkeit des Textes nur stören.

10.3.2 Lexikalische Variation

Wenn lexikalische Variation auch manchmal gefährlich sein kann, ist es im allgemeinen schon gut, nicht immer dasselbe Wort zu gebrauchen. Ein einfaches Mittel, für Abwechslung zu sorgen, ist, Wörter aus derselben morphologischen Familie zu gebrauchen, z.B. Anwesenheit und anwesend. Man kann auch Wörter aus dem selben semantischen Feld benutzen, z.B. anfordern, verlangen, fordern, auferlegen, sich aufbürden.

10.4 Kreativer Sprachgebrauch

Man kann seine lexikalische Kenntnis auch benutzen, um kreativ mit der Sprache umzugehen. Je mehr man mit der Art des Wortschatzes in der fremden Sprache vertraut wird, um so mehr merkt man, daß man es durchaus wagen kann, selbst neue lexikalische Einheiten zu "bauen", und daß man eine recht gute Garantie dafür hat, daß die Bedeutung dieser lexikalischen Einheiten zu verstehen ist. Wenn man z.B. die produktiven Affixe und die normalen Wortbildungsmuster der fremden Sprache ein bißchen kennt, kann man seinen Wortschatz in der Sprache erheblich vergrößern. Man kann durchaus noch nicht gebräuchliche Wortformen bilden, wie etwa Verbableitungen auf -bar: findbar, riechbar. Das Muster besteht genauso im Niederländischen: vindbaar, reukbaar. Da diese Bildungen einem produktivem Muster folgen, wird ein native speaker sie verstehen.

10.5 Der Wortschatz des Experten

10.5.1 Umfang und Art Ihres Wortschatzes

Wenn man das Examen in Niederlandistik oder "Deutsch-Niederländische Sprach- und Kulturkontraste" hat, dann ist man eine Art Experte in diesem Fach oder wird zumindest so angesehen. Das bedeutet auch, daß man lexikalische Fähigkeiten entwickelt hat. Was sind nun die wichtigsten Eigenschaften des Wortschatzes eines Experten? Experten wissen viel über die Lexikoneinheiten, die zu ihrem Wortschatz gehören. Und der Wortschatz selbst? Am Ende des Studiums werden Sie einen großen Wortschatz im Niederländischen haben. Das wird zu einem großen Teil allgemeiner Wortschatz sein und die aktiv beherrschten Wörter sollten auch in der Tiefe bekannt sein.

10.5.2 Der Wortschatz des Gesprächmanagements

Wenn Sie Examen machen, wird man von Ihnen erwarten, daß Sie flüssig und mit Selbstvertrauen in niederländischer Sprache sprechen können. Dabei ist ein ganz wesentlicher Bestandteil, daß Sie Techniken beherrschen, mit denen sie das Gespräch organisieren können. Dies ist keineswegs nur ein Merkmal der Persönlichkeit, es hat ganz wesentlich mit lexikalischen Kenntnissen zu tun. Man braucht die nötigen lexikalischen Mittel zur Redeeinleitung, zum Abschwächen der eigenen Position, zur Markierung von Höflichkeit usw. Im folgenden einige Beispiele hierfür:

Die eigene Meinung mitteilen

1) Zustimmend
Precies!
Inderdaad!
Naar mijn mening zou dat een goede zaak zijn

2) Abwägend
Ja, daar zit misschien wel iets in...
Het lijkt me dat...
Het hangt ervan af...

3) Ablehnend
Nee, dat vind ik niet!
Ik denk van niet!
Wat een onzin!

Kritisieren

1) Direkt und informell:
Dat heb je verkeerd gedaan!
Dat is niet in orde!
Ik vind dat je niet goed functioneert!

2) Direkt und formell:
Dat heeft u niet goed gedaan,
Het spijt me dat ik het u moet zeggen, maar ik vind het niet mooi.
Doet u toch niet zo onbeleefd!

3) Indirekt und formell:
Wist u dat...?
Zou u het heel erg vinden om...?
Vindt u het niet vreemd...?

Auf Kritik reagieren

1) Formell
O, wat spijt me dat!
Neemt u me niet kwalijk, ik lette niet op!
Zou u me kunnen uitleggen wat er niet goed is?
Ik begrijp niet goed wat u bedoelt!

2) Informell
Sorry!
O, wat dom van me!
Het is mijn fout!
Hoe bedoel je dat?
Wat klopt er dan niet?
Hoe moet het dan wel?

Sehr ausführlich, und nach Situationen geordnet werden solche Redemittel in der Reihe: Manieren van praten von Yolande Timmermann (erschienen bei Wolters-Noordhoff, 1993, 2 Bände) behandelt.

Bei der Schreibfertigkeit wird erwartet, daß Sie Texte über komplexe Themen schreiben können, und zwar so, daß sie kohärent sind. Um dies zu leisten, muß man alle Verbindungswörter kennen. Im folgenden sehen Sie ein paar Beispiele von wichtigen Verbindungswörtern, die Studierende leider nicht oft genug benutzen:

Im übrigen...(voor het overige...)
Im Gegensatz zu dieser These...(in tegenstelling tot deze opmerking...)
Trotzdem...(desondanks..., niettemin...)
übrigens (trouwens)

10.5.3 Der Wortschatz Ihres Fachgebiets

Wenn Sie Examen haben, wird von Ihnen erwartet, daß Sie über Themen im Deutsch-Niederländischen Sprach- und Kulturvergleich auf einem hohen Niveau diskutieren und schreiben können. Sie haben in Ihrem Studium gemerkt, daß verschiedene Teilgebiets des Fachs Ihre eigene Fachterminologie haben, und man erwartet von Ihnen, daß Sie diese Terminologie kennen und benutzen können. Sie sollten im Laufe Ihres Studiums die Fachtermini in Ihren elektronischen Karteikasten (kaartbak) aufnehmen, wobei Sie die Wörter mit den nötigen Kommentaren versehen sollten in bezug auf ihre Zugehörigkeit zu einem Spezialwortschatz.

10.5.4 Für Lerner problematische Wörter

Als Spezialist für Deutsch-Niederländische Sprach- und Kulturkontraste sollten Sie wissen, was die bekanntesten Fehler sind, die Niederländer im Deutschen und Deutsche im Niederländischen machen. Man muß dafür sorgen, daß man sie selbst nicht macht, man muß aber auch andere davor warnen können. Weil das Deutsche und Niederländische so ähnlich sind, aber Bedeutungen stark voneinander abweichen können bei recht ähnlich klingenden Wörtern, ist es ganz wichtig, sich die Wörter zu merken und aufzuschreiben, die oft falsch gebraucht werden. Bestehende Fehlersammlungen, wie die von van Megen und Lange sind dabei eine große Hilfe.
(Megen, Jan v., 1992. Verwante talen - vreemde vrienden. Muiderberg. Lange, Klaus-Peter, 1993. Fehlergrammatik Niederländisch-Deutsch. Bussum)

10.5.5 Zum Abschluß

Eine gute Kenntnis einer Sprache verlangt auf jeden Fall gute grammatische und lexikalische Kenntnis. Sie können alle möglichen Sätze im Niederländischen grammatisch analysieren. Sie kennen auch die spezifischen syntaktischen Merkmale und Regeln des Niederländischen. Natürlich erwartet man von Ihnen, daß Sie diese Regeln auch anwenden können. Das gilt auch für den Wortschatz. Auch hier kennen Sie die spezifischen Merkmale und Regeln, und Sie wenden sie rezeptiv und produktiv richtig an. Sie können einen Text nicht nur gut verstehen, sondern Sie können auch angeben, was die spezifischen Textmerkmale sind, und Sie können außerdem den besonderen Wert der durch den Autor benutzten lexikalischen Mittel beurteilen. Auch Sie selbst können die richtigen Wörter benutzen und die für die Textsorte angemessenen Stilmittel wählen. Durch den richtigen Gebrauch der lexikalischen Merkmale und Regeln des Niederländischen sprechen Sie idiomatisch richtig. Die im folgenden angebotenen Übungen sollen diesem Ziel dienen.

Zurück zum Anfang (Inhaltsverzeichnis) Zurück zur Startseite (Modul-Auswahl)